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André
Brie, 14. Juli 2003, Beitrag für PDS-Zeitungen in Berlin
Europa
und die PDS
Der
Europawahlkampf und die Wahlen 2004 selbst werden viele Menschen nicht
interessieren. Auch in der PDS werden die Europawahlen allenfalls abstrakt
und unter dem Gesichtspunkt diskutiert, ein Erfolg könne den Weg für den
Wiedereinzug einer Bundestagsfraktion erleichtern. Die Wahlbeteiligung,
insbesondere in Ostdeutschland (ein besonderes Problem für die PDS!) war
schon 1999 extrem niedrig. Brüssel ist weit weg, und in der EU-Zentrale
wird ohnehin nur die Krümmung von Bananen normiert. Oder über
wirtschaftspolitische Fragen sinniert, die kaum jemand versteht.
„Raumschiff Brüssel“ eben, vor allem mit sich selbst beschäftigt und
abgehoben vom realen Leben.
Bürokratie,
Verschwendung, Korruption, Bürgerferne, Demokratiemangel – das sind
Wahrheiten und Klischees gleichermaßen. Die europäische Einigung könnte
eine große Idee von Frieden, kulturellem Reichtum und Austausch und
Verteidigung und Erneuerung des Sozialstaats sein. Könnte. Fast alle
Menschen wissen von „Europa“ (und sie haben Recht ), dass es ein
Europa der Banken, Konzerne, des Geldes ist.
Es
gibt, zumal für Linke, nahezu jeden Grund für eine kritische Haltung. Für
Gleichgültigkeit und Passivität jedoch gibt es meiner Meinung nach
keinen. Erstens sollte man die europäische Idee nicht den Konservativen,
Liberalen oder der Europäischen Zentralbank überlassen. Der
Nationalstaat reicht für die sozialen und politischen
Auseinandersetzungen der Gegenwart in vielen Fällen nicht mehr aus. Die
EU dagegen wäre ein geeigneter Raum für diese Kämpfe (darauf kann ich
leider nicht weiter eingehen). Die EU-Erweiterung, der aktuelle
Verfassungsprozess und die Gestaltung des europäisch-amerikanischen Verhältnisses
sind ohnehin strategisch entscheidende Entwicklungen, um deren Inhalt
gerungen werden muss. Zweitens, ob wir wollen oder nicht, ob wir es
wahrnehmen oder nicht: „Europa“ greift viel stärker in das Leben der
Gesellschaft, der Kommunen und jedes Einzelnen ein, als auf den ersten
Blick sichtbar. Und dabei geht es keineswegs nur um irgendwelche Normen
(obgleich diese, wie bei technischer Sicherheit, durchaus sinnvoll sind).
Schon heute sind 60 Prozent der kommunalen und gar 80 Prozent der
nationalen Rahmengesetzgebung von EU-Vorgaben beeinflusst. Nur ein
Beispiel aus jüngster Zeit: Die Anfang des Monats vom Europaparlament
verabschiedete Kennzeichnungspflicht für „Gen-Food“ muss bis zum
Jahresende in allen EU-Staaten mit entsprechenden Rechtsakten umgesetzt
werden. Im übrigen ein Fortschritt für den europaweiten
Verbraucherschutz.
