ANDRÉ BRIE    
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Interview der "Jungen Welt" am 23.06.2004

 

Sie haben vergangene Woche den Irak bereist. Welche Eindrücke haben Sie gewonnen?

Die Lage im Land ist außerordentlich gespannt. Die Unsicherheit im Lande ist allgegenwärtig. Ich habe im nördlichen Bagdad eine Stelle passiert, an der wenige Stunden zuvor ein Bombe explodiert war. Auf der Rückfahrt habe ich Explosionen in Bagdad gehört. Anderntags blockierten US-Streitkräfte 70 Kilometer vor der jordanischen Grenze eine Autobahn, weil vor Ort zwei Bomben deponiert waren.

 

Immer mehr Ausländer werden Opfer von Entführungen und gezielten Anschlägen. War Ihnen nicht unwohl in Ihrer Haut? 

Ich selbst habe mich nicht unsicher gefühlt. Man sollte die Situation der Ausländer ohnehin nicht dramatisieren. Viel schlimmer ist die Lage der Irakerinnen und Iraker, die alltäglich mit Angst und Schrecken leben müssen. Schließlich ist es die irakische Bevölkerung, die die große Mehrheit der Toten und Verletzen zu beklagen hat. Besonders beunruhigend ist die Situation im Süden des Landes, von der es in der veröffentlichen Meinung heißt, daß es dort unter britischer Besatzung vergleichsweise ruhig zugehen soll. Wovon die Öffentlichkeit kaum etwas erfährt, ist der mit Macht um sich greifende chauvinistische Fundamentalismus. Unverschleierte Frauen werden verhaftet, Läden, die Kosmetikartikel oder alkoholische Getränke anbieten, werden zerstört und deren Besitzer bedroht. Nach meiner Einschätzung brauen sich gerade im Süden des Landes die größten Bedrohungen zusammen.

 

Wie beurteilen Sie die Rolle der neuen Übergangsregierung?

Von den Irakern wird die Übergangsregierung als ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem früheren Regierungsrat betrachtet, weil sich diese weit mehr aus innerirakischen Kräften zusammensetzt. Dennoch erhält die Regierung keine echte Souveränität, wodurch sie schon bald wieder diskreditiert sein könnte. Außerdem beklagten alle meine Gesprächspartner Stammesführer, Gouverneure, Bürgermeister und Vertreter politischer Organisationen , daß die durchaus vorhandenen demokratischen, politischen Kräfte in dieser Regierung unterrepräsentiert sind.

 

Was wären Ihrer Meinung nach die notwendigen Schritte zu einem dauerhaften Frieden?

Ich bin äußerst skeptisch, was die kurz- und mittelfristige Perspektive betrifft. Die Politik der Besatzer trägt zur weiteren Destabilisierung des Landes, zu einer Stärkung des Fundamentalismus und einer Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme bei. Die Übergabe der vollen Souveränität an die Iraker ist dringend erforderlich. Es wäre absolut notwendig, daß die demokratischen und antifundamentalistischen Kräfte gestärkt werden. Es ist empörend, daß diese Frage in Politik der Besatzungsmächte, der Europäische Union und der UNO so gut wie keine Rolle spielt. Ganz entscheidend ist außerdem die Förderung des wirtschaftlichen,  sozialen und kulturellen Wiederaufbaus des Landes durch die internationale Gemeinschaft.

Interview: Harald Neuber

 
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