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SITZUNG
AM MITTWOCH, 12. DEZEMBER 2001
Sacharow-Preis
2001
Nurit
PELED-ELHANAN, Sacharow-Preisträgerin. – (FR) Frau Präsidentin, verehrte
Abgeordnete, liebe Luisa, liebe Familienangehörige, verehrte Frau
Sartaoui, eigentlich wollte ich meine heutige Rede meinem Vater und seinem
palästinensischen Freund, Dr. Issam Sartaoui, widmen, die vor 30 Jahren
gemeinsam vom Frieden geträumt haben.
Doch
ich bin, ich fühle mich verpflichtet, meine Worte den Kindern zu widmen,
die gestern von der israelischen Armee getötet wurden, aus dem einzigen
Grund, weil sie als Palästinenser geboren wurden.
Es
ist mir eine große Ehre, heute den Sacharow-Preis entgegenzunehmen. Ich
weiß, dass ich an einem Tag wie heute von der Hoffnung und von den
menschlichen Fähigkeiten sprechen sollte, die der Anteilnahme und Brüderlichkeit
zwischen den Menschen zum Sieg verhelfen. Bitte verzeihen Sie mir, dass
ich dies nicht tue.
In
meiner Heimatstadt Jerusalem liegen Hoffnung und Menschlichkeit im
Sterben. Israel wird allmählich zu einem Kinderfriedhof, der Tag für Tag
größer wird, der sich wie ein unterirdisches Reich ausbreitet und alles
um sich her erdrückt. In diesem Reich weilt auch meine Tochter, an der
Seite ihres palästinensischen Mörders, dessen Blut sich mit dem ihren
vermischt über die Steine von Jerusalem ergossen hat, die dies inzwischen
gleichgültig hinnehmen. Sie ruhen dort zusammen mit unzähligen Kindern
in großer Enttäuschung. Der Mörder meiner Tochter ist enttäuscht, weil
seine Mordtat und seine Selbsttötung nichts bewirkt haben. Sie hat die
grausame israelische Besetzung nicht beendet, sie hat ihn nicht ins
Paradies geführt, und diejenigen, die ihm versprochen hatten, seine Tat
habe einen Sinn und einen Wert, fahren fort in ihrem Tun, als habe er nie
existiert. Meine kleine Tochter ist enttäuscht, weil sie wie Tausende
ihrer neuen kleinen Schwestern und Brüder geglaubt hat, sie lebe in
Sicherheit, ihre Eltern könnten sie vor dem Bösen beschützen und netten
kleinen Mädchen auf ihrem Weg zur Tanzschule könne nichts passieren. Und
alle anderen Kinder, die dort mit ihnen weilen, sind enttäuscht, weil die
Lebenden so weitermachen, als sei ihr Blut niemals vergossen worden.
In
meiner Heimatstadt Jerusalem überlassen die Männer, die sich als unsere
Führer bezeichnen, dem Tod das Regiment. Diese Herren können aber
offenbar durchaus friedlich zusammenleben, wenn sich die Notwendigkeit
dazu ergibt. Am Freitag, dem 1. Dezember, konnten wir im Leitartikel der
Lokalzeitung des trauernden Jerusalem lesen, dass in der Stadt Jericho
seit zwei Monaten Ruhe herrscht. Keine israelischen Soldaten, keine palästinensischen
Polizisten, keine Feuergefechte.
Denken
Sie jetzt aber nicht, die Amerikaner hätten Sharon dazu gebracht, dass er
nicht länger 18-jährige Israelis losschickt, damit sie unschuldige Palästinenser
töten, oder die Amerikaner hätten die Palästinenser davon überzeugt,
dass es keinen Sinn macht, sich zusammen mit unschuldigen israelischen
Opfern in die Luft zu jagen. Keineswegs. In Jericho herrscht Ruhe, weil
die israelischen und palästinensischen Chefs gemeinsam die Wiedereröffnung
des Casinos beschlossen haben...
Bei
der Lektüre dieses Artikels kam mir unweigerlich in den Sinn, dass meine
Tochter nicht einmal so viel wie ein Spieljeton wert ist. Die fast 200
Kinder, die seit Beginn der Intifada, diesem endlosen Massaker, getötet
wurden, sind weniger wert als ein Roulettejeton. Und dennoch hat mich
diese Erkenntnis nicht sehr überrascht, denn ich habe schon immer
gewusst, dass unser Krieg kein Krieg des israelischen Volkes gegen das palästinensische
Volk ist, sondern ein Krieg der Lebenszerstörer, die sich Staatschefs
nennen, gegen das Volk auf beiden Seiten.
