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OSZE
bleibt einzige Alternative zum militärischen Abenteurertum in Europa
Mit der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki
1975 verfolgten die beteiligten Staaten unterschiedliche, zum Teil gegensätzliche
Ziele. Einige grundlegende Einschätzungen, Interessen und Absichten waren
aber selbst den Mitgliedsländern der beiden sich konfrontativ und hochgerüstet
gegenüberstehenden Militärblöcke damals gemeinsam. Sie ermöglichten
eine Übereinkunft, die geschichtlich einzigartig ist.
Erstens
begann
sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass Sicherheit nicht mehr einseitig,
konfrontativ und militärisch gewährleistet werden kann, sondern
gemeinsam, kooperativ und politisch gesichert werden muss. Zweitens wurde die Ächtung von Krieg und Gewalt, wie sie bereits in
der UNO-Charta verankert worden war, in bemerkenswerter Weise
konkretisiert. Selbst das „Geltendmachen von Erwägungen zur
Rechtfertigung eines gegen dieses Prinzip verstoßenden Rückgriffs auf
die Androhung oder Anwendung von Gewalt“ wurde für unzulässig erklärt.
Es muss nicht daraufhin gewiesen werden, dass vor allem die NATO, aber
auch Russland in den vergangenen Jahren diese Festlegung massiv missachtet
haben. Drittens wurden jene Völkerrechtsprinzipien,
die für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit von besonderer
Bedeutung waren und sind, politisch ausgestaltet – die souveräne
Gleichheit der Staaten, die Achtung ihrer territorialen Integrität und
insbesondere der Unverletzlichkeit der Grenzen, die Nichteinmischung in
innere Angelegenheiten.
In zahlreichen anderen Fragen
wurden zum Teil scheinbar gemeinsame Positionen vereinbart, die aber
grundsätzliche Differenzen nicht einmal notdürftig verschleierten. Die
Sowjetunion und ihre Verbündeten setzten beispielsweise radikale Abrüstungsformulierungen
durch (einschließlich des Ziels der allgemeinen und vollständigen Abrüstung),
der Westen eine Menschenrechtsorientierung, die für die
staatssozialistischen Länder zu einer uneinlösbaren Herausforderung
wurde. Wenn nach 1990 aus sozialdemokratischer und konservativer aber auch
aus orthodox kommunistischer Sicht der KSZE-Prozess zum Wegbereiter für
den Zusammenbruch des osteuropäischen Staatssozialismus erklärt wurde,
so wird das entscheidende Problem der osteuropäischen Gesellschaften
ignoriert. Sie waren nicht nur nicht bereit, sich international und
gesellschaftlich zu öffnen und demokratischen Pluralismus und die Gewährleistung
politischer Freiheitsrechte umfassend zu entwickeln, sondern dazu unfähig.
Die stalinistischen und nachstalinistischen Prägungen waren nach der
gewaltsamen Niederschlagung der tschechoslowakischen Reformbemühungen nur
noch durch den gesellschaftlichen Kollaps überwindbar. Nicht die
Einwirkung von Außen oder ein angeblicher Revisionismus und die Zugeständnisse
an den Westen, sondern diese Demokratieunfähigkeit war zur entscheidenden
Ursache für die gesellschaftliche Stagnation und im übrigen auch für
das wirtschaftliche und technische Zurückfallen der osteuropäischen
Staaten geworden.
Der
KSZE-bzw. OSZE-Prozess erreichte mit der Charta
von Paris 1990 sowie mit den parallelen Vereinbarungen zur konventionellen
Abrüstung in Europa noch einmal eine denkwürdige Weiterentwicklung. Mit
der Auflösung des Warschauer Vertrages und der Sowjetunion ging jedoch
der Zwang zu Frieden und gemeinsamer Sicherheit für den Westen verloren.
Das Gleichgewicht des Schreckens war eine bedrohliche Grundlage dafür
gewesen und hätte schrittweise einem kollektiven und entmilitarisierten
Sicherheitssystem weichen müssen,
aber es war immerhin eine. NATO und Europäische Union sind offensichtlich
in keiner Weise bereit, ohne äußeren Zwang entmilitarisierte
internationale Beziehungen anzustreben. Die Festlegungen der Schlussakte
von Helsinki und anderer KSZE- und OSZE-Vereinbarungen werden inzwischen
insbesondere von der NATO offen und massiv verletzt. Die Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ist von den USA und ihren Verbündeten
aus dem Zentrum und an den Rand europäischer Sicherheitspolitik gedrängt
worden. Sie hat dies mit der Erklärung ihres Istanbuler Gipfels vom 19.
November 1999 faktisch selbst abgesegnet. Die NATO und der gegenwärtig
entstehende zusätzliche westeuropäische Militärblock maßen sich unter
Verletzung der UNO-Charta und der KSZE-Übereinkünfte die Rolle der europäischen
Sicherheitsinstitutionen und selbst das Recht auf Gewalt und Krieg, die
Missachtung von staatlicher Souveränität und territorialer Integrität
und die gewaltsame Änderung europäischer Grenzen an.
Auch wenn die KSZE ein Kind des
kalten Krieges war, sie wies und weist mit ihren Ansprüchen, Sicherheit
und Staatenbeziehungen nichtmilitärisch und kooperativ zu gestalten sowie
die universellen Menschen- und Minderheitenrechte durchzusetzen, weit in
die Zukunft. Die allerdings ist akut gefährdet. 25 Jahre nach Helsinki
gibt es in Europa immer mehr sicherheitspolitische Anachronismen, die
Umwandlung der Europäischen Union in eine Militärunion gehört zu den
bedrohlichsten. Die OSZE ist gegenwärtig nur noch ein Schatten ihrer
selbst, aber sie bleibt die einzige Alternative zum militärischen
Abenteurertum in Europa.
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