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01. April 2004 |
André Brie
Politik des
langen Atems und der weiten Wege
Ich komme noch
einmal auf die Medien zurück, konkreter auf erneute
Vorwürfe gegen die EU-Parlamentarier als
"Abzocker". Ganz klar: Die Reisekosten- und
Tagegeld-Regelung muss transparent und den realen Kosten
entsprechend geändert werden. Das fordert die linke
Fraktion schon lange, und dabei werden wir auch bleiben.
Die Verantwortung liegt beim Parlament und vor allem
beim Europäischen Rat, der gegenwärtig eine umfassende
Regelung blockiert.
Nicht akzeptabel
ist aber auch die Tatsache, dass wir ein
Mehrklassenparlament haben, mit Diäten von 11 000 € für
die italienischen und von rund 800 € für die
ungarischen Abgeordneten. Die EU-Parlamentarier jedoch
pauschal als raffgierig und faul darzustellen, ist
erstens unberechtigt und zweitens gefährlich. Ich
jedenfalls halte eine antiparlamentarische Stimmung für
bedrohlich. Ich weiß, dass die meisten meiner
Kolleginnen und Kollegen - und das gilt für alle
politischen Lager - engagiert und mit extremem
Zeitaufwand arbeiten. Wir haben ja nicht nur nach Brüssel
oder Strasbourg zu reisen, an notwendigen Aktivitäten
unserer Ausschüsse oder Fraktionen in anderen Ländern
teilzunehmen (die linke Fraktion hat in der vergangenen
Woche in Dublin und Belfast getagt, und Nordirland ist
wahrlich keine politische Idylle). Wir wollen und müssen
vor allem auch so viel wie möglich mit Bürgerinnen und
Bürgern, Vereinen, Unternehmen, Kommunalpolitikerinnen
und -politikern zu Hause zusammenarbeiten. Bei 99
deutschen Abgeordneten und 80 Millionen Einwohnerinnen
und Einwohnern ist Bürgernähe ein ohnehin schwieriges,
aber für die Akzeptanz europäischer Politik dringend
notwendiges Unterfangen. In meinem Heimatland
Mecklenburg-Vorpommern sind wir nur drei MdEP, je einer
von CDU, SPD und PDS. Und auch wenn es für uns alle
selbstverständlich ist, am Wochenende zu arbeiten,
glaube ich, dass Menschen sozial und kulturell verarmen,
die kein Privatleben mehr haben, keine Sinne für den
endlich beginnenden Frühling, keine Zeit für Freunde,
Bücher, Kino, Theater. Die Balance zwischen der Arbeit
im Europäischen Parlament und der Arbeit vor Ort ist
nicht leicht.
Von der
Fraktionstagung in Dublin ging es noch am
Donnerstagabend direkt zum Bürgerforum über die
EU-Verfassung nach Halle, am Freitag zu Veranstaltungen
in Berlin und Parchim, am Sonnabend zur 4.
Ostseefriedenskonferenz nach Rostock. Dort durfte ich
reden (auch über die EU-Verfassung), konnte aber vor
allem viel für mich Neues über ökonomische Probleme
der Konversion hören - von hochkompetenten und
engagierten Unternehmern.
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