|
Steuer
auf Devisenspekulationen muss zentrales Thema des Europäischen Parlaments
werden
Strasbourg,
20. Januar 2000
Die
Besteuerung von spekulativen Devisentransaktionen muss und wird jedoch ein
entscheidendes Thema der Linken, des Europäischen Parlaments und
gesellschaftlicher Diskussionen bleiben.
Als
der amerikanische Regierungsberater James Tobin 1972 die Idee seiner
Steuer entwickelte, ging es um eine finanzpolitisch vernünftige Maßnahme
unter anderen. Heute geht es um die zentrale Frage überhaupt, ob
entfesselte Finanzmärkte endgültig die Gestaltungsfähigkeit durch die
Politik zerstören. Vier Fünftel der täglichen Devisenumsätze von 1,5
Billionen US-Dollar haben eine Anlagedauer von nicht mehr als acht Tagen.
Die
Folgen sind bekannt:
-
Spekulationen sind steuerlich begünstigt, Investitionen und die
Schaffung von Arbeitsplätzen sind bei weitem weniger lukrativ als
kurzfristige Devisen- und Aktienumsätze;
-
politische Gestaltungs- und Regulierungsmöglichkeiten sind akut
gefährdet;
-
Einkommen und Reichtum werden in immer weniger Händen konzentriert ;
in Deutschland beispielsweise hat sich der Anteil der Einkommen aus
Geldvermögen an den Gesamteinkommen in der Zeit seit Beginn der
Diskussion um die Tobin-Steuer bis heute auf rund 13 Prozent verdoppelt ;
-
am schlimmsten sind die Entwicklungsländer betroffen: mit der
spekulativen Nutzung kurzfristiger Währungsschwankungen entsteht eine
beständige Gefahr akuter Finanzkrisen mit entsetzlichen sozialen und
wirtschaftlichen Auswirkungen, wie sie sich beispielsweise in Ostasien bis
heute dramatisch zeigen.
Diese
Situation, und nicht zu hohe Löhne oder gewerkschaftliche Rechte, wie es
die konservativen und wirtschaftsliberalen Deregulierer behaupten, ist das
hauptsächliche Hindernis nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung.
Die
Einführung einer Devisenumsatzsteuer wird auf schwierige fachliche,
politische und internationale Probleme treffen. Aber Lösungen sind
denkbar.
Erstens
könnte ihre Einführung – wie von der PDS im Deutschen Bundestag
vorgeschlagen, mit einem internationalen Abkommen begonnen werden, das die
wichtigsten Finanzplätze umfasst: die G7-Staaten, die weiteren
Mitgliedstaaten der EU, die Schweiz, China, Australien und Singapur.
Zweitens
sollte diese Steuer auf alle Transaktionen erhoben werden, die einen
sofortigen Devisenaustausch zur Folge haben, sowie auf Devisentermin- und
Optionsgeschäfte etc.
Drittens
wäre es erforderlich, den Steuersatz so zu vereinbaren, dass die
wirtschaftlich notwendigen längerfristigen Anlagen nicht zu stark
betroffen, die kurzfristigen und spekulativen aber unattraktiv würden. Über
die mögliche Höhe wäre gründlich zu diskutieren.
So
schwierig viele der Fragen in diesem Zusammenhang sein werden: Wie sich
heute erneut gezeigt hat, ist das einzige ganz große Problem die
Kapitulation der Politik vor den Spekulationsinteressen der Banken und der
Reichsten der Reichen.
|