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Interview
vom 19.06.2003 in der "jungen welt"
André
Brie ist Europaabgeordneter der PDS. Er kehrte am Mittwoch von einer mehrtägigen
Delegationsreise von Europaparlamentariern aus Afghanistan zurück
Ein
erklärtes Ziel ihrer Reise war es, sich um die Aufklärung möglicher
Kriegsverbrechen der Anti-Taliban-Koalition während des
Afghanistan-Krieges zu bemühen. Insbesondere im Zusammenhang mit dem
Massaker von Mazar-i-Sharif im November 2001, bei dem Tausende afghanische
Kriegsgefangene unter den Augen von US-Soldaten ermordet worden sein
sollen. Hatten Sie Erfolg?
Im
Gespräch mit dem stellvertretenden Verteidigungsminister, Usbeken-General
Abdul Raschid Dostum, hat dieser ausdrücklich bestätigt, daß 170
Gefangene in Containern erstickt sind und zugesagt, eine Untersuchung
dieses Falles und der weiteren Vorwürfe unterstützen zu wollen.
Auf
eine mögliche US-amerikanische Mitverantwortung ist er nicht direkt
eingegangen, hat aber erwähnt, daß US-Soldaten bei den fraglichen
Ereignissen, einschließlich der Tötung von Kriegsgefangenen in
Mazar-i-Sharif, anwesend gewesen sind. Die Massaker wurden auch von
anderen Gesprächspartnern bestätigt. Ferner hat Dostum von einem seiner
Privatgefängnisse berichtet, in dem nach wie vor 1000 Taliban-Kämpfer
unter völliger Mißachtung internationaler Konventionen, Rechtsnormen und
Menschenrechte festgehalten würden. Darüber hinaus habe ich von einer
Korrespondentin der <I>New York Times<I> erfahren, daß
die US-Truppen in Bagram nördlich von Kabul mindestens ein Gefängnis mit
Hunderten Gefangenen, wahrscheinlich zusätzlich auch noch ein CIA-Gefängnis
unterhalten. Abgesehen vom ohnehin klaren Bruch internationalen Rechts,
soll es dort auch systematische Folterungen durch US-Vernehmer geben.
Mindestens zwei Menschen sollen zu Tode gefoltert worden sein.
Die
Vertreter des UN-Generalsekretärs für Afghanistan und der afghanische Außenminister
Abdullah Abdullah haben internationale Unterstützung bei der Aufklärung
der fraglichen Ereignisse erbeten, unter anderem von der US-Regierung. Ist
das nicht reichlich naiv?
Immerhin
passiert endlich etwas. Nach meiner Auffassung ist vor allem die
Bundesregierung in der Pflicht, nötigen Druck auf die USA auszuüben, da
sie in der Vergangenheit ihr Interesse an der Aufdeckung der Hintergründe
geäußert hat. Daß bis heute noch keine einzige Regierung in diesem
Sinne tätig wurde, ist ein Skandal.
Sie
haben sich ein Bild von der politischen, wirtschaftlichen und
humanitären Lage in Afghanistan machen können. Wie fällt ihre
Bilanz aus?
Das
Land ist völlig instabil und zerrüttet. US-Truppen und Zentralregierung
beherrschen kaum mehr als die Hauptstadt Kabul. Die Regierung von Präsident
Hamid Karsai ist in sich zerstritten und von den Machtkämpfen der
Stammesfürsten und Warlords gekennzeichnet. Viel Macht liegt in den Händen
von Verteidigungsminister Mohammed Kasim Fahim und seines Stellvertreters
Dostum. Das übrige Land wird von regionalen Herrschern, Feldherren und
Feldkommandeuren regiert. Von Demokratie und Menschenrechten ist praktisch
nichts zu spüren.
Was
ist schiefgelaufen?
Es
ging nie um Demokratie und Menschenrechte, es ging einzig um weltweite
amerikanische Macht- und Dominanzpolitik. Das geht so weit, daß die USA
die Warlords offen unterstützen, selbst jene, die vom Drogenhandel
profitieren. Tragfähige Konzepte für die Entwicklung des Landes
existieren nicht und wurden auch nie ernsthaft angestrebt. Ausbaden muß
dies das afghanische Volk.
Presseberichten
zufolge sollen US-Vertreter inzwischen sogar mit den Taliban verhandelt
haben, damit diese ihre Angriffe auf die US-Truppen einstellen. Gerät die
Situation selbst aus Sicht der Amerikaner aus dem Ruder?
Die
Taliban stellen nicht mehr die Hauptgefahr dar, sondern die von den USA
protegierten Warlords. Außerdem ist die Regierung Karsai inzwischen
derart handlungsunfähig und in der Bevölkerung diskreditiert, daß die
Amerikaner selbst nach Alternativen Ausschau halten. Teile der
amerikanischen Administration setzen auf den Enkel des früheren Königs
Zahir Schah, der aber nahezu ausschließlich im Ausland aufgewachsen ist
und mit den widerspruchsvollen Machtverhältnissen und Stammesstrukturen
nicht vertraut ist.
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