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André Brie,
Interview mit der Tageszeitung "Neues Deutschland", 23. September 2005 zum
UN-Gipfel in New York
Auf dem dieser
Tage zu Ende gegangenen UNO-Millenniumsgipfel sollten wichtige
entwicklungspolitische Weichenstellungen vollzogen werden. Wie fällt Ihre
Bilanz nach der Rückkehr aus New York aus?
Die
entwicklungspolitischen Ergebnisse des Millenniumsgipfels sind absolut
enttäuschend. In vielen wichtigen Fragen fallen sie zum Teil hinter die
bereits vor fünf Jahren beschlossenen Millenniumsentwicklungsziele (MDG)
zurück.
Warum wurde die
Entwicklungspolitik so in den Hintergrund gedrängt?
Das ist eindeutig
auf den Widerstand der USA zurückzuführen. Im Sommer hatte deren
UNO-Botschafter John Bolton mit seinen zahllosen Änderungsanträgen das
Dokument so verwässert, dass der erreichte Kompromiss auf diesen Gebieten
einfach nicht den Erwartungen und schon gar nicht den Erfordernissen
entspricht.
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hatte vor dem
Millenniumsgipfel angemahnt, dem Thema Entwicklungshilfe besondere
Priorität einzuräumen. War das ein bloßes Lippenbekenntnis?
EU-Mitgliedsländer,
britische Ratspräsidentschaft und Kommission haben nicht ausreichend dazu
beigetragen, dass die notwendigen Ergebnisse zustande kommen konnten. Die
Erklärungen sowohl der Kommission als auch des Rates waren viel zu
allgemein formuliert. Auf der anderen Seite muss ich anerkennen, dass die
EU-Staaten maßgeblich dazu beigetragen haben, dass überhaupt etwas zu
Stande gekommen ist.
Und das wäre?
Eine Bekräftigung
der Millenniumsentwicklungsziele, unter anderem bei der Forderung an alle
Industriestaaten, 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für
Entwicklungshilfe auszugeben. Zudem wurde daran festgehalten, die extreme
Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Beides war angesichts
der USA-Politik nicht selbstverständlich. Allerdings fehlen weiterhin die
konkreten Verpflichtungen.
Sehen Sie die
Chance, dass beim Treffen der Welthandelsorganisation in Hongkong im
kommenden Dezember das Ruder noch herumgerissen werden kann?
Das ist nicht
ausgeschlossen. Es gibt Anzeichen, dass die Industriestaaten einen Schritt
in Richtung der Öffnung ihrer Märkte für Agrarprodukte aus den
Entwicklungsländern vollziehen müssen. Allerdings wird man vom
Grundprinzip einer weiteren Liberalisierung des Welthandels nicht
abrücken. Das Kernproblem, das sich in New York wieder gezeigt hat, ist
und bleibt, dass man dort mauert, wo politisch agiert werden muss und
konkrete Verpflichtungen abgegeben werden sollen. Der freie Weltmarkt soll
die Lösung sein, politische Probleme werden zu rein ökonomischen gemacht.
So wäre selbst eine Öffnung der Märkte in den Industriestaaten Instrument
für die weitere soziale und ökologische Zerstörung in den Ländern des
Südens und für ihre wirtschaftliche Ausbeutung.
Die EU-Kommission
hat im Mai einen Stufenplan zur Erreichung des 0,7-Prozent-Zieles bis 2015
verabschiedet.
Der Stufenplan geht
in die richtige Richtung, war aber längst überfällig. Ob das Vorhaben
letztlich durchsetzbar ist, lässt sich schwer abschätzen. Zwar stehen
Staaten wie Deutschland nun unter Druck, dieser Verpflichtung
nachzukommen. Rechtlich verbindlich ist sie aber nicht.
Sie haben in New
York auch mit Kofi Annan gesprochen. Wie bewertet der UNO-Generalsekretär
die EU-Entwicklungspolitik?
Bei den Vereinten
Nationen werden die jüngsten Entwicklungen in Brüssel durchaus gewürdigt.
Allerdings darf man offizielle Einschätzungen nicht zu ernst nehmen.
UNO-Funktionäre - Kofi Annan eingeschlossen - hatten weitaus höhere
Erwartungen an den Millenniumsgipfel, aber angesichts der Schwäche der
Organisation und der Politik der USA halten sie sich zur Zeit mit
kritischen Urteilen zurück. In Gesprächen habe ich jedoch bemerkt, wie
groß die Ernüchterung bei der UNO ist.
Die Vertreter von
Nichtregierungsorganisationen (NRO) waren da sicherlich weniger
zurückhaltend.
Das ist richtig. Die
NRO waren tief enttäuscht und haben eine ausgesprochen kritische Bilanz
gezogen. Sie gehen davon aus, dass die Millenniumsentwicklungsziele unter
diesen Bedingungen nicht bis 2015 erreicht werden können.
Wie kann das
Thema Entwicklungspolitik in Zukunft wieder stärker auf die politische
Tagesordnung gesetzt werden?
Trotz der insgesamt
deprimierenden Bilanz dieses Gipfels ist es den USA nicht gelungen, jede
Chance auf die Umsetzung der MDG zunichte zu machen. Das ist für mich das
einzig Positive. Nun kommt es darauf an, dass die Entwicklungsländer, NRO
und die Öffentlichkeit ihren Druck auf die Regierungen erhöhen.
Welche Rolle
spielt dabei die Europäische Union?
Das Europaparlament
wird sich in der kommenden Woche mit den Ergebnissen des
Millenniumsgipfels beschäftigen. Ich gehe schon davon aus, dass fast alle
Fraktionen sich kritisch äußern werden und den Druck auf die EU-Kommission
und auf den Europäischen Rat weiter verstärken. Ich glaube, dass das aber
allein nicht ausreicht, dass wir in unserer
Zivilgesellschaft
ein Bewusstsein brauchen, dass es hier nicht einfach nur um Ziele für
andere Staaten geht, sondern um gemeinsame, existenzielle Fragen.
Das Interview
führte Stefan Mentschel. |