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24. April 2004 |
André Brie
Begegnungen
statt Vorurteile
Mit diesem
Eintrag „zwischendurch“ in mein Wahlkampftagebuch möchte
ich das Treffen mit meiner Besuchergruppe im Europäischen
Parlament vom Mittwoch nachtragen. Zum erstenmal hatte
ich Auszubildende eingeladen. Wir trafen uns zunächst
am Vormittag im EP und diskutierten zwei Stunden über
die EU, den Verfassungsentwurf und den bevorstehenden
Beitritt von zehn neuen Staaten, insbesondere aus
Mittel- und Osteuropa. Das Interesse war erstaunlich groß.
Aber auch Befürchtungen über Billiglöhne und
Arbeitslosigkeit waren weit verbreitet. Die in dieser
Woche veröffentlichten Umfrageergebnisse in der FAZ,
noch mehr aber die in der Schweriner Volkszeitung,
zeigen ohnehin eine – aus meiner Sicht –
alarmierende Zunahme von Skepsis gegenüber der europäischen
Integration im Allgemeinen und der Osterweiterung im
Besonderen. Ich denke auch, dass die Bürgerinnen und Bürger
viel zu wenig in diesen Prozess einbezogen waren und
sind. Vor allem werden meiner Meinung nach dringende Veränderungen
(Vereinbarung von Sozialstandards und Mindestlöhne, zum
Beispiel Form von Korridoren, die allmählich nach oben
angeglichen werden) nicht angestrebt. Es gibt durch die
Erweiterung große Chancen für eine enge und friedliche
Nachbarschaft, für die wirtschaftliche Entwicklung, für
den Austausch der Kulturen und menschliche Kontakte.
Aber die Europäische Union wird mit der Erweiterung
auch wesentlich heterogener, das wirtschaftliche und
soziale Gefälle nimmt prinzipielles Ausmaß an (bislang
2 zu 1 zwischen den am besten und den nicht gut
entwickelten Regionen, dann bis zu 7 zu 1). Es ist höchste
Zeit, die Vorstellungen des früheren Kommissionspräsidenten
Delors für eine Sozialunion in Angriff zu nehmen. Also,
verwunderlich ist es nicht, dass die Sorgen in der Bevölkerung
zugenommen haben. Ich hatte zu der Reisegruppe aber auch
Schülerinnen und Schüler aus einem polnischen
Gymnasium eingeladen. Die erzählten mir, als wir abends
noch in einem der malerischen Restaurants im Straßburger
Zentrum zusammensaßen, dass sie ein wenig traurig
gewesen seien, von den deutschen so viel von Befürchtungen,
so wenig über die Möglichkeiten des polnischen
Beitritts zu hören. Im Gespräch miteinander kamen sich
die Lehrlinge und die polnischen Schüler dann aber
rasch näher. Eben das ist meine größte Hoffnung:
miteinander sprechen, sich kennen lernen, persönliche
Kontakte. Es gibt kein besseres Mittel, Vorurteile
abzubauen. Die (durchaus informativen) Hochglanzbroschüren
der Kommission und des EP schaffen das nicht.
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