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Interview „junge welt“
21.07.2005: Bombenanschläge wie in London sind für die Iraker alltäglich.
Selbstmordattentäter kosten nur 15000 Dollar. Ein Gespräch mit André Brie:
»Sicherheitslage im
Irak dramatisch verschlechtert«
F: Sie sind soeben aus dem Irak zurückgekehrt. Was hat sich dort seit
Ihrem letzten Besuch vor vier Monaten geändert?
Erstens hat sich die Sicherheitslage dramatisch verschlechtert, vor allem
im sunnitischen Landesteil. Aber auch in anderen Regionen wird es immer
schlimmer, dort hausen Todesschwadronen und alle möglichen Milizen, es
gibt viele Morde. Zweitens hat sich die soziale und wirtschaftliche Lage
vor allem für Frauen und Kinder weiter verschlechtert. Die
Arbeitslosigkeit ist nach wie vor extrem hoch.
F: Aus dem Irak wird nahezu täglich von Anschlägen berichtet. Haben Sie
selbst welche miterlebt?
Persönlich nicht. Am Dienstag war ich noch in Khalis – kurz danach gab es
dort einen Mord an 13 Zivilisten. Auch von den zehn Anschlägen, die es am
Sonnabend in Bagdad gab, habe ich nichts bemerkt.
F: Wie fest sitzen die USA im Irak im Sattel?
Meiner Meinung nach stehen sie kurz vor dem Scheitern. Es gibt Anzeichen
dafür, daß sie den schiitischen Süden und den kurdischen Norden fest in
der Hand behalten wollen – dort sind natürlich auch die Erdölvorkommen.
Den Rest des Landes wollen sie offenkundig dem Bürgerkrieg überlassen.
F: Wie beurteilen Sie den Charakter der Anschläge – sind das Attentate
krimineller Banden, oder geht es um politisch motivierten und militärisch
organisierten Widerstand?
Es ist eine Mischung widersprüchlicher Elemente: Einerseits gibt es
natürlich echten Widerstand gegen die Besatzungsmächte. Zum anderen treten
immer mehr Todesschwadronen auf, die unterschiedliche Zielen haben. Dazu
zähle ich auch kurdische Extremisten, die außerhalb der großen kurdischen
Parteien agieren. Am wichtigsten sind wohl die schiitischen
Fundamentalisten, die das ganze Land übernehmen wollen. Sehr viele
Anschläge haben einen ausschließlich kriminellen Hintergrund.
F: Werden die schiitischen Fundamentalisten vom Nachbarland Iran
unterstützt?
Massiv und zum Teil sehr offen – finanziell, politisch und auch
militärisch. Das Badr-Korps z.B., eine große, militärische Organisation,
die den gesamten Irak in die Hand bekommen will, wird eindeutig vom Iran
unterstützt.
F: Man hört immer wieder von religiös motivierten Anschlägen – sind die
nicht eher darauf abgestellt, die Situation weiter zu eskalieren?
Das kann ein Europäer kaum einschätzen, es wird wohl eine Mischung aus
religiösen und politischen Motiven sein. Inzwischen kann man für 15000
Dollar sogar einen Selbstmordattentäter kaufen. Der hat im Irak ohnehin
keine Lebensperspektive mehr – mit dem Geld können aber seine Schwester
oder seine ganze Familie bis an ihr Lebensende versorgt werden.
F: Steht das Land erst vor einem Bürgerkrieg, oder ist es schon
mittendrin?
Im Irak passiert jeden Tag das, was am 7. Juli bei den Bombenanschlägen in
London geschah. Die europäischen Medien berichten aber bei weitem nicht
über alle Anschläge, auch nicht über die vielen politischen Morde. Es
wurden z.B. 160 Offiziere der früheren irakischen Streitkräfte umgebracht,
vor allem Piloten. Hinter den Mördern sollen iranische Kräfte stehen, die
sich für die Bombenangriffe im iranisch-irakischen Krieg 1980–1988 rächen
wollen.
F: In welcher Lage sind Frauen und Kinder?
Bagdad bietet ein Bild der Verslumung und Vermüllung. Ständig fällt der
Strom aus; wenn es mal Wasser gibt, dann ist es kaum genießbar. Noch mehr
Kinder als früher sind krank, die Bildungschancen werden immer schlechter.
Die schiitischen Fundamentalisten verdrängen die Frauen zunehmend aus dem
öffentlichen Leben.
F: Welche Kräfte bieten überhaupt eine Perspektive für den Irak?
Es gibt dort immer noch eine starke Zivilgesellschaft mit Gewerkschaften,
Frauenorganisationen, Kulturvereinen, Studentenorganisationen usw. Es gibt
auch demokratische Parteien, die keine Instrumente des schiitischen
Fundamentalismus des Iran sind. Aber sie alle werden von der UNO, der EU
und der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen. |
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