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Dr. André Brie, 14.
Dezember 2004, Beitrag für die "Berliner Zeitung" zu den
EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei
Für die
Türkei-Verhandlungen, für eine offene Diskussion
Ich bin eindeutig
für die Aufnahme von Verhandlungen mit der Türkei. Ihr Ziel muss die
Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union sein. Erstens ist die EU kein
exklusives, sondern ein offenes politisches Projekt. Zweitens gibt es
große positive Veränderungen in der Türkei. Unverantwortlich finde ich
allerdings, wenn die vielfältigen Probleme (in der Türkei wie in der EU)
ignoriert und nicht einmal diskutiert werden, wie ich es beispielsweise im
Europäischen Parlament erlebe. Die Mitgliedschaft wird für beide Seiten
radikale Veränderungen verlangen. Darüber muss informiert werden, und die
Bürgerinnen und Bürger müssen einbezogen werden. Es ist schon paradox, wie
Konservative einerseits, Sozialdemokraten und Grüne andererseits innerhalb
von zwei Jahren die Positionen getauscht haben. Die Konservativen reden
plötzlich offensiv über Menschenrechtsverletzungen, die Rolle des Militärs
und die Situation der Kurden in der Türkei; Sozialdemokraten und Grüne
dagegen lehnen konkrete, sachlich und zeitlich verifizierbare Forderungen
ab, offensichtlich, weil sie den Gegnern des Türkeibeitritts keine
Argumente in die Hand geben wollen. Es sollte klar ausgesprochen werden,
dass die Verhandlungsaufnahme nicht bedeutet (wie Erdogan behauptet), dass
die Türkei bereits die politischen Kriterien (Menschenrechte, Demokratie)
erfüllt. Trotz der enormen Reformen ist die politische und soziale
Realität beispielsweise für die mehr als vier Millionen kurdische
Flüchtlinge, die Bewohnerinnen und Bewohner von 4000 zerstörten kurdischen
Dörfern bedrückend. Weder hier noch bei der Religionsfreiheit und der
Zypernfrage darf es Relativierungen geben. Wenn EU-Kommission, Regierungen
und Europäisches Parlament von der Türkei allerdings verlangen, das
gesamte EU-Recht zu übernehmen, ihr aber erklärtermaßen zentrale Rechte
vorenthalten wollen, frage ich mich, was der Unterschied zwischen einer
"privilegierten Partnerschaft" und solcher diskriminierenden
Mitgliedschaft sein soll. Das ist für die Türkei und für die europäische
Integration gleichermaßen unakzeptabel. |
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