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André
Brie, 29. Januar 2003, Beitrag für das "Neue Deutschland"
Eva-Maria
Hobiger muss eine nervenstarke Frau sein. Eine ungewöhnlich tatkräftige
und durchsetzungsfähige ohnehin. Beim irakischen Zoll blieb sie einfach
sechs Stunden sitzen und erklärte den verdutzten Beamten: "Ohne
meine Geräte gehe ich hier nicht weg." Dann konnte sie gehen, mit
den Geräten. In den vergangenen sechs Monaten ist sie auf alles an Bürokratie
und vor allem an menschlicher Kälte getroffen. Und sie hat alles überwunden.
Aber, wie sie da vor uns sitzt, die österreichische Ärztin,
Krebsspezialistin, und von ihren Erfahrungen mit dem Sanktionsausschuss
der UNO, vor allem dem US-Repräsentanten in diesem Ausschuss, erzählt,
ist ihre Empörung kaum gezügelt.
Hobiger
hatte das entsetzliche Ausmaß von Krebserkrankungen im südirakischen
Basra kennengelernt. Ihrer Meinung nach kommen als Ursache nur die
massiven Umweltschäden nach dem Golfkrieg 1991 in Frage. Hier im Südirak
hatte es die heftigsten Kämpfe und Bobardements gegeben. Gifte aus
Chemieanlagen, Raffinerien, Ölförderanlagen waren ausgetreten. Die USA
verschossen tonnenweise abgereichertes Uran in ihren panzerbrechenden
Waffen. Und nach dem Krieg wurde der Umgang der Bauern mit Pestiziden
leichtfertiger, weil die dramatischen Folgen des UNO-Embargos oft genug
Produktion um jeden Preis verlangten.
Gemeinsam
mit der katholischen Kirche in Wien entwickelte die Onkologin ein
detailliertes Projekt für die Krebsbehandlung in Basra. Beim
Sanktionsausschuss der UNO beantragte sie die Einfuhrgenehmigung. Nach
Monaten erhielt sie sie für die meisten Teile. Für die meisten, nicht für
die wichtigsten. Möbel und Matratzen durften in den Irak gebracht werden.
Die beiden Blutzentrifugen, der Blutplasmagefrierschrank, ein Kühlschrank
für Blutkonserven, zwei Seperatoren zur Blutkonservenherstellung blieben
auf Verlangen der USA verboten. Diese Geräte, so die Begründung, seien
auch militärisch bedeutsam. Ein Mitarbeiter der österreichischen
Hilfsorganisation reiste extra nach New York und traf sich mit dem
Vertreter der USA im Ausschuss, Andrew Hillmann, und berichtete dem von
der unvorstellbaren Situation, den leukämiekranken Kindern in Basra, der
Häufung anderer Krebserkrankungen. Hillmann hatte nur eine Antwort für
ihn: "Ich rede mit Ihnen nicht über leukämiekranke Kinder, ich rede
mit Ihnen nur über Saddan Hussein."
Eva-Maria
Hobiger hat daraufhin auf eigene Faust gehandelt. Sie hat die Geräte in
zwei Luftcontainer verpackt und sich öffentlich dazu bekannt, sie unter
Missachtung der Sanktionen in den Irak gebracht zu haben. Auf die Frage,
ob sie eine juristische Verfolgung erwarte, meinte sie: "Ja, es ist
ein offener Bruch des Embargos. Ich muss durchaus mit einer Anzeige
rechnen, aber ich glaube, dass ich vom menschlichen Standpunkt die
Verpflichtung gehabt habe, gegen die Sanktionen zu verstoßen."
Nach
Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind etwa 1,5 Millionen irakische
Kinder Opfer des 12jährigen Embargos geworden. Entsetzlich und besonders
empörend (wenn es überhaupt Steigerungen gibt) ist das Verbot von
Pentustan, einem Medikament, das für die Behandlung der Tropenkrankheit
Kala-Azar benötigt wird. Eva-Maria Hobiger hat auch diese Erfahrungen
machen müssen. 130 Packungen des Mittels, mit denen 500 Kinder geheilt
werden könnten, hat sie kürzlich mit einer österreichischen und
EU-Exportgenehmigung in London gekauft und mit 3000 Pfund bereits bezahlt.
Doch die britischen Behörden verweigern die Auslieferung, weil angeblich
auch Pentustan ein "dual use"-Mittel sei, zivil und militärisch
verwendbar. Hobiger kennt keine militärischen Zweck der Arznei, aber
selbst wenn: In der dritten Januarwoche wurden im Krankenhaus von Basra 20
Kinder mit Kala-Azar diagnostiziert und nach Hause geschickt. Mehr konnten
die Ärzte nicht tun. Die Krankheit ist hundertprozentig heilbar, wenn sie
behandelt wird, hundertprozentig tödlich, wenn die Medikamente fehlen.
Die
Sanktionen der UNO sind ein eindeutiges Verbrechen, in mancher Hinsicht
die Vorwegnahme des Krieges, und - ohne den Schrecken von Kriegen zu
relativieren - sie sind Krieg gegen und Mord an Kindern mit den Mitteln
des Importverbots. Eva-Maria Hobiger, wer sie erlebt, weiß es, gibt nicht
klein bei, schon gar nicht auf. Am 18. Januar ist ihre erste
Blutzentrifuge in Betrieb genommen worden. Und es gibt ein Spendenkonto für
die Behandlung von Kala-Azar und die Finanzierung der verbotenen
Medikamente:
Kinder
im Irak, Hypovereinsbank AG München, Konto-Nr.:
665821595, BLZ: 70020270
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