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André
Brie, Rede am 14. November 2001 im Europäischen Parlament zu den
Verhandlungen über die Konvention zum Verbot biologischer Waffen und von
Toxinwaffen
Gravierende
Versäumnisse des Westens
Sehr
geehrte Frau Präsidentin, Herr Kommissar, Frau amtierende Ratspräsidentin,
die
außergewöhnliche Aktualität der heutigen Debatte und der Erklärungen
von Rat und Kommission stehen außer Frage. Die Anschläge mit
Milzbranderregern stellen eine besonders zynische und bedrohliche Form des
Terrorismus dar. Darüber haben wir ebenso Konsens wie über die
Notwendigkeit, diese Gefahr wirkungsvoll zu bekämpfen. Allem, was dazu
gesagt wurde, kann ich mich anschließen. Ich sehe jedoch ein gravierendes
Defizit in den Positionen von Rat und Kommission.
Und
das bezieht sich auf die Unzulänglichkeiten der eigenen politischen
Position. Ich möchte drei Fragen ansprechen, ohne deren Lösung ein
effektives und umfassendes Verbot und die Beseitigung biologischer Waffen
nicht möglich ist, drei Fragen, für die wir die Verantwortung bei
Mitgliedsländern der EU und bei unseren Partnern in den USA zu suchen
haben.
Erstens:
Ich will nicht darüber spekulieren, woher die terroristisch genutzten Stämme
der Milzbranderreger kommen, kaum bezweifelbar ist jedoch, dass die USA
und einige ihrer Partner, aber auch Russland in der Vergangenheit eine
Politik betrieben und einen Umgang mit biologischen Waffen praktiziert
haben, die eine Weiterverbreitung solcher und anderer
Massenvernichtungswaffen - vorsichtig gesagt - nicht verhindert haben.
Zweitens:
Wenn die Verhandlungen über einen wirksamen Kontrollmechanismus für die
B-Waffenkonvention, die ja immerhin einer der ältesten Abrüstungsverträge
ist, seit Jahren in der Sackgasse stecken, so liegt die Verantwortung dafür
wesentlich in der negativen Haltung der USA zu einer effektiven
Verifikation und der unangebrachten Zurückhaltung einiger europäischer
Regierungen begründet. Ursache ist offensichtlich ein prinzipieller, aus
meiner Sicht ausgesprochen negativer Paradigmen- und Strategiewechsel in
der Haltung vor allem der USA zur Verfikation von Abrüstungsmaßnahmen.
In den 80er Jahren war die Verifikation das heiß umstrittene und in der
C-Waffenkonvention schließlich modellhaft gelöste Problem. Die Abkehr
von dieser Politik ist nicht zu akzpetieren.
Und
das ist mein dritte Frage, denn die veränderte Haltung einiger großer
Staaten zur Verifikation blockiert nicht nur die Verhandlungen zur
B-Waffenkonvention, sondern gefährdet gegenwärtig auch die Effektivität,
vielleicht sogar die Zukunft des Vertrages zum Verbot chemischer Waffen,
insbesondere seiner Kontrollorganisation. Inzwischen kommen entscheidende
Vertragspartner, darunter EU-Mitgliedsländer, ihren finanziellen
Verpflichtungen nicht mehr nach, so dass notwendige Kontrollen vor allem
der chemischen Industrie nicht mehr durchgeführt werden können, und
einige Kontrollbestimmungen sind nachträglich zum Schlechten verändert
worden.
Frau
Ratspräsidentin, im Mai diesen Jahres habe ich den Rat in einer
dringlichen Anfrage auf diese Probleme hingewiesen und bis heute keine
Antwort bekommen. Mir scheint das symptomatisch für die völlig
unzureichende Konsequenz der Politik der EU auf diesem dramatisch
wichtigen Gebiet. Wenn es uns wirklich ernst ist damit, die Gefahr
biologischer Angriffe zu beseitigen, dann gehört auch eine andere Haltung
der europäischen Staaten und der USA in den von mir erwähnten Fragen zu
den Voraussetzungen.
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