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Interview
der "Jungen Welt" am 23.06.2004
Sie
haben vergangene Woche den Irak bereist. Welche Eindrücke
haben Sie gewonnen?
Die
Lage im Land ist außerordentlich
gespannt. Die Unsicherheit im Lande ist allgegenwärtig.
Ich habe im nördlichen
Bagdad eine Stelle passiert, an der wenige Stunden zuvor ein Bombe
explodiert war. Auf der Rückfahrt
habe ich Explosionen in Bagdad gehört.
Anderntags blockierten US-Streitkräfte
70 Kilometer vor der jordanischen Grenze eine Autobahn, weil vor Ort zwei
Bomben deponiert waren.
Immer
mehr Ausländer
werden Opfer von Entführungen
und gezielten Anschlägen.
War Ihnen nicht unwohl in Ihrer Haut?
Ich
selbst habe mich nicht unsicher gefühlt.
Man sollte die Situation der Ausländer
ohnehin nicht dramatisieren. Viel schlimmer ist die Lage der Irakerinnen
und Iraker, die alltäglich
mit Angst und Schrecken leben müssen.
Schließlich
ist es die irakische Bevölkerung,
die die große
Mehrheit der Toten und Verletzen zu beklagen hat. Besonders beunruhigend
ist die Situation im Süden
des Landes, von der es in der veröffentlichen
Meinung heißt,
daß
es dort unter britischer Besatzung vergleichsweise ruhig zugehen soll.
Wovon die Öffentlichkeit
kaum etwas erfährt,
ist der mit Macht um sich greifende chauvinistische Fundamentalismus.
Unverschleierte Frauen werden verhaftet, Läden,
die Kosmetikartikel oder alkoholische Getränke
anbieten, werden zerstört
und deren Besitzer bedroht. Nach meiner Einschätzung
brauen sich gerade im Süden
des Landes die größten
Bedrohungen zusammen.
Wie
beurteilen Sie die Rolle der neuen Übergangsregierung?
Von
den Irakern wird die Übergangsregierung
als ein deutlicher Fortschritt gegenüber
dem früheren
Regierungsrat betrachtet, weil sich diese weit mehr aus innerirakischen Kräften
zusammensetzt. Dennoch erhält
die Regierung keine echte Souveränität,
wodurch sie schon bald wieder diskreditiert sein könnte.
Außerdem
beklagten alle meine Gesprächspartner
–
Stammesführer,
Gouverneure, Bürgermeister
und Vertreter politischer Organisationen –,
daß
die durchaus vorhandenen demokratischen, politischen Kräfte
in dieser Regierung unterrepräsentiert
sind.
Was
wären
Ihrer Meinung nach die notwendigen Schritte zu einem dauerhaften Frieden?
Ich
bin äußerst
skeptisch, was die kurz- und mittelfristige Perspektive betrifft. Die
Politik der Besatzer trägt
zur weiteren Destabilisierung des Landes, zu einer Stärkung
des Fundamentalismus und einer Verschärfung
der wirtschaftlichen und sozialen Probleme bei. Die Übergabe
der vollen Souveränität
an die Iraker ist dringend erforderlich. Es wäre
absolut notwendig, daß
die demokratischen und antifundamentalistischen Kräfte
gestärkt
werden. Es ist empörend,
daß
diese Frage in Politik der Besatzungsmächte,
der Europäische
Union und der UNO so gut wie keine Rolle spielt. Ganz entscheidend ist außerdem
die Förderung
des wirtschaftlichen, sozialen
und kulturellen Wiederaufbaus des Landes durch die internationale
Gemeinschaft.
Interview:
Harald Neuber
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