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André
Brie, Rede am 26. März 2003 im Namen der Fraktion der Vereinten Europäischen
Linken im Plenum des Europäischen Parlaments
Den
Krieg und den Bruch des Völkerrechts stoppen!
Sehr
geehrter Herr Präsident, Herr Ratspräsident, Herr Präsident der
Kommission, liebe Kolleginnen und Kollegen,
mit
jedem Tag wird das unmenschliche Wesen des Krieges gegen den Irak
offensichtlicher und größer. Dass Minister Rumsfeld ihn heute als einen
"humanitären Akt" bezeichnet hat, zeigt nur, dass auch die
letzten Momente von Wahrheit und Anstand längst beseitigt worden sind. Es
ist keine Frage, dass Saddam Hussein ein Diktator ist, aber er ist einer,
der von den USA, Großbritannien und der damaligen Sowjetunion hofiert,
finanziert und aufgerüstet worden ist. Im übrigen ist er als ein
wahrlich übler Diktator in "guter" Gesellschaft mit engsten
politischen Freunden und Verbündeten der USA. Der Unterschied ist
allerdings für die Betroffenen und für die Rolle des Völkerrechts
ohnehin eher theoretisch, wenn Recht, die grundsätzliche Ächtung des
Krieges und die uneingeschränkte Ächtung des Angriffskrieges sowie
Humanität durch demokratische Regierungen wie jene der USA und Großbritanniens
missachtet, gebrochen und zerstört werden. Letztlich ist mit dem
Kriegsbeginn vor einer Woche auch das wichtigste Prinzip zivilisierten
internationalen Rechts angegriffen worden, die Pflicht, Konflikte
friedlich zu lösen. Und in diesem Fall war es nicht nur Pflicht und Völkerrecht,
sondern auch eine ausgesprochen effektive friedliche Möglichkeit, die
zerbombt worden ist. Es ist in diesem Zusammenhang umso tragischer,
unverständlich und unverantwortlich, dass der heutige Resolutionsentwurf
weit hinter unserer gemeinsamen Entscheidung gegen den Krieg vom Januar
zurückbleibt. Vor allem von Sozialdemokraten und Grünen hätte ich das
Gegenteil erwartet.
Herr
Ratspräsident, von der in den Verträgen von Maastricht, Amsterdam und
Nizza beschworenen Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen
Union ist nur ein Scherbenhaufen übrig geblieben. Das ist nicht Schuld
der Präsidentschaft, aber ich wünschte mir, dass Sie das Versagen europäischer
Politik deutlicher ansprechen würden. Dieses Scheitern hat zwei Seiten.
Zum einen kann es eine gemeinsame europäische Politik nicht geben, wenn
die britische, die spanische oder die polnische Regierung bestrebt sind,
devote Beteiligte der USA-Politik zu sein. Zum anderen reicht es nicht zu
beklagen, dass die europäischen Staaten individuell keine internationale
Rolle spielen können. Eine gemeinsame europäische Außen- und
Sicherheitspolitik muss auch inhaltlich alternativ sein. Sie muss dem
Unilateralismus, militärischer Machtpolitik und der Missachtung von Recht
und Verträgen die Stärkung der UNO entgegensetzen, die Verteidigung der
UNO-Charta, des Völkerrechts und des internationalen Gewaltverbots. Sie
muss Konflikte ursachenorientiert bekämpfen, Kooperation umfassend fördern,
Menschenrechte konsequent einfordern und nicht nur dann, wenn es politisch
und wirtschaftlich gerade opportun ist.
Herr
Ratspräsident, aktuell möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf drei Probleme
lenken. Erstens bleibt meine Fraktion dabei, dass dieser Krieg sofort
beendet werden muss. Die Zahlen der durch Bomben, Raketen, Schüsse getöteten
und verwundeten Zivilisten und Soldaten sind schlimm genug, aber der
Zusammenbruch der Wasser-, Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung tötet
bereits jetzt täglich Tausende irakischer Kinder, die in keiner Statistik
und keiner Pressemeldung auftauchen. 12 Jahren Embargo haben schreckliche
Folgen hinterlassen. Die geschwächte irakische Bevölkerung, vor allem
eben die Kinder, sind Diarrhö und anderen Mangelerkrankungen wehrlos
ausgesetzt. Humanitäre Hilfe muss organisiert und ermöglicht werden. Der
Stopp des Angriffskrieges wäre die dringendste humanitäre Aktion überhaupt!
Zweitens:
Mit dem Krieg haben die USA nicht nur das Völkerrecht eindeutig
gebrochen; sie erklären auch offen weitere bedrohliche Rechtsbrüche.
Minister Rumsfeld hat öffentlich angeordnet, die Streitkräfte in der
Golfregion mit CS-Gas auszurüsten. Herr Ratspräsident, demnächst ist
die Überprüfungskonferenz für die C-Waffen-Konvention. Sie wissen, dass
auch der Einsatz von nichttödlichen Giften wie CS-Gas in bewaffneten
Konflikten sowohl durch das Genfer Protokoll als auch durch Artikel 1 der
C-Waffen-Konvention ohne Ausnahme verboten ist. Ich fordere Sie auf, sich
unmissverständlich gegen die Missachtung und Brüche solch entscheidender
internationaler Verträge durch die US-Administration zu wenden!
Drittens,
im Irak befinden sich Zehntausende iranische Oppositionelle und Flüchtlinge
und kurdische Flüchtlinge aus der Türkei, die meisten von ihnen in Flüchtlingslagern.
Bisher wird weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik auch nur ein
einziges Wort an sie verwandt. Egal, wie man zu ihnen politisch stehen
mag, Herr Ratspräsident, bitte tragen Sie dazu bei, dass ihr Schicksal
nicht weiter ignoriert wird und dass dafür gesorgt wird, dass unter
keinen Umständen und durch niemanden Rache an ihnen verübt werden kann.
Machen Sie dieses Problem öffentlich und sagen Sie Ihren türkischen,
iranischen, amerikanischen und britischen Partnern, dass die Europäische
Union das Schicksal dieser Menschen genau verfolgen wird.
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