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20. Mai 2004 |
André Brie
"Agenda"
ausgenommen
Die
Veranstaltungen der vergangenen Woche waren besonders
anspruchsvoll und interessant. Gern würde ich über die
Theaterpremiere der "Trotzburger", einer
Gruppe behinderter Menschen, schreiben, die am Wismarer
Theater Goethes "Reinecke Fuchs" auf eine
wunderbare Weise auf die Bühne gebracht haben. Der
Beifall von rund 500 Besucherinnen und Besuchern nahm
fast kein Ende. Ich durfte dort eine Einführungsrede
halten. Am Tag zuvor war ich bei Attac in Frankfurt am
Main. Das Thema EU-Verfassung war heftig umstritten. Am
Sonnabend habe ich in Wittenberg zum 60. Geburtstag von
Friedrich Schorlemmer sprechen und lesen dürfen. Am
Sonntag ging es auf einer Konferenz in Rostock um die
praktischen Konsequenzen der EU-Erweiterung für
Mecklenburg-Vorpommern, am Montag folgte ein Streitgespräch
zwischen Attac und PDS in Berlin.
Doch ich möchte
eine ganz andere Veranstaltung herausgreifen, in Herne,
gar nicht so gut besucht, aber für mich eine wichtige
und seltene Erfahrung. Dort, in dieser Stadt mit 11.000
Arbeitslosen, davon fast die Hälfte langzeitarbeitslos,
fand ich zum erstenmal seit langer Zeit ein reines, sehr
traditionelles Arbeitermilieu vor. Die Gaststätte
"Sonne" war und ist eine typische
Arbeiterkneipe, wie sie auch im Ruhrgebiet nicht mehr so
häufig ist. Mein ausgeklügeltes Manuskript zur
EU-Sozialpolitik, ihrer Geschichte, ihren Inhalten,
Grenzen, Rechtsformen konnte ich gleich in der Tasche
lassen. Es ging sehr direkt zur Sache. Hemmungen, mich
schon zum Beginn meiner Bemerkungen zu unterbrechen, gab
es nicht. Ein schwerbehinderter Arbeitsloser erzählte
im Ruhrgebietsdialekt von seinem Schicksal, ein älterer
Mann, der vor kurzem die SPD verlassen hat, in die er
"familiär hineingeboren sei" (er hat
jahrzehntelang in einem Steinkohlebergwerk gearbeitet),
von seiner Empörung über die Agenda 2010, die beiden
Herner PDS-Stadträte anschaulich von den Folgen der
Regierungsreformen für die Kommunen im Ruhrgebiet, die
ähnlich hohe Arbeitslosenzahlen aufweisen wie die
ostdeutschen Bundesländer. Akademisch war nichts,
hochdeutsch sprach keiner, und ich selbst habe einen
Abend lang auch auf praktisch jedes Fremdwort verzichtet
- "Agenda" ausgenommen.
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