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08. April 2004 |
André Brie
Nachtaktionen
vs. Nachtzüge
Diese Woche war
anstrengend, aber die Arbeit macht Spaß. Trotz des
Wahlkampfes geht es in Strasbourg und Brüssel ja
weiter: Plenum, Auswärtiger Ausschuss, Änderungsanträge,
Artikel. Zu dieser Arbeit gehörte aber auch eine von
meiner Fraktion organisierte Anhörung des Europäischen
Betriebsrates von Bombardier. Mit den Kollegen aus Großbritannien,
Deutschland, Portugal und Schweden haben wir dann noch
bis nach Mitternacht in einem brasilianischen Restaurant
weiter diskutiert - über die von der Konzernleitung
beabsichtigte Schließung einiger Betriebe, darunter in
Ammendorf bei Halle, die Auswirkungen von Privatisierung
und europaweiter Liberalisierung des Schienenverkehrs,
schließlich auch, ob es für die Gewerkschaften und
Betriebsräte ausreicht und effektiv ist, sich gegen die
Folgen zu wehren, aber die grundsätzlichen Fragen
neoliberaler Wirtschaftspolitik und des dominierenden
Marktradikalismus auszuklammern. Vor allem die Kollegen
aus Großbritannien, Deutschland und Schweden waren eher
sozialdemokratisch orientiert, aber erstens
ausgesprochen dankbar dafür, dass wir ihnen die Möglichkeit
organisiert hatten, vor Abgeordneten aller Fraktionen
Gehör im Europäischen Parlament zu finden. Zweitens
sind sie sich durchaus bewusst, dass die
Auseinandersetzungen um den wirtschafts- und
sozialpolitischen Kurs der EU zunehmend einen grundsätzlichen
Charakter annehmen (müssen).
Die
Massendemonstrationen am 3. April gegen die Agenda 2010
haben diesen Zusammenhang jedenfalls sicht- und hörbar
angesprochen. Es war zeitlicher, aber natürlich kein
politischer Zufall, dass wir in der Nacht zum Sonntag
mit einem zweiundvierzig Meter hohen Kranwagen ein fast
einhundert Quadratmeter großes Transparent an einem
Elbe-Turm anbrachten, um weithin sichtbar unsere
Solidarität mit der Ammendorfer Belegschaft zu
dokumentieren. Das Verständnis für spektakuläre
Aktionen ist in der PDS nicht sehr groß, aber viele
Menschen erfahren darüber wesentlich mehr über den
politischen Platz der Partei als über ellenlange Flugblätter.
Um fünf Uhr morgens war ich zu Hause. Und ausnahmsweise
ziemlich zufrieden.
Montag dann noch
ein Abstecher nach Bremen, ein Forum über die
EU-Politik in Afghanistan und im Irak. Der Saal war
voll, das Echo gut, Kritik gab es natürlich auch: an
meiner Sprache (muss ich wirklich aufpassen) und an der
Regierungsbeteiligung der PDS in Berlin und Schwerin.
Diesmal war ich um zwei Uhr nachts zurück. Mit dem
Auto. Züge fahren in Deutschland nach 21.30 Uhr selbst
nach Berlin nicht mehr.
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