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Das
'soziale Europa' ist möglich
Europäische
Politik gegen Sozialdumping und für sozialpolitische Konvergenzziele
Die
Regierungschefs der Europäischen Union streben eine umfassende
"Modernisierung des Sozialschutzes" in Europa an. Nach dem
EU-Gipfel von Lissabon im März wurde eine "hochrangige
Expertengruppe zum Sozialschutz" eingesetzt. Diese hat zum EU-Gipfel
in Feira einen ersten Zwischenbericht vorgelegt. Darin spricht sie sich
immerhin für eine gemeinschaftliche Politik zur Bekämpfung von sozialer
Ausgrenzung und Armut aus. Doch schon bei Renten und Gesundheitsfürsorge
lautet die Botschaft: Kosten senken, "Eigenvorsorge" stärken.
Wer
das Ziel eines "sozialen Europa" ernst nimmt, braucht jedoch
eine mutigere Perspektive: die umfassende Erneuerung des europäischen
Sozialmodells und die Stärkung der nationalen Sozial- und
Wohlfahrtsstaaten. Im ersten Schritt muss die EU einen neuen
institutionellen Mechanismus einführen, um Sozialdumping zu verhindern.
Und im zweiten Schritt geht es um eine gemeinschaftliche Politik für
sozialpolitische Konvergenzziele.
Der
Osnabrücker Politikwissenschaftler Klaus Busch hat für die erste Aufgabe
ein Modell von Sozialpolitik-Korridoren entwickelt.
Unsere Grafik zeigt z. B. den Anteil aller Sozialschutzausgaben am
Bruttoinlandsprodukt in der EU im Jahr 1997, als Mass für die
"Sozialleistungsquote". Sieht man von extremen Beispielen wie
Schweden (Sozialleistungsquote von 33,7 %) und Irland (17,5 %) ab, so
liessen sich im wesentlichen drei "Sozialpolitik-Korridore"
bestimmen. Busch´s Modell funktioniert denkbar einfach: Fällt die
Sozialleistungsquote eines Mitgliedstaates in den Folgejahren gegenüber
dem Ausgangswert ab, so käme es zu einem Konsultationsverfahren auf europäischer
Ebene. Dort müsste der betroffene Mitgliedstaat einen Maßnahmenplan
vorlegen, um die ursprüngliche Sozialleistungsquote wieder herzustellen.
Im ersten Schritt würde so zumindest jeder Anpassungsdruck nach unten
vermieden.
Im
zweiten Schritt könnten Mehrjahresprogramme zur Verbesserung der sozialen
Sicherheit verbindlich verabredet und von der EU überwacht werden. Die
Sozialleistungsquote müsste z. B. mindestens im Gleichklang mit dem
Wachstum des Bruttosozialprodukts steigen. Weiterhin könnten die
reicheren EU-Staaten durch einen zweckgebundenen europäischen
Finanzausgleich dazu beitragen, den Sozialschutz in den ärmeren Staaten
zu verbessern - ein Gebot der Solidarität im vereinten Europa.
Drittens
könnten quantitative und qualitative Vorgaben z. B. zur Verbesserung des
Gesundheitsschutzes, zum Mindestniveau einer sozialen Grundsicherung, zur
Überwindung der Wohnungslosigkeit oder des Analphabetismus vereinbart
werden. Selbst die portugiesische Ratspräsidentschaft hatte bereits
vorgeschlagen, durch europaweit koordinierte Massnahmeprogramme der
Mitgliedstaaten die Kinderarmut in Europa bis zum Jahr 2010 zu überwinden.
Sozialpolitische Konvergenzziele und Sozialpolitik-Korridore zeigen somit
einen gangbaren Weg zum "sozialen Europa" - ohne langwierige und
unrealistische Angleichung der sehr unterschiedlichen nationalstaatlichen
Sicherungssysteme. Was der EU derzeit fehlt, ist allein der politische
Wille beim Thema "soziale Gerechtigkeit".
(1)
Klaus Busch: Europäische Sozialpolitik Das Korridor-Modell. Vorstudie im
Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung, Osnabrück 1997
Ausgaben
für Sozialschutz in der EU in Prozent des Bruttoinlandprodukts (1997)
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Schweden
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33,7
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Dänemark
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31,4
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Frankreich
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30,8
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Niederlande
|
30,3
|
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Finnland
|
29,9
|
|
Deutschland
|
29,9
|
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Österreich
|
28,8
|
|
Belgien
|
28,5
|
|
Grossbritannien
|
26,8
|
|
Italien
|
25,9
|
|
Griechenland
|
23,6
|
|
Portugal
|
22,5
|
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Spanien
|
21,4
|
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Irland
|
17,5
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EU-Durchschnitt
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28,2
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