Allerdings
sind solche bürgerfreundlichen Initiativen eher die Ausnahme in der
EU-Politik. Von der Einheitlichen
Europäischen Akte, die die Durchsetzung des EG-Binnenmarktes zum Ziel
hatte, über den Vertrag von Maastricht, der die Währungsunion
konzipierte, bis hin zum Nizza-Gipfel im Dezember 2000, der die EU-Reform
einleiten sollte, sind die Weichen der europäischen Integration stets im
Interesse von Finanzkapital und Großunternehmen gestellt worden. Das ist
bis heute so geblieben: Nicht um soziale Gerechtigkeit geht es in
EU-Europa, sondern um das ungehinderte Agieren der Wirtschaft. Die
sogenannten vier Grundfreiheiten – freier Kapital-, Waren-,
Dienstleistungs- und Personenverkehr – dienen vor allem international tätigen
Konzernen. Nicht die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit – über 14
Millionen Menschen sind in der EU offiziell ohne Arbeit – steht im
Mittelpunkt der Gemeinschaftspolitik, sondern Sozialabbau und
Deregulierung. Der „EU-Beschäftigungsgipfel“ im März pries
die freie Vereinbarung von Löhnen und die Privatisierung von Renten- und
Sozialsystemen abermals als Rezepte zur Wirtschaftssanierung. Nicht die Stärkung
der öffentlichen Daseinsfürsorge macht sich Brüssel zur Aufgabe,
sondern deren Beseitigung. Das von der EU voran getriebene internationale
Dienstleistungsabkommen GATS soll von Bildung über Energie- und
Wasserversorgung bis hin zum öffentlichen Nahverkehr nahezu alle Bereiche
„liberalisieren“. Die Folgen, wie höhere Preise oder niedrigere
Qualitätsstandards, würden auf die Bürger zurück fallen.
Und
was können sechs PDS-Abgeordnete dagegen ausrichten? Zum einen
internationalen Widerstand vernetzen, aufklären, informieren, Transparenz
herstellen (am 20./21. September z.B. mit einer hochkarätigen Konferenz
zu den kommunalen Dienstleistungen und der EU-Politik in Potsdam). Zum
anderen erlaubt die vergleichsweise angenehme politische Kultur des Europäischen
Parlaments Erfolge, von denen z.B. Bundestagsabgeordnete nur träumen können.
Europäische Gesetze, Richtlinien und Stellungnahmen des Parlaments tragen
gar nicht so selten den Namen Markov-Bericht, Kaufmann-Bericht etc. Mit
zahllosen Änderungsanträgen haben wir Beschlüsse des EP geprägt (nach
meiner persönlichen Statistik sind z.B. 400 meiner Anträge bisher
angenommen worden). Wir haben die Belegschaft des Stahlwerkes Gröditz
gegen die EU-Kommission unterstützt und anerkannten Anteil am Erhalt des
Werkes und der Arbeitsplätze. Dass die EU-Produktionsbeschränkungen für
die Werften in Mecklenburg-Vorpommern wenigstens gelockert wurden geht in
nicht geringem Maße ebenso auf unsere Arbeit zurück wie positive Veränderungen
für die ostdeutsche Landwirtschaft oder die Erhöhung der finanziellen Förderung
für die Grenzregionen im Erweiterungsprozess. Die Verletzung von
Umweltrichtlinien in Brandenburg, die Nichtausschöpfung von Fördermitteln
in Mecklenburg-Vorpommern, der Skandal von Antipersonenminen an der
griechisch-türkischen Grenze und vor allem die Massenmorde an Gefangenen
durch Verbündete der USA und unter Beteiligung US-amerikanischer Soldaten
in Nordafghanistan im November 2001 sind durch uns in die Öffentlichkeit
gebracht worden. Wir können nicht messen, wie groß unser Beitrag bei der
Befreiung iranischer Oppositioneller aus Gefängnissen war; die iranische
Opposition hat der PDS im EP jedoch fast euphorisch gedankt. Die beste
europäische Förder-Homepage (so auch die Fachpresse) hat im übrigen
auch eine PDS-Adresse: www.pds-europaservive.de.
Ein
sozialer Umbau EU-Europas muss zugleich mit einer durchgreifenden
Demokratisierung der Gemeinschaft und ihrer Organe verbunden sein. Mit dem
europäischen Konvent, der jetzt einen Verfassungsentwurf für die EU
vorlegte, ist ein großer Schritt in diese Richtung getan worden.
Sylvia-Yvonne Kaufmann hat die europäische Linke in diesem Gremium
vertreten, sich und uns viel Achtung erworben, energisch für eine zivile
und soziale Orientierung der Europäischen Union gestritten.
Als
wir 1999 in das Parlament einzogen haben uns Linke mit Hoffnung empfangen,
einige andere mit Skepsis, die meisten aber nahmen nicht einmal wahr, dass
da eine neue Partei vertreten war. Das hat sich grundlegend geändert. Die
PDS hat einen Namen im Europäischen Parlament.
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