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André Brie, Interview
zur Irak-Reise für das Neue Deutschland vom 22. Juli 2005
Herr Brie, Sie
sind soeben von einem viertägigen Reise nach Bagdad und in die nördlich
der Hauptstadt gelegene Provinz Diyala zurückgekehrt. Was hat Sie nach
Irak geführt?
Das Land steht im
Verfassungsprozess. Für Dezember sind Wahlen angekündigt. Daher wollten
ich mich gemeinsam mit dem portugiesischen Sozialdemokraten Paulo Casaca
vor Ort sachkundig machen.
Die Meldungen
über Anschläge in Irak reißen nicht ab. Täglich sterben Menschen. Wie
haben Sie die Situation im Land erlebt?
Es war
gespenstisch, was die Iraker an Sicherheitsvorkehrungen für uns
organisieren mussten. Wir waren nur in Autos mit verhängten Scheiben
unterwegs und konnten praktisch keine Minute auf der Straße stehen und
fotografieren. Die Gewalt ist allgegenwärtig. Kurz nachdem wir am Dienstag
den kleinen Ort Khalis in der Provinz Diyala verlassen hatten, sind dort
13 Menschen ermordet worden.
Wie gehen die
Menschen mit der täglichen Gewalt um?
Selbst durch
eigenes Erleben lässt sich kaum nachvollziehen, was wirklich los ist. Auf
den ersten Blick scheint vieles normal. Die Straßen und Märkte sind bunt
und lebendig. Aber wenn man mit den Irakern ins Gespräch kommt, ist die
Verzweiflung deutlich zu spüren. Ich habe Leute getroffen, die plötzlich
anfingen zu weinen, weil sie es kaum noch aushalten.
Wie kann das
Problem gelöst werden? Ist ein Rückzug der Besatzungstruppen der richtige
Weg?
Zumindest im
sunnitischen Teil wird der sofortige Abzug der US-amerikanischen Truppen
natürlich gefordert. Aber das würde voraussetzen, dass an ihre Stelle ein
anderes effektives Instrument treten müsste, etwa eine starke UNO-Präsenz.
Doch das halte ich derzeit für eine Illusion. Die USA haben eine Situation
herbeigeführt, in der der blutigste Bürgerkrieg droht.
Im Süden
scheint die Lage relativ stabil zu sein.
Abgesehen davon,
dass auch dort Todesschwadronen morden, und es für Frauen diese
„Stabilität“ eh nicht gibt, ist die äußere Ruhe negativen Entwicklungen
geschuldet. So werden die großen schiitischen Städte inzwischen von
privaten fundamentalistischen Milizen beherrscht, die vom Iran gesteuert
werden. Viele Sunniten sprechen in diesem Zusammenhang schon von einer
zweiten Besatzungsmacht.
US-Amerikaner
und Briten lassen das geschehen?
Es ist den
britischen Streitkräften offen gesagt worden, dass sie sich in den Städten
nicht sehen lassen sollen. Und auch die US-Amerikaner setzen sich nicht
mit dem Fundamentalismus auseinander, weil sie damit die Unterstützung der
schiitischen Parlamentsmehrheit verlieren würden. Doch der
Fundamentalismus beginnt das Land in gefährlichster Weise zu zerstören. Es
muss endlich die ganze und widerspruchsvolle Wahrheit gesagt und auf deren
Grundlage über Alternativen nachgedacht werden.
Wie könnten
die aussehen?
Die
Internationale Gemeinschaft muss darauf drängen, dass alle
Bevölkerungsgruppen am politischen Prozess beteiligt werden. Und sie muss
endlich die vorhandenen demokratischen Kräfte in das Zentrum der
Unterstützung stellen. Natürlich hoffen Schiiten und Kurden nach
jahrzehntelanger Unterdrückung auf eigene Möglichkeiten. Aber ohne die
Integrität Iraks würde es zum Bürgerkrieg kommen, der die ganze Region
destabilisiert.
Welche Rolle
können die Europäer spielen?
Die US-Amerikaner
hatten 2003 kein Konzept, sie haben bis heute keines. Und bei den
Europäern sieht es nicht besser aus. Kaum jemand setzt sich für die
demokratischen Parteien, Gewerkschaften oder Frauenorganisationen ein. Im
Gegenteil: Es wird geduldet, dass sie immer mehr aus dem
gesellschaftlichen Leben verdrängt werden. Die USA und ähnlich die
Europäer setzen allein auf die schiitischen und anderen Machtgruppen,
nicht auf die demokratischen Kräfte und nicht auf die notwendige
wirtschaftliche und soziale Entwicklung.
Was werden Sie
nach dieser Reise in Ihrer Funktion als Europaabgeordneter unternehmen
Ich werde darauf
drängen, dass das EU-Parlament bei den Wahlen im Dezember nicht wieder
abstinent bleibt. Ich habe eindeutige Beweise für übelste Manipulationen
gegen gemäßigte Kräfte in der Provinz Diyala mitgebracht. Sicher ist eine
solche Beobachtermission nicht ungefährlich, aber es lässt sich alles
verantwortungsvoll organisieren, wenn man mit den Leuten vor Ort
zusammenarbeitet. |