ANDRÉ BRIE    
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SITZUNG AM MITTWOCH, 12. DEZEMBER 2001

Sacharow-Preis 2001

Nurit PELED-ELHANAN, Sacharow-Preisträgerin. – (FR) Frau Präsidentin, verehrte Abgeordnete, liebe Luisa, liebe Familienangehörige, verehrte Frau Sartaoui, eigentlich wollte ich meine heutige Rede meinem Vater und seinem palästinensischen Freund, Dr. Issam Sartaoui, widmen, die vor 30 Jahren gemeinsam vom Frieden geträumt haben.

Doch ich bin, ich fühle mich verpflichtet, meine Worte den Kindern zu widmen, die gestern von der israelischen Armee getötet wurden, aus dem einzigen Grund, weil sie als Palästinenser geboren wurden.

Es ist mir eine große Ehre, heute den Sacharow-Preis entgegenzunehmen. Ich weiß, dass ich an einem Tag wie heute von der Hoffnung und von den menschlichen Fähigkeiten sprechen sollte, die der Anteilnahme und Brüderlichkeit zwischen den Menschen zum Sieg verhelfen. Bitte verzeihen Sie mir, dass ich dies nicht tue.

In meiner Heimatstadt Jerusalem liegen Hoffnung und Menschlichkeit im Sterben. Israel wird allmählich zu einem Kinderfriedhof, der Tag für Tag größer wird, der sich wie ein unterirdisches Reich ausbreitet und alles um sich her erdrückt. In diesem Reich weilt auch meine Tochter, an der Seite ihres palästinensischen Mörders, dessen Blut sich mit dem ihren vermischt über die Steine von Jerusalem ergossen hat, die dies inzwischen gleichgültig hinnehmen. Sie ruhen dort zusammen mit unzähligen Kindern in großer Enttäuschung. Der Mörder meiner Tochter ist enttäuscht, weil seine Mordtat und seine Selbsttötung nichts bewirkt haben. Sie hat die grausame israelische Besetzung nicht beendet, sie hat ihn nicht ins Paradies geführt, und diejenigen, die ihm versprochen hatten, seine Tat habe einen Sinn und einen Wert, fahren fort in ihrem Tun, als habe er nie existiert. Meine kleine Tochter ist enttäuscht, weil sie wie Tausende ihrer neuen kleinen Schwestern und Brüder geglaubt hat, sie lebe in Sicherheit, ihre Eltern könnten sie vor dem Bösen beschützen und netten kleinen Mädchen auf ihrem Weg zur Tanzschule könne nichts passieren. Und alle anderen Kinder, die dort mit ihnen weilen, sind enttäuscht, weil die Lebenden so weitermachen, als sei ihr Blut niemals vergossen worden.

In meiner Heimatstadt Jerusalem überlassen die Männer, die sich als unsere Führer bezeichnen, dem Tod das Regiment. Diese Herren können aber offenbar durchaus friedlich zusammenleben, wenn sich die Notwendigkeit dazu ergibt. Am Freitag, dem 1. Dezember, konnten wir im Leitartikel der Lokalzeitung des trauernden Jerusalem lesen, dass in der Stadt Jericho seit zwei Monaten Ruhe herrscht. Keine israelischen Soldaten, keine palästinensischen Polizisten, keine Feuergefechte.

Denken Sie jetzt aber nicht, die Amerikaner hätten Sharon dazu gebracht, dass er nicht länger 18-jährige Israelis losschickt, damit sie unschuldige Palästinenser töten, oder die Amerikaner hätten die Palästinenser davon überzeugt, dass es keinen Sinn macht, sich zusammen mit unschuldigen israelischen Opfern in die Luft zu jagen. Keineswegs. In Jericho herrscht Ruhe, weil die israelischen und palästinensischen Chefs gemeinsam die Wiedereröffnung des Casinos beschlossen haben...

Bei der Lektüre dieses Artikels kam mir unweigerlich in den Sinn, dass meine Tochter nicht einmal so viel wie ein Spieljeton wert ist. Die fast 200 Kinder, die seit Beginn der Intifada, diesem endlosen Massaker, getötet wurden, sind weniger wert als ein Roulettejeton. Und dennoch hat mich diese Erkenntnis nicht sehr überrascht, denn ich habe schon immer gewusst, dass unser Krieg kein Krieg des israelischen Volkes gegen das palästinensische Volk ist, sondern ein Krieg der Lebenszerstörer, die sich Staatschefs nennen, gegen das Volk auf beiden Seiten.

