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Artikel
für den Tagesspiegel, Berlin, geschrieben am 28. 9. 2001
Die
Politik hat versagt / Von Dr. André Brie
Nach
New York und Washington sind präventive Strategien nötig – und kein Rückgriff
auf Rezepte der Vergangenheit
Nichts
wird so sein wie vor dem 11. September 2001. Diesen Satz hat man nach den
Anschlägen von New York und Washington oft gehört. Geboren wurde er aus
dem Entsetzen über die massenmörderische Perfektion und Rücksichtslosigkeit
der Attentate. Die „Qualität“ des Terrors hat eine neue Stufe
erreicht. Internationalisiert seit den achtziger Jahren ist er aus dem
Nahen und Mittleren Osten, Afrika, Afghanistan bis ins Herz der Weltmacht
USA vorgedrungen. Niemand konnte ihn an der Grenze stoppen, kein
Waffensystem verhinderte die Anschläge. Ob wirklich nichts so sein wird
wie vor dem 11. September, weiß ich nicht, aber seit diesem Tag hat sich
der Terrorismus und dessen Bekämpfung als eine der Herausforderungen
unserer Zeit tief in das öffentliche Bewußtsein gegraben.
Tatsächlich
stellen die dramatischen Ereignisse zumindest in dieser Hinsicht einen
Wendepunkt dar. Allerdings ist jede Wende auch Ergebnis einer
Vorgeschichte mit Widersprüchen, Konflikten und ungelösten Problemen.
Ich will nicht jenen das Wort reden, die meinen, die USA trügen mit ihrer
eigennützigen Großmachtpolitik selbst Schuld daran, dass sie nun zum
Ziel von Terrorangriffen wurden. Natürlich gibt es viele Gründe, die
Politik der Vereinigten Staaten zu verurteilen. Aber es gibt keinen Grund
für Terrorismus. Nicht nur die Entwicklung im Nahen Osten beweist eindrücklich,
dass Terror auch aus nationaler Unterdrückung, sozialer Not, Unfreiheit
kein Ausweg ist.
Es
ist im übrigen auch keine Frage für mich, dass die Verantwortlichen und
die Mittäter des internationalen Terrors gefasst und bestraft, ihre
logistische und finanzielle Infrastruktur wirksam zerschlagen werden müssen.
Da der Zweck die Mittel nicht heiligt (den Krieg schon gar nicht) und
„unheilige“ Mittel auch die besten Zwecke zerstören, halte ich es für
erforderlich, Unschuldige nicht zu gefährden, Verhältnismäßigkeit der
Mittel und Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. Terroristische Gefahren
sind akut, aber sie werden nicht mit Militär- und Vergeltungsschlägen
beseitigt. Mit „heiligen Kriegen“ und „Kreuzzügen“ und
„bedingungsloser Unterstützung“ wird wahrscheinlich sogar das
Gegenteil erreicht.
New
York und Washington belegen die bisherige Unfähigkeit nationaler und
internationaler Politik, die Ursachen von Gewalt und Terrorismus
nachhaltig zu bekämpfen. Bislang wurden nur die Symptome behandelt. Es
gibt wohl keinen Zweifel daran, dass Armut und Unterentwicklung,
Ausbeutung, Unterdrückung und kulturelle Demütigung den Nährboden für
Entstehung und Unterstützung des Terrorismus schaffen. Ist aber nicht die
Entwicklungszusammenarbeit in den Ländern des Nordens mehr und mehr zu
einem Randthema geworden? Haben die westlichen Staaten nicht viel zu wenig
ihr Gewicht genutzt, um den Konflikt im Nahen Osten zu entschärfen? Hat
die Europäische Union nicht viel zu häufig ihre Verantwortung für die
internationale Sicherheit an NATO und USA abgeschoben? Und wurde nicht
viel zu oft die militärische Karte gespielt, obwohl niemand an der
Notwendigkeit einer friedlichen Krisenbeilegung zweifelt? Und schließlich:
Die politischen und sozialen Menschenrechte müssen unzweifelhaft
universellen Charakter haben, aber werden sie nicht gerade durch die USA
oft machtpolitischen Erwägungen
geopfert, und sind nicht die Versuche des Nordwestens, seine
Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kulturvorstellungen zum globalen
Nonplusultra zu machen, kontraproduktiv und sozial zerstörerisch?
Trotzdem
wird auch heute wieder auf die Rezepte der Vergangenheit zurück
gegriffen. Die Beschlüsse des Sondergipfel der EU zum Terrorismus sind
ein bezeichnendes Beispiel. Die Verstärkung polizeilicher Überwachung,
die Verschärfung grenzüberschreitender juristischer Maßnahmen und der
weitere Ausbau Europas zu einer Art Festung können wohl kaum als Konzept
angesehen werden. Zugleich werden die letzten vorhandenen Möglichkeiten für
Immigranten, legal nach Europa zu gelangen, nochmals erschwert. Durch die
verschwommene Definition des Begriffs „Terrorismus“ droht zudem eine
weitere Beschneidung von Bürgerrechten.
Besonders
bedenklich ist die erklärte „uneingeschränkte Zustimmung“ der
EU-Staaten zu den geplanten militärischen Aktionen der Vereinigten
Staaten gegen mutmaßliche Terroristen bzw. Länder, die diese nach
Ansicht der USA unterstützen. Selbst im Europa-Parlament, dessen
Abgeordnete sich beispielsweise fast einstimmig gegen die Todesstrafe
aussprechen, wächst die Zustimmung zu Vergeltungsaktionen, die auch
Unbeteiligte treffen werden und die gegen Verdächtige gerichtet sind,
deren Schuld noch nicht einmal bewiesen ist. Wie viel Schaden haben europäische
zivilisatorische Ansprüche oder zumindest entsprechende europäische
Glaubwürdigkeit angesichts solcher unakzeptabler Widersprüche bereits
genommen? Zudem versetzt die EU mit der – vom US-Präsidenten
geforderten und den Regierungschefs zumindest verbal bisher akzeptierten
– bedingungslosen Unterwerfung unter den Kurs Washingtons ihren eigenen
Bestrebungen nach einer unabhängigen europäischen Sicherheitspolitik
einen schweren Schlag.
Schnellen
Antworten vertraue ich ohnehin nicht. Jene, die Benjamin Franklin vor nun
schon Jahrhunderten gegeben hat, ist sicherlich die schwierigste, aber
auch die einzige nachhaltige: „Der Mensch, der bereit ist, seine
Freiheit aufzugeben, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren.“
Gefragt ist heute kein Aktionismus, sondern eine Strategie, die die
Wurzeln des Terrorismus beseitigt. Nach dem 11. September darf nicht mehr
so sein wie vorher.
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