| André Brie, 14. Januar 2003, Disputkolumne
Januar 2003
Spiel mit dem Feuer
Es
ist schon fast paradox: Nordkorea bietet den USA die Stirn. Ein Land der
sogenannten Dritten Welt, in dem Hunger an der Tagesordnung ist, dessen
Wirtschaft am Boden liegt und die gesellschaftliche Entwicklung in
stalinistischen Strukturen verharrt. Pjöngjang hat in den letzten Wochen
alle Forderungen Washingtons – bewusst und offiziell – zurück
gewiesen, sein bislang eingefrorenes Nuklearprogramm wieder aufgenommen,
den Rückzug aus dem Atomwaffensperrvertrag erklärt, neue Raketentests
angekündigt und den USA bei fortgesetzten Sanktionen unverhohlen mit
Krieg gedroht. Mit spiegelbildlicher Politik wird die einzige verbliebene
Supermacht unserer Zeit heraus gefordert. Nordkorea macht US-amerikanische
Politik. Der rationale Wahnsinn, die ganze Bedrohlichkeit, die gefährliche
Kurzsichtigkeit der US-amerikanischen Militärpolitik wird in ihrer
nordkoreanischen Variante vorgeführt.
Um es deutlich zu sagen: Ich halte den Rückzug Pjöngjangs aus
internationalen Abkommen zur Rüstungskontrolle und –begrenzung und die
angekündigte Fortsetzung auch des militärischen Atomprogramms für ein
Spiel mit dem Feuer. Zumal in der asiatischen Region, die durch die
Spannungen zwischen Indien und Pakistan und deren gegenseitige Drohungen
mit Nuklearschlägen, durch den Krieg in Afghanistan, die Konflikte im
Nahen Osten, in Zentralasien, im Kaukasus, die Unruhen auf den Philippinen
und die instabile Situation in Indonesien bereits einem Pulverfass
gleicht. Zudem wird die – von beiden Seiten gewünschte und bereits
eingeleitete – vorsichtige Annäherung der beiden koreanischen Staaten
blockiert.
Die Zuspitzung der Krise auf der koreanischen Halbinsel geht
allerdings bei weitem nicht allein auf das Konto der nordkoreanischen Führung.
Sie ist zum einen das Ergebnis der weitgehenden Ignoranz der
internationalen Gemeinschaft, insbesondere der Industriestaaten, gegenüber
latenten Konfliktherden, die sich nicht zuletzt aus sozialen Problemen nähren.
Zum anderen ist sie unmittelbares Resultat des gegenwärtigen US-Kurses in
der Welt. Es ist gerade ein Jahr her, dass George Bush jr. mit
machtpolitischer Willkür Nordkorea neben Irak und Iran auf die „Achse
des Bösen“ setzte und zum „Schurkenstaat“ erklärte. Nach
Kriterien, die allein im Weißen Haus bestimmt wurden. Voraus ging dem
bereits die systematische Unterhöhlung von Verträgen – nicht durch Pjöngjang,
sondern durch Washington.
Erinnern wir uns an den Sommer 1994: Schon damals stand die
koreanische Halbinsel an der Schwelle eines militärischen Konflikts. Mit
dem Genfer Rahmenabkommen vom Oktober 1994 wurde die Krise entschärft.
Die USA verpflichteten sich, für den Bau von zwei Atomreaktoren bis 2003
Sorge zu tragen, mit denen der Energiemangel Nordkoreas verringert werden
sollte. Bis zur geplanten Fertigstellung der Reaktoren wurde die Lieferung
von jährlich 500 000 Tonnen Schweröl und Kohle zugesagt. Nordkorea
stimmte im Gegenzug Inspektionen seiner Kernkraftwerke zu und erklärte,
sein militärisches Atomprogramm ebenso auf Eis zu legen wie seine
Raketenforschungen. Allerdings stehen von den versprochenen Reaktorblöcken
bis heute nur die Grundmauern; die Rufe aus Pjöngjang nach Weiterbau der
Anlagen stießen auf taube Ohren. Als die USA, die EU, Südkorea und Japan
dann noch im Dezember letzten Jahres ihre Öllieferungen an Nordkorea nach
Informationen über die Fortsetzung des nordkoreanischen Atomprogramms
einstellten, musste sich Nordkorea endgültig verraten fühlen. Mit dem
Mut der Verzweiflung versucht Pjöngjang nun offensichtlich, durch Drohgebärden
neue Verhandlungen und Hilfslieferungen zu erreichen. „Sanktionen
bedeuten Krieg, und der Krieg kennt keine Gnade“, hieß es zurecht in
einer Erklärung aus Pjöngjang.
Die Antwort aus Washington ist durchaus überraschend. Es wird
nicht, wie üblich, der (militärische) Knüppel gezeigt. Im Gegenteil:
Die USA bemühen sich, wie mehrfach im Weißen Haus betont wurde, um eine
friedliche Lösung des jüngsten Konflikts. Sogar die Wiederaufnahme der
Öllieferungen wird erwogen. Hätte Bagdad einen solchen Vorstoß wie Pjöngjang
gewagt, würden heute schon die alliierten Bomber über Irak kreisen. Der
Aufmarsch US-amerikanischer Truppen am Golf, Washingtons Ruf nach
„aggressiveren“ Kontrollen durch die UN-Waffeninspekteure, die von
Bush-Administration bereits angekündigte Missachtung unliebsamer
Sicherheitsratsenscheidungen sprechen eine klare Sprache.
Weshalb aber misst Washington im Fall von Irak und Nordkorea mit
zweierlei Maß? Ist Irak gefährlicher als Nordkorea? Wohl kaum. Nach über
zehn Jahren Embargo liegt das Land am Boden und Saddam Hussein dürfte der
derzeit bestüberwachte Staatschef der Welt sein. Verfügt Bagdad über
schlagkräftigere Waffen als Pjöngjang? Absurd, schließlich wurden im
Irak nachweislich alle wesentlichen Waffenbestände und die Rüstungsindustrie
zerstört, während die – unkontrollierten – Rüstungsprogramme in
Nordkorea fortgesetzt wurden. Den Unterschied im US-Vorgehen machen die
irakischen Ölvorkommen. Um den Zugriff auf das schwarze Gold geht es der
Bush-Administration, und nicht etwa um Demokratie, Freiheit oder die Eindämmung
einer Kriegsgefahr. Hätten sich die USA andernfalls nicht längst von
ihrem „strategischen Partner“ Pakistan trennen müssen, einem Land,
das unverhohlen Atomkriege in Erwägung zieht? Hätten sie nicht längst
auf die Demokratisierung der befreundeten arabische Monarchien drängen müssen?
Hätten sie nicht längst ihre Unterstützung für reaktionäre Kräfte
einstellen müssen, die gewählte Regierungen in Lateinamerika stürzen
wollen?
Neben der Doppelzüngigkeit der US-Politik zeigt der Konflikt um
Nordkorea aber noch etwas anderes: Krisen sind, den Willen aller Seiten
vorausgesetzt, durchaus mit friedlichen Mitteln zu lösen. Dies haben in
Fernost nicht nur die Hauptkonfliktparteien DVRK und USA, sondern auch die
Regionalmächte Russland, China, Japan und Südkorea wiederholt
unterstrichen. Ein Beispiel, das auch in der Golfregion Schule machen
sollte.
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