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André
Brie, Rede im Namen der Fraktion der Vereinten Europäischen Linken in der
Debatte des Europäischen Parlaments zur Osterweiterung der EU am 19.
November 2002
Sehr
geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ja
das ist heute ein historischer Tag für das Europäische Parlament. Zum
erstenmal haben Abgeordnete aus allen Beitrittsländern an unserer Debatte
teilgenommen. Wer in diesen Tagen in die Homepage des Europäischen
Parlaments geblickt hat, findet sie in zwölf zusätzlichen Sprachen vor.
So wird sinnlich erfahrbar, welchen kulturellen Reichtum die Erweiterung
der Europäischen Union uns allen eröffnen kann. Dass unsere Dolmetscher
damit reibungslos fertig geworden sind, muss erstens ein Beispiel für uns
selbst sein, zeigt zweitens, dass die mit der EU-Erweiterung auch
verbundenen Probleme lösbar sein werden.
Das
eben gehört zu den Gründen, warum die große Mehrheit meiner Fraktion
den Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten sowie Maltas und
Zyperns befürwortet. Er ist eine geschichtliche Chance und Notwendigkeit
für diesen Kontinent, seine Stabilität und den Frieden auf ihm, er
bietet gemeinsame wirtschaftliche, soziale, umweltpolitische, kulturelle
und nicht zuletzt demokratische Entwicklungsmöglichkeiten.
Ich
trete vehement dafür ein, diese Chancen bewusst zu machen und irrationale
Ängste zu zerstreuen. Darüber ist heute alles gesagt worden. Doch es
gibt auch gravierende Probleme, über die zu wenig geredet, für deren Lösung
vor allem zu wenig getan wird. Wir werden dem Bericht mehrheitlich
zustimmen, aber es ist erstens
bedenklich und wenig verantwortungsvoll, dass die meisten Änderungsanträge,
die auf die sozialen und beschäftigungspolitischen Erfordernisse und
Schwierigkeiten verwiesen hatten, im Ausschuss abgelehnt worden sind. Ökologische
Forderungen, die wir konsequent unterstützen, sind wenigstens teilweise
berücksichtigt worden. Das spricht für ein erfreuliches ökologisches,
aber ein zu geringes soziales Problembewusstsein unseres Hauses, obwohl
wir alle wissen, wie umfangreich, teilweise radikal die sozialen
Konsequenzen der anhaltenden Transformationsprozesse und des Beitritts
sind. Insgesamt wird durch die Europäische Union und die Regierungen
diesen Fragen viel zu wenig reale Aufmerksamkeit gewidmet.
Zweitens
bleibt
es für meine Fraktion völlig unbefriedigend, dass anders als in früheren
Erweiterungsfällen die Gleichberechtigung der neuen Mitglieder und ihrer
Bürgerinnen und Bürger nicht von Anfang an gewährleistet wird. Sie,
Herr Kommissar, haben auch für die Öffentlichkeit erkennbar eine großartige
Arbeit geleistet, sich jedoch gegenüber dem Egoismus einiger Regierungen
nicht durchsetzen können. Wir wissen alle um die enormen Schwierigkeiten.
Doch wenn es tatsächlich darum geht, die Spaltung Europas endgültig zu
überwinden, dann darf das nicht mit einer rechtlichen und finanziellen
Diskriminierung beginnen!
Drittens
bedauern wir, dass die Vorschläge für besondere Anstrengungen in den
Grenzregionen nicht aufgenommen wurden. Viel zu wenig wird insbesondere
durch die verantwortlichen Regierungen, aber auch die Kommission gerade in
diesen Gebieten getan, um die unausweichlichen weitreichenden Veränderungen
positiv zu unterstützen. Gegenwärtig drohen zumindest einzelne dieser
Regionen lediglich zum Transitgebiet der Erweiterung zu werden. Angesichts
der realen Probleme fordere ich Kommission und Regierungen auf, alles zu
tun, damit die bisherigen Grenzregionen zu Werkstätten der europäischen
Integration und ihrer positiven menschlichen und sozialen Erlebbarkeit
werden.
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