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André
Brie, 17. Januar 2002
Das
Stahlwerk Gröditz ist gerettet
Meine
Arbeit im EP gefällt mir. Ich glaube, dass ich sie gut und erfolgreich
mache. Trotzdem frage ich mich oft, was dabei wirklich für die Menschen
in der EU herauskommt. Umso wichtiger war es, mich für den Erhalt des
Stahlwerkes in Gröditz oder die Lockerung der Produktionsbeschränkungen
für die ostdeutschen Werften zu engagieren.
Kurz
vor Jahresende kam die Nachricht, dass die EU-Kommission in der erneuten
Privatisierung des Gröditzer Stahlwerkes keinen Verstoß gegen die
Beihilferichtlinie sehe. Gröditz ist gerettet. Ich habe kein Verständnis
dafür, warum bei einer meiner Meinung nach klaren Sachlage diese
Entscheidung Jahre gedauert hat, und die Beschäftigten so lange um ihren
Arbeitsplatz bangen mussten. In der Region um Gröditz, Elsterwerda, Riesa
gibt es nur noch wenige Industriearbeitsplätze und eine extrem hohe
Arbeitslosigkeit. Ich glaube, mir vorstellen zu können, was die
jahrelange Angst um den Job für die Betroffenen bedeutet haben muss. Den
Betriebsratsvorsitzenden Uwe Jahn habe ich in den vergangenen zwei Jahren
ein wenig kennen gelernt. Die Anspannung, die mühsam unterdrückte Wut
auf die Brüsseler und Berliner Bürokratie, das angestrengte Bemühen,
diplomatisch zu bleiben, um keine unnötigen Frontstellungen gegen Gröditz
zu fördern, war ihm immer anzumerken.
Die
sächsische Landes- und die Bundesregierung haben die Forderungen der
Beschäftigten und der Geschäftsführung unterstützt und sicherlich
ihren Anteil am Erfolg. Ich hörte Uwe Jahn im Rundfunk, ihnen
"stellvertretend für alle, die sich engagiert haben" danken.
Ich weiß, wie sehr sich Landtagsabgeordnete der PDS, vor allem Karl
Friedrich Zais, eingesetzt haben. Was ich tun konnte, habe ich
versucht,und nicht nur mit Schreiben an die EU-Kommission. Mit der
Leidenschaft eines frischen Zorns, habe ich das Bundesfinanzministerium
attackiert, als es ein von mir organisiertes und vom
Bundeswirtschaftsministerium gebilligtes Treffen des Betriebsrates mit der
verantwortlichen Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission untersagte.
Ich habe mich an Eichel gewandt, mit einigen seiner Abteilungsleitern
telefoniert und dann - als Ersatz - die Zusage bekommen, dass der
Betriebsrat in alle Verhandlungen direkt einbezogen werde. Ich habe auch
erfahren, dass mein Besuch in Gröditz Besorgnis bei CDU und SPD ausgelöst
hat, die PDS könne die Situation im Werk instrumentalisieren. Wir hatten
das nie vor, aber vielleicht haben sich die beiden Parteien und
Regierungen deshalb endlich aktiver gekümmert. Wir haben gemacht, worum
uns Uwe Jahn und andere, auch aus der Geschäftsführung, baten. Einen
Arbeitsplatz zu haben, ist eine viel zu existenzielle Frage, als dass
irgend jemand das Recht hätte, sein parteipolitisches Süppchen zu
kochen. Im Zweifelsfall haben wir uns selbst zurückgenommen. Immerhin kam
auch ein Treffen mit SPD- und PDS-Abgeordneten in Brüssel zustande.
Es
ist schwer, festzustellen, ob die eigenen Anstrengungen etwas genützt,
zum Erfolg der Gröditzer beigetragen haben. Ich wüsste es gern. Nicht
aus Eitelkeit, sondern, weil ich gern so arbeiten würde, dass dabei
solche Kämpfe wirkungsvoll unterstützt würden, dass ich mich nicht in
feinen Reden und Artikeln über soziales und beschäftigungspolitisches
Engagement äußerte, sondern dass tatsächlich Sorgen von Beschäftigten
und von Arbeitslosen kleiner werden könnten. Wichtigeres jedenfalls gibt
es nicht. Und auch wenn es nicht messbar bleibt, die Gröditzer und alle
anderen in solcher Situation werden uns an ihrer Seite haben. Ohne
parteipolitisches Kalkül.
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