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André Brie, Kolumne für Disput,
Januar 2002
Noch einmal: Berlin
„Rosa-Rosa"
überschrieb die „Frankfurter Rundschau" Ende Dezember letzten
Jahres einen Kommentar zur Koalitionsvereinbarung zwischen PDS und SPD in
Berlin. Gemeint war damit: Die demokratischen Sozialistinnen und
Sozialisten geben Positionen auf und begeben sich auf einen soft-linken
Kurs im Fahrwasser der SPD. Mit dem vorgelegten Koalitionspapier sei ein
Impuls für die Entwicklung der Bundeshauptstadt nicht zu erwarten, eher
eine modifizierte Fortsetzung der bisherigen Politik. „Festzuhalten ist,
dass jene Partei, die immer von sich behauptete, die rettenden
Alternativen zu kennen, im Club der Weitermacher nun endgültig angekommen
ist", so die „Frankfurter Rundschau".
Mit dieser Ansicht reiht sich die Zeitung in den Kanon von
„Frankfurter Allgemeinen" bis Berliner „Tagesspiegel" ein,
die in der Koalitionsvereinbarung eine eher kraftlose Grundlage für die
Berliner Landespolitik sehen. Dabei kann allein schon die Tatsache, dass
Berlin künftig von einer Koalition der beiden Linksparteien regiert wird,
die ein Dreivierteljahrhundert Antipoden waren, überhaupt nicht überbewertet
werden. Über diese Fragen hatte ich im Dezember-Heft von Disput
geschrieben und wiederhole sie hier nicht. Die Republik wird mit der
Bildung der rot-roten Koalition in Berlin nicht mehr die alte sein. Ob das
neue Bündnis unter den extrem schwierigen Bedingungen allerdings
erfolgreich sein wird, muss sich erst erweisen.
Nach dem Scheitern der „Ampelgespräche" hatten sich
Sozialdemokraten und Sozialisten in nur zwei Wochen auf die Eckpunkte des
Koalitionsvertrags geeinigt und in den ersten Januartagen mit der
Verabschiedung der Präambel die Vereinbarung unter Dach und Fach
gebracht. Erstmals trägt die PDS nun auch Verantwortung für
„westliches Politikgebiet", wie selbst die „Süddeutsche
Zeitung" anerkannte. Eine Signalwirkung, die weit über die Grenzen
der Bundeshauptstadt hinaus wirkt.
Mag die Kritik an der Berliner Koalitionsvereinbarung auch
teilweise harsch und unfair ausfallen - eine gewisse Häme über das Zurückstecken
der PDS in einigen Punkten ist dabei nicht zu überhören -, scheint sie
mir jedoch nicht ganz unberechtigt. Auch ich hätte mir gewünscht, dass
die Vorstellungen der PDS deutlicher zum Tragen kommen und nicht hauptsächlich
auf ein Korrektiv der gröbsten SPD-Vorstöße schrumpfen. Zwar können
die Verhandlungsführer der Partei einige Erfolge verbuchen. Die Ablehnung
der Erhöhung der Kita-Gebühren gehört ebenso dazu wie die weitgehende
Verhinderung von Kürzungen im Bildungsbereich. In der
inhaltlich-konzeptionellen Orientierung der Kultur- und der
Bildungspolitik sehe ich zudem Aspekte, die über die Milderung des
sozialdemokratischen Neoliberalismus und die verantwortungsvolle
Verwaltung und langfristige Überwindung des desaströsen CDU/SPD-Erbes in
der Berliner Finanz- und Wirtschaftspolitik hinausgehen, es ermöglichen können,
den schwierigen Weg moderner sozialer und kultureller Alternativen zu
gehen.
Zugleich enthält die Vereinbarung über die Politik in Berlin aber
auch eine Reihe von Vorgaben, die gerade für Menschen mit geringem
Einkommen harte Schnitte bedeuten. So dürften die Wasserabgabe und die
Erhöhung der Grundsteuer deren soziale Situation weiter verschärfen. In
der Betriebskostenabrechnung werden beispielsweise kinderreiche Familien
mit relativ großen Wohnungen schnell hundert oder zweihundert Euro zusätzlich
zahlen müssen. Ich hoffe doch, dass jeder PDS-Funktionär noch Menschen
kennt, für die das eine enorme Belastung ist.
Es liegt mir fern, die Berliner PDS für die Koalitionsvereinbarung
zu kritisieren. Politik, und insbesondere auch Bündnispolitik, ist immer
die Kunst des Machbaren oder wie Max Weber meinte, das Bohren dicker
Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft. Mit fast 40 Milliarden Euro stand
die Stadt Ende letzten Jahres in der Kreide. Für 2002 ist im Berliner
Haushalt mit einer Deckungslücke von 5,2 Milliarden Euro zu rechnen. Die
finanzielle Krise ist das größte Problem der Hauptstadt und zugleich die
größte Herausforderung für den neuen Senat. In der
Koalitionsvereinbarung ist diesem Fakt mit der Aussage Rechnung getragen,
dass die zu ergreifenden Maßnahmen „in Reichweite und Umfang der
Dramatik der Situation angemessen" sein müssen.
Stärker noch als die „Sachthemen" werden die Aussagen zur
Vergangenheit in der Präambel der Koalitionsvereinbarung für
Diskussionsstoff in der PDS selbst sorgen. „Nicht ohne Zumutungen"
gehe die Rückschau auf die Geschichte ab, erklärte Gabi Zimmer. Die
einseitige Zuordnung der Verantwortung für Mauerbau und Maueropfer, die
klare Distanzierung von Unrechtstaten der SED, die Verurteilung von
politischer Verfolgung in der DDR und der Zwangsvereinigung von SPD und
KPD werden bei nicht wenigen PDS-Mitgliedern auf Ablehnung stoßen.
Letztlich sind in der PDS aber längst ähnlich kritische, zum Teil sogar
schärfere Einschätzungen veröffentlicht worden, wenn ich nur an den
Brief Biskys, Gysis und der ostdeutschen Landesvorsitzenden an Richard von
Weizsäcker erinnere. Allerdings hat bislang noch niemand in der PDS von
einer „ausschließlichen“ Verantwortung Ostberlins und Moskaus
gesprochen. Selbst in der SPD wird es außerhalb des rechten Seeheimer
Kreises kaum jemanden geben, der die Geschichte so sieht. Zu berücksichtigen
ist meiner Meinung nach jedoch zum einen, dass es sich bei der
Koalitionsvereinbarung um ein Dokument nicht für die PDS (und die SPD)
handelt, sondern um ein Regierungsprogramm für das Land Berlin, für die
Stadt Berlin, in der der kalte Krieg seine bis heute nachwirkenden Spuren
hinterlassen hat. Zum anderen halte ich es für produktiv, sich mit der
eigenen Verantwortung und Schuld zu befassen, um die Fehler der
Vergangenheit unwiederholbar zu machen. Die Unwilligkeit anderer, sich mit
ihrer Geschichte zu befassen, kann kein Grund sein, es ihnen in der
Lernunfähigkeit gleichzutun. Ich sehe in der Debatte gerade über diese
Passagen der Präambel daher eine Chance, sich in unserer Partei ehrlich
und sicher auch schmerzlich, aber eben produktiv mit der Geschichte
auseinander zu setzen. Über konkrete Aussagen lässt sich streiten, muss
gestritten werden. Aber die sehr kritische Geschichtsarbeit muss uns
niemand abnötigen. Sie ist in unserem eigenen Interesse, sie ist
Voraussetzung und Kapital einer neuen sozialistischen und
kapitalismuskritischen Partei, die die SPD von links herausfordern will.
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