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Rede im Namen der Fraktion der Vereinten Europäischen
Linken (Nordische Grüne Linke) in der Debatte des Europäischen Parlaments
am 12. März 2001 zur Situation der Werften in der EU
Frau Präsidentin, Herr Kommissar,
die derzeitige Stabilisierung der europäischen
Schiffbauindustrie hat hauptsächlich konjunkturelle Gründe und kann kaum
als eine nachhaltige Besserung der Situation betrachtet werden. Die
globale Standortkonkurrenz, wie sie von der Welthandelsorganisation und
nicht zuletzt von der Europäischen Union vorangetrieben wird, erweist
sich als höchst problematisch für die Werftindustrie in der EU und
insbesondere für die Beschäftigten. Die Wettbewerbsverzerrung ist
massiv. Die Anstrengungen der Kommission, das zu ändern, sind bisher
wenig wirkungsvoll. Ohnehin wird von allen Beteiligten abgelehnt, die
weltweite Marktliberalisierung durch soziale oder auch ökologische
Standards zu ergänzen. Unter diesen Bedingungen ist der
Standortwettbewerb zum Teil wirtschaftlich, vor allem aber sozial und
beschäftigungspolitisch bedrohlich. Die Streichung der auftragsbezogenen
Produktionsbeihilfen ab Beginn dieses Jahres durch die Kommission hat die
Situation der Werftindustrie in der EU bereits empfindlich verschlechtert.
Für den absehbaren Fall der internationalen Konjunkturabschwächung kann
die gerade erst überwundene strukturelle Krise wieder voll aufbrechen.
Ich möchte meine kurze Redezeit aber vor allem nutzen, um
auf die besonderen Probleme der Werften in Ostdeutschland, in
Mecklenburg-Vorpommern hinzuweisen. Sie sind zusätzlich mit einer
Produktionsbeschränkung konfrontiert. Ich weiß sehr wohl, dass sie die
Bedingung für die hohen Beihilfen bei der Werftenmodernisierung in den
neunziger Jahren waren. Aber erstens sind die Quoten derart starr
organisiert, dass sie sich als markt- und technologiewidrig zeigen und
praktisch eine deutliche zusätzliche Absenkung unter die vereinbarten
327.000 gewichteten Bruttoregistertonnen bedeuten. Zweitens wurde nicht
berücksichtigt, dass alle vier Werften in Mecklenburg-Vorpommern natürlich
weiterhin aus eigener Kraft investieren und investieren müssen. Immerhin
beträgt der jährliche Rationalisierungsfortschritt in der europäischen
Werftindustrie 8 bis 10 Prozent. Das Wachstum der Produktivität wird
angesichts der Produktionsbeschränkungen nun zum Ausgangspunkt weiteren
Belegschaftsabbaus. Die Kommission hat sehr gute statistische Analysen über
die wirtschaftliche und beschäftigungspolitische Situation in
Ostdeutschland. Aber es ist das eine, zu lesen, dass dort mehr als jeder
Dritte einen Arbeitsplatz sucht, und es ist etwas anderes, diese Situation
und die betroffenen Menschen und Regionen unmittelbar zu erleben. Die
maritime Industrie stellt in Mecklenburg-Vorpommern den Kern der
verbliebenen industriellen Struktur dar.
Herr Kommissar, ich möchte nicht missverstanden werden: Die
Europäische Union hat sich seit 1990 als ausgesprochen solidarisch mit
Ostdeutschland erwiesen. Die Kommission selbst hat viel unternommen. Ein
ausreichender Wandel der wirtschaftlichen und sozialen Situation ist
bisher aber bei weitem nicht erreicht worden. Wie gefährlich die
Konsequenzen sind, weiß jeder. Auch der um sich greifende Rassismus
findet dort einen Teil seines Nährbodens. Natürlich ist in erster Linie
die deutsche Bundesregierung gefordert, zu einer grundlegenden Veränderung
beizutragen. Im konkreten Fall der Werftindustrie liegt die
Entscheidungskompetenz jedoch bei der Kommission und beim Rat. Der
Amsterdamer Vertrag bietet der Kommission genügend Spielraum, um in
solchen Situationen politisch aktiv zu werden. Auch die Vereinbarung über
die erwähnten Produktionsbeschränkungen sieht nach der Hälfte der
Laufzeit, also 2001, eine Überprüfung und Veränderung zu. Ich
appelliere nachdrücklich an den Rat und die Kommission, diese Chance zu
nutzen. Ich behaupte, dass es ein gemeinsames europäisches Interesse
geben muss, weiter und intensiv zur Verbesserung der beschäftigungspolitischen
und wirtschaftlichen Lage in Ostdeutschland beizutragen.
Meine Mindestforderungen sind erstens
die Flexibilisierung der Quoten, so dass sie nicht mehr jährlich, sondern
für die verbleibenden fünf Jahre angewendet werden. Zweitens
sollten die Rationalisierungseffekte in der europäischen Werftindustrie
von jährlich 8 bis 10 Prozent berücksichtigt und in ihrem Maße die
Quoten erhöht werden, um keine weitere Reduzierung der Beschäftigtenzahlen
zu verursachen. Drittens fordere ich angesichts der massiven
internationalen Wettbewerbsverzerrung die Kommission auf, die allgemeinen
Produktionsbeihilfen wieder einzuführen.
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