Diese
gerissenen Politiker benutzen Gott, das Interesse der Nation, Freiheit und
Demokratie, ja sogar unsere Trauer als Werkzeuge ihrer Politik, und unsere
Kinder dienen ihn als Spielfiguren in ihrem Glücksspiel: ihr habt zehn
von meinen Leuten abgeknallt, also werde ich 300 von euren niedermachen,
dann sind wir bis zum nächsten Mal quitt.
All
dies ist nichts Neues in der Geschichte der Menschheit. Die Führer haben
zu allen Zeiten Gott und andere heilige Werte, wie Ehre und Mut, als
Rechtfertigung für ihre größenwahnsinnigen Ziele missbraucht. Und die
einzige Stimme, die sich im Laufe der Geschichte erhob, um diese Leute zu
enttarnen und sich ihnen zu widersetzen, war immer diejenige der Mütter,
die Stimme der Geburtshelferinnen des hebräischen Volkes, die sich den
Befehlen des Pharao widersetzten, als sie alle kleinen Jungen bei der
Geburt töten sollten, die Stimme Rachels, unserer biblischen Mutter, die
ihre Kinder beweinte und sich nicht trösten lassen wollte, die Stimme der
Frauen von Troja, die Stimme der Mütter in Argentinien, Irland, Israel
und Palästina. Es ist die Stimme derjenigen, die das Leben geben und es
bewahren wollen. Dies ist die einzige Stimme, die alle Gewalt überdauert
und den Sinn aller Dinge wirklich ergründen kann.
Nur
Mütter wissen, dass der Tod eines Kindes, ganz gleich ob es sich um ein
serbisches oder albanisches, ein irakisches oder afghanisches, ein jüdisches
oder palästinensisches Kind handelt, mit dem Tod der ganzen Welt, ihrer
Vergangenheit und ihrer Zukunft, gleichzusetzen ist. Als mir Luisa
mitteilte, man habe mir den Sacharow-Preis zuerkannt, habe ich zunächst
gesagt, ich würde diesen Preis nicht verdienen, da ich kein einziges
Kind, nicht einmal mein eigenes, habe retten können. Aber später kam ich
zu der Einsicht, dass dieser Preis nicht mir gilt, sondern jener Stimme,
die mir der Tod verliehen hat und die über Nationalitäten, Religionen
und selbst die Zeit hinausreicht. Diese Stimme, die die Politiker und
Generäle mit aller Kraft zu ersticken versuchen, seit es Menschen gibt
und diese sich bekriegen.
Ich
wurde oft gefragt, ob ich den Mord an meiner Tochter nicht rächen wolle,
die nur deshalb getötet wurde, weil sie als Israelin geboren wurde, und
zwar von einem jungen Mann, der in seiner Hoffnungslosigkeit sogar zum Töten
bereit war und sich selbst nur deshalb getötet hat, weil er Palästinenser
war. Ich beantworte diese Frage immer mit dem Vers des großen hebräischen
Dichters Bialik: "Der Satan hat diejenigen noch nicht erschaffen, die
das Blut eines unschuldigen Kindes rächen. ‘ Und zwar nicht deshalb,
weil er dazu nicht in der Lage wäre, sondern weil es nach dem Tod eines
Kindes keine Rache, keinen Tod und kein Leben mehr gibt. Das einzige Gefühl,
das uns noch bleibt, das einzige Verlangen, das einzige, für immer unerfüllte
Bedürfnis ist der Wunsch, die Kinder zu beschützen. Die Mütter, die
ihre Kinder verloren haben, werden Ihnen sagen, dass ihre Arme schmerzen
von dem unstillbaren Bedürfnis, ihr Kind zu umarmen und es vor Bösem zu
bewahren. Keine Mutter könnte sich jemals damit trösten, dass sie das
Kind einer anderen Mutter tötet.
Wenn
wir nicht wollen, dass die ganze Welt zu einem Reich toter Kinder wird, müssen
alle Mütter ihre Stimme erheben, damit alle anderen verstummen. Wir müssen
wieder auf die Stimme jenes Gottes hören, der sagte: "Erhebe deine
Hand nicht gegen ein Kind ‘, denn andernfalls wird bald nichts mehr zu
sagen und zu hören sein, außer dem ständigen Schrei der Trauer. Meine
Damen und Herren, bitte hören Sie auf die Stimmen aus dem unterirdischen
Reich der getöteten Kinder. Dort waltet heute Gerechtigkeit, dort
herrscht die wahre kulturelle Vielfalt, dort weiß man, dass es keine
Unterschiede zwischen Rassen, Hautfarbe, Ausweisen oder Flaggen gibt. Hören
Sie auf die Schreie der toten Kinder, und helfen Sie den Müttern, die
lebenden Kinder zu schützen.
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