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Rede
am 14. November 2000 im Europäischen Parlament zum Fortschrittsbericht Türkei
Keine positiven Veränderungen in der Türkei,
aber negative in der Kommission
Sehr
geehrter Herr Präsident,
ich
möchte zunächst dem Kollegen Morillon ausdrücklich für seinen
realistischen Bericht danken, der die Probleme in der türkischen Politik
in vielen Fällen mit kritischer Offenheit und zugleich konstruktiv
anspricht. Wem es ernst ist mit der Perspektive eines EU-Beitritts der Türkei,
wird Beides für erforderlich halten. In den Monaten seit dem Beschluss
des Rates von Helsinki hat es einige interessante Erklärungen und
symbolische Akte seitens der türkischen Regierung gegeben, die bedrückende
Situation in den türkischen Gefängnissen, die rechtliche, politische,
soziale und kulturelle Diskriminierung der Kurdinnen und Kurden, sowie die
türkische Zypernpolitik, um nur die wichtigsten Fragen zu nennen, sind
jedoch nicht geändert worden. Die mit rechtsstaatlichen und
demokratischen Gepflogenheiten unvereinbare staatsrechtliche und faktische
Rolle des türkischen Militärs ist zu einer Schlüsselfrage für das
weitere Verhältnis zwischen EU und Türkei geworden, die nur mit einem
Machtverzicht des Militärs gelöst werden kann.
Auch
wenn es in meiner Fraktion unterschiedliche Meinungen zum Morillonbericht
gibt und meine grundsätzlich positive Bewertung nicht von allen geteilt
wird, ist es klar - aber ich denke, das gilt auch für andere Fraktionen
-, dass wir die Kritik in den erwähnten Fragen in keiner Weise mildern
werden. Kompromisse sind fast überall, aber nicht hier möglich. Wohl
aber ist es erforderlich zu berücksichtigen, welch radikales Ausmaß die
innenpolitischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt politisch-kulturellen
Veränderungen haben, die der Türkei für den Fall der EU-Mitgliedschaft
und bereits im Vorfeld eines Beitrittsprozesses abverlangt werden. Das
wichtigste und einzige greifbare Ergebnis ist bisher die Tatsache, dass in
der Türkei eine Diskussion und ein gewisser politischer
Differenzierungsprozess begonnen haben. Das ist anzuerkennen und muss
aktiv unterstützt werden. Allerdings geht es dabei nicht nur um die Erfüllung
der Kopenhagener Kriterien, sondern um ohnehin unerlässliche
menschenrechtliche und demokratische Standards.
Die
Mitgliedschaft der Türkei auf einer solchen Grundlage, und nicht nur aus
geostrategischen Erwägungen der USA und der NATO, würde eine große
Bereicherung der Europäischen Union und einen bedeutsamen Schritt zu
einem vereinigten Europa darstellen. Dabei übersehe ich die Probleme
nicht, die zum Beispiel auch damit verbunden sind, dass die EU in diesem
Fall geografisch weit über Europa hinausgreifen und in
sicherheitspolitisch äußerst instabile Regionen reichen würde. Dass
weder im Zusammenhang mit dem Kandidatenstatus für die Türkei noch in
der aktuellen Osterweiterung die strategischen Fragen der europäischen
Integrationsperspektive von den Regierungen und, Herr Kommissar, auch
nicht von der Kommission, angesprochen und mit dem Parlament diskutiert
werden, halte ich angesichts der historischen Konsequenzen geradezu für
unverantwortlich.
Es
ist meine Erfahrung, die Erfahrung übrigens eines Lebens, dass von
radikalen gesellschaftlichen Umbrüchen ebenso weiss wie von der
Verweigerung, ihre Notwendigkeit rechtzeitig zu erkennen, dass kritische
Offenheit ohne Alternative ist. Alles andere würde nur jenen in der EU
und in der Türkei in die Hände spielen, die diese Mitgliedschaft nicht
wollen. Und hier, Herr Kommissar Verheugen, beginne ich den von Ihnen
vorgelegten Fortschrittsbericht nicht mehr zu verstehen. Anlässlich Ihres
Besuches in der Türkei im März haben Sie das Problem der kurdischen Bevölkerung
in der Türkei wenigstens noch mit Namen benannt. Ihr Kollege Patten hat
vor der Menschenrechtskommission der VN am 27. März menschrechtliche
Konsequenz und Offenheit in den Auseinandersetzungen eingefordert. Dass
Sie in ihrem Bericht nicht einmal wagen, das Problem beim Namen zu nennen,
ist ein trauriger Schritt zurück im Vergleich mit dem Bericht der alten
Kommission von 1999. "Wahrheit heißt Übereinstimmung des Begriffs
mit seiner Wirklichkeit" - Georg Wilhelm Hegel wusste das noch. Reale
Fortschritte in der Türkei sehe ich bisher nicht oder kaum, aber ich
halte sie inzwischen für möglich. Dagegen hat es in der Kommission einen
realen Rückschritt gegeben. Ein Grund mehr für mich, dem Kollegen
Morillon für seine Alternative zum Kommissionsbericht zu danken.
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