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November 2003: Interview mit der
Zeitschrift "Freitag": André Brie (PDS),
Afghanistan-Berichterstatter des Europäischen Parlaments
FREITAG: Der afghanische Präsident Karzai
hat am 24. Oktober bei der Waffenabgabe von etwa 1.000 Milizionären im
Sportstadion von Kundus von einem guten Tag für Afghanistan gesprochen,
dem in den nächsten drei Jahren weitere folgen sollen, wenn 100.000
Milizionäre ihre Waffen abgeben. Eine realistische Erwartung oder
Zweckoptimismus?
ANDRE BRIE: Ich sehe das weitaus kritischer
als Karzai. Diese Waffenabgabe vom 24. Oktober hatte einen symbolischen
Wert, aber keinen realen. In Wirklichkeit werden die Milizen weiter aufgerüstet
– mit Unterstützung vor allem der USA und anderer Staaten. Sicher wäre
es technisch möglich, 100.000 Afghanen zu entwaffnen und zu reintegrieren,
nur muss es dazu den politischen Willen der Vereinigten Staaten geben, die
augenblicklich die Warlords eher halten oder zumindest tolerieren
– ungeachtet der Tatsache, dass sich deren Armeen zunehmend aus
dem Drogengeschäft finanzieren. Deswegen sehe ich dieses »Afghan New
Beginnings Programme (ANBP)«, zu dem Kundus der Auftakt sein sollte,
sehr, sehr skeptisch.
Wenn die Amerikaner so verfahren, wie Sie
sagen, unterlaufen sie die Zentralmacht von Präsident Karzai – wo liegt
da die politische Logik?
Scheinbar ist das paradox, wenn die
Amerikaner mit ihrer Politik gegenüber den Warlords ihren Mann in Kabul
gefährden, den sie gerade durch die neue Verfassung stärken wollen –
sie gefährden ihn sogar akut und damit die Stabilität des Landes. Ich
kann mir das nur damit erklären – auch wenn das vielleicht etwas
verschwörungstheoretisch klingt –, dass die Bush-Regierung Konflikte
und Instabilität in Afghanistan braucht, um ihre Anti-Terror-Politik –
inklusive der ungeheuren Waffenprogramme – zu legitimieren und
durchzusetzen.
Sie haben in Kabul mit General Gliemeroth,
dem Oberkommandieren der ISAF-Truppen, gesprochen. Wie sieht er das?
Der hat sich dazu sehr diplomatisch geäußert,
aber mein Eindruck ist schon, dass es bei ISAF eine andere Strategie als
bei den Amerikanern gibt.
Inwiefern?
ISAF selbst wird größte Anstrengungen
unternehmen – und die nehme ich ernst –, bis Februar 2004 bei den
schweren Waffen, zumindest im Raum Kabul, für eine Abrüstung zu sorgen.
Das halte ich für aussichtsreich, nur wird es nichts an der
Gesamtsituation ändern, da die aktuellen oder potenziellen Spannungsherde
nicht im Umfeld der Hauptstadt, sondern im Norden und im Süden und nicht
zuletzt im Gebiet von Herat, liegen.
Welchen militärischen Sinn hat dann die
Verlegung von Bundeswehreinheiten nach Kundus im Norden oder von
ISAF-Formationen anderer Länder, die
über Kabul hinaus disloziert werden?
Ich glaube, es gibt auch hier
unterschiedliche Auffassungen zum Konzept der sogenannten »Provincial
Reconstruction Teams« (PRTs). Die Amerikaner wollen sich etwas zurücknehmen,
die Lasten der Militärpräsenz in Afghanistan mehr als bisher auf andere
Staaten verteilen, ansonsten aber in den Provinzen grundsätzlich nichts
ändern. Einige europäische Staaten und die UNO wollen dagegen versuchen,
die Warlords durch ein Abrüstungsprogramm zu entmachten oder wenigstens
Voraussetzungen zu schaffen, dass es dazu kommt.
Ich glaube allerdings, dass man dabei einen
falschen Weg einschlägt, wenn es zu derart widersinnigen Aktionen kommt
wie dem Einsatz von PRTs der Bundeswehr in Kundus. Dort handelt es sich
einerseits um eine relativ stabile Region, andererseits um ein Zentrum des
Drogenanbaus und -handels. Und dazu hat bekanntlich der Bundestag
beschlossen, dass man sich nicht einzumischen habe ...
... und so wirkungslos bleibt.
Nicht nur das, man setzt sich auch der
Gefahr aus, Spielball der Warlords und dadurch erst recht verwickelt zu
werden. Unter derartigen Umständen lässt sich für die afghanische Bevölkerung
nichts tun, lediglich die eigenen Soldaten werden gefährdet.
Wie groß sind die Chancen, dass es zu den
für 2004 vorgesehenen Wahlen kommt?
Es ist eine Konsequenz des Bonner
Petersberg-Abkommens vom Dezember 2001, dass nicht klar definiert worden
ist, welche Wahlen 2004 stattfinden sollen. So wird es zunächst nur eine
Präsidentenwahl geben, nur sollte man nicht glauben, dass dadurch die
Heterogenität des Landes überwunden wird und faktisch über Nacht
demokratische Strukturen entstehen. Dahinter steckt ein eindeutiges
Interesse der Amerikaner: Sie wollen Karzai und nicht mehr. Bush möchte
vor der Präsidentschaftswahl in den USA einen Erfolg vorweisen: die Wahl
des Staatschefs in Afghanistan. Und die soll ein Mann gewinnen, den die
Amerikaner voll und ganz kontrollieren. Ich war jetzt erneut im Präsidentenpalast
von Kabul und habe gesehen, dass sich das Umfeld Karzais wesentlich aus
Amerikanern rekrutiert. Der Präsident Afghanistans wird nicht von
afghanischen Sicherheitskräften, sondern von amerikanischem Personal
bewacht.
Im Sommer, als wir auch den
US-Oberkommandierenden, Generalleutnant Vines trafen, hatte der während
eines Briefings unumwunden verkündet, das entscheidende Ziel der USA sei
es, eine afghanische Regierung zu installieren, von der sicher ist, dass
sie die Amerikaner jederzeit wieder ins Land holt, wenn es notwendig sein
sollte. Wortwörtlich.
Dafür steht Karzai.
Eindeutig