Diese gerissenen Politiker benutzen Gott, das Interesse der Nation, Freiheit und Demokratie, ja sogar unsere Trauer als Werkzeuge ihrer Politik, und unsere Kinder dienen ihn als Spielfiguren in ihrem Glücksspiel: ihr habt zehn von meinen Leuten abgeknallt, also werde ich 300 von euren niedermachen, dann sind wir bis zum nächsten Mal quitt.

All dies ist nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. Die Führer haben zu allen Zeiten Gott und andere heilige Werte, wie Ehre und Mut, als Rechtfertigung für ihre größenwahnsinnigen Ziele missbraucht. Und die einzige Stimme, die sich im Laufe der Geschichte erhob, um diese Leute zu enttarnen und sich ihnen zu widersetzen, war immer diejenige der Mütter, die Stimme der Geburtshelferinnen des hebräischen Volkes, die sich den Befehlen des Pharao widersetzten, als sie alle kleinen Jungen bei der Geburt töten sollten, die Stimme Rachels, unserer biblischen Mutter, die ihre Kinder beweinte und sich nicht trösten lassen wollte, die Stimme der Frauen von Troja, die Stimme der Mütter in Argentinien, Irland, Israel und Palästina. Es ist die Stimme derjenigen, die das Leben geben und es bewahren wollen. Dies ist die einzige Stimme, die alle Gewalt überdauert und den Sinn aller Dinge wirklich ergründen kann.

Nur Mütter wissen, dass der Tod eines Kindes, ganz gleich ob es sich um ein serbisches oder albanisches, ein irakisches oder afghanisches, ein jüdisches oder palästinensisches Kind handelt, mit dem Tod der ganzen Welt, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft, gleichzusetzen ist. Als mir Luisa mitteilte, man habe mir den Sacharow-Preis zuerkannt, habe ich zunächst gesagt, ich würde diesen Preis nicht verdienen, da ich kein einziges Kind, nicht einmal mein eigenes, habe retten können. Aber später kam ich zu der Einsicht, dass dieser Preis nicht mir gilt, sondern jener Stimme, die mir der Tod verliehen hat und die über Nationalitäten, Religionen und selbst die Zeit hinausreicht. Diese Stimme, die die Politiker und Generäle mit aller Kraft zu ersticken versuchen, seit es Menschen gibt und diese sich bekriegen.

Ich wurde oft gefragt, ob ich den Mord an meiner Tochter nicht rächen wolle, die nur deshalb getötet wurde, weil sie als Israelin geboren wurde, und zwar von einem jungen Mann, der in seiner Hoffnungslosigkeit sogar zum Töten bereit war und sich selbst nur deshalb getötet hat, weil er Palästinenser war. Ich beantworte diese Frage immer mit dem Vers des großen hebräischen Dichters Bialik: "Der Satan hat diejenigen noch nicht erschaffen, die das Blut eines unschuldigen Kindes rächen. ‘ Und zwar nicht deshalb, weil er dazu nicht in der Lage wäre, sondern weil es nach dem Tod eines Kindes keine Rache, keinen Tod und kein Leben mehr gibt. Das einzige Gefühl, das uns noch bleibt, das einzige Verlangen, das einzige, für immer unerfüllte Bedürfnis ist der Wunsch, die Kinder zu beschützen. Die Mütter, die ihre Kinder verloren haben, werden Ihnen sagen, dass ihre Arme schmerzen von dem unstillbaren Bedürfnis, ihr Kind zu umarmen und es vor Bösem zu bewahren. Keine Mutter könnte sich jemals damit trösten, dass sie das Kind einer anderen Mutter tötet.

Wenn wir nicht wollen, dass die ganze Welt zu einem Reich toter Kinder wird, müssen alle Mütter ihre Stimme erheben, damit alle anderen verstummen. Wir müssen wieder auf die Stimme jenes Gottes hören, der sagte: "Erhebe deine Hand nicht gegen ein Kind ‘, denn andernfalls wird bald nichts mehr zu sagen und zu hören sein, außer dem ständigen Schrei der Trauer. Meine Damen und Herren, bitte hören Sie auf die Stimmen aus dem unterirdischen Reich der getöteten Kinder. Dort waltet heute Gerechtigkeit, dort herrscht die wahre kulturelle Vielfalt, dort weiß man, dass es keine Unterschiede zwischen Rassen, Hautfarbe, Ausweisen oder Flaggen gibt. Hören Sie auf die Schreie der toten Kinder, und helfen Sie den Müttern, die lebenden Kinder zu schützen.  

 
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