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03. Juni 2004 | André Brie
Es ist ein
Skandal
In Aachen, am vergangenen
Donnerstag, hatten Pro Asyl und andere Veranstalter eine
Diskussion zur europäischen Flüchtlingspolitik
organisiert, auf dem Podium auch SPD, Grüne und PDS.
Die CDU konnte keinen Vertreter schicken. Der Saal im
Institut Francais war voll, was mich angenehm berührt
hat, denn das Thema ist ansonsten leider alles andere
als populär. Es ist bestürzend und aus meiner Sicht
unverantwortlich, dass in Deutschland Flüchtlings- und
Einwanderungspolitik immer stärker unter dem
Gesichtspunkt der Sicherheit diskutiert wird.
Abgesehen davon, dass es mit der
Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen
Menschenrechtsdeklaration klare rechtliche Bindungen
gibt, die durch die Regelung "sicherer
Drittstaaten" verletzt werden, abgesehen auch von
humanitären Grundsätzen und der Tatsache, dass
Deutschland längst Einwanderungsland ist und es sein
muss, schürt diese Darstellung fremdenfeindliche und
nicht selten rassistische Vorurteile. Ein Vietnamese,
der seit 30 Jahren in Deutschland lebt, erzählte
eindringlich von seiner Situation, immer wieder nur
geduldet zu werden, keine Rechte zu haben, keine Möglichkeit
auf Einbürgerung zu erhalten. Noch dramatischer und
meiner Meinung nach unmenschlich, dass die Frage der
"Illegalen" nicht endlich angepackt wird. Die
Debatte war vielschichtig, schloss auch die Schengener
Regeln "verdachtsunabhängiger Kontrollen"
ein, die fast immer Menschen treffen, die anders
aussehen, oder die diskriminierenden Konsequenzen der
Hartz-Gesetze für Asylbewerberinnen und -bewerber.
Auch Pfingsten war nicht frei, und
seit Montag hat auch für mich ein intensiver Straßenwahlkampf
in Mecklenburg-Vorpommern begonnen, drei, vier Städte
am Tag. Ich bin inzwischen sonnengebräunt, spöttische
Zungen meinen, ich käme aus dem Urlaub. Im Kreis
Parchim habe ich immer noch kein PDS-Plakat entdeckt.
Gestern zeigte mir eine arbeitslose Friseurin in Lübz
einen Arbeitsvertrag, der ihr angeboten worden war: 3,50
Euro pro Stunde, 20 Stunden je Woche, verteilt auf 6
Tage. Im Monat hätte sie damit ungefähr 290 Euro.
Brutto. Wenn sie nicht mindestens 1200 Euro Umsatz
erreicht, so der Vertrag, sollte ihr Gehalt auch noch
gekürzt werden, wenn ein Kunde mit der Frisur
unzufrieden ist, wird ihr die entsprechende Summe
abgezogen. Alles im Vertragstext. Sie hatte sich bei
ihrem Arbeitsvermittler beschwert. Der meinte jedoch, er
selbst wäre auch bereit, für 3,50 Euro zu arbeiten,
und drohte ihr mit dreimonatiger Sperre des
Arbeitslosengeldes. Das, lieber Gerhard Schröder,
lieber Manfred Stolpe, liebe Ulla Schmidt, ist
ostdeutsche Realität. Und es ist ein Skandal!
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