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André Brie: EU bleibt Strategien zur nachhaltigen Bekämpfung
des Terrorismus weiter schuldig
Abermals haben am Freitag die Staats- und Regierungschefs der
Europäischen Union über die Konsequenzen aus den Anschlägen vom 11.
September in den USA beraten. Abermals standen auch in Gent militärische
und juristische Maßnahmen im Vordergrund. Abermals blieb die EU damit
eine Antwort schuldig, wie der internationale Terrorismus wirksam und
nachhaltig bekämpft werden kann:
Richtig ist, dass die EU ihr Gewicht für Frieden und
Sicherheit im internationalen Rahmen einbringen muss. Falsch dagegen, dass
dies nahezu ausschließlich auf militärischem Gebiet geschieht. Die
kritiklose Unterordnung unter den Militärkurs Washingtons gegen
Afghanistan führt die Bestrebungen zu einer unabhängigen europäischen
Sicherheitspolitik ad absurdum und nimmt Europa die Möglichkeiten zur
politischen Konfliktlösung. Gerade diese aber ist angesichts des offenbar
unmittelbar bevorstehenden Bodenkriegs in Afghanistan notwendiger denn je.
Richtig ist, dass sich Europa im Kampf gegen den Terrorismus
engagieren muss. Falsch dagegen, dass nur die Symptome, nicht aber die
Wurzeln des Terrorismus bekämpft werden. Unterentwicklung, Armut und
Unterdrückung gehören unbestritten zu den Hauptursachen terroristischer
Gewalt. Strategien zu deren Überwindung standen in Gent jedoch nicht auf
der Tagesordnung.
Richtig ist, dass die Justiz- und Innenpolitik in der EU
harmonisiert werden muss. Falsch dagegen, dass dieser Prozess seit Jahren
in Richtung Ausbau der „Festung Europa“ und Beschneidung
demokratischer Bürgerrechte geht. Mit der Ausweitung grenzüberschreitender
polizeilicher Kontrollmaßnahmen und Befugnisse sowie dem eurpaweitem
Datenaustausch von Geheimdiensten und Behörden droht zudem die Entstehung
des „gläsernen Bürgers“. Zugleich werden die letzten vorhandenen Möglichkeiten
für Immigranten, legal nach Europa zu gelangen, nochmals erschwert.
Die Europäische Union muss sich den Herausforderungen des
Terrorismus stellen. Dazu gehört vor allem, tragfähige Konzepte zu
entwickeln, die über die Ergreifung und Bestrafung der Verantwortlichen für
die Attentate in den USA hinaus gehen. Militärischer Aktionismus dagegen
wird die Spirale der Gewalt weiter drehen.
Brüssel/ Berlin, den 19. Oktober 2001
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