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19. Juli 2005:
Nach seinem viertägigen
Besuch in Bagdad und in der irakischen Provinz Diyala erklärt der
Europaabgeordnete André Brie:
Situation im
Irak spitzt sich zu: 365 Tage im Jahr wie in London am 7. Juli
Nach meiner
Teilnahme an einer Konferenz mit über 100 Politikern, darunter mehrere
Generalsekretäre von Parteien, Stammesführern, Vertreterinnen und
Vertretern zahlreicher zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie nach
verschiedenen Treffen mit irakischen Politikerinnen und Politikern
hauptsächlich aus der sunnitischen Gemeinschaft bin ich bestürzt und
entsetzt über die gegenwärtige Situation im Irak. Noch am Dienstag habe
ich gemeinsam mit einem sozialdemokratischen Kollegen aus Portugal, Paulo
Casaca, auf dem Gasali-Friedhof im Zentrum Bagdads Blumen am Grab eines
Kindes niedergelegt, das bei dem brutalen Anschlag am vergangenen
Sonnabend getötet worden war.
Die Sicherheit
im Irak hat sich nochmals dramatisch verschlechtert. Vor einer Woche
erklärten die US-Truppen die Reduzierung der Anschläge und Angriffe auf
die Besatzungskräfte von aktuell 80 auf 45 pro Tag zu ihrem Ziel. Das
würde der Zahl vor den Wahlen entsprechen. Aber für die Verringerung des
täglichen Terrors, dem die Irakerinnen und Iraker aus unterschiedlichsten
Richtungen ausgesetzt sind, gibt es keine Vorgaben. Der Irak erlebt
Terrorismus an jedem Tag und an vielen Orten zugleich. Die endgültige und
blutige Desintegration des Landes kann nicht mehr ausgeschlossen werden.
Auch die
wirtschaftliche und soziale Situation gibt kaum Anlass zu Hoffnung. Die
Lage von Frauen und Kindern hat sich eher verschlechtert; im Süden des
Landes haben fundamentalistische, teilweise offen von Iran unterstützte
Milizen die Kontrolle weiter Teile der Großstädte übernommen. In Basra
beherrschen sie nach Angaben des Polizeichefs drei Viertel der Stadt. Ihre
reaktionäre Frauenpolitik wurde weitgehend durchgesetzt. So berichtete Dr.
Suha al-Azaye, dass sie nach ihren Forderungen als Mitglied der
Verfassungskommission, Frauenrechte in der Konstitution zu verankern,
bedroht wurde. Die Rolle der Frau sei im islamischen Recht bereits
vollständig geregelt, wurde ihr beschieden.
Mehrfach
forderten repräsentative sunnitische Gesprächspartner, dass die doppelte
Okkupation des Irak – die offene durch die Besatzungstruppen sowie die
latente durch fundamentalistische Gruppen und Milizen – sofort beendet
werden müsse. Wie mir der damalige Gouverneur der Provinz Diyala, Dr.
Abdullah al-Jabouri, berichtete, seien auch die Wahlen am 30. Januar im
sunnitischen Teil Iraks sowohl von Gewalt und Drohungen als auch von
Aufrufen sunnitischer Führer zum Wahlboykott und von Manipulationen
begleitet gewesen.
Es ist dringend
erforderlich, dass die geplanten Neuwahlen unter internationaler
Beobachtung stattfinden, damit der weitgehende und gefährliche Ausschluss
der sunnitischen Bevölkerung aus der Nationalversammlung überwunden werden
kann. Die weitere Abstinenz von Vertretern des Europäischen Parlaments und
der nationalen europäischen Parlamente ist auch aus meiner Sicht nicht
akzeptabel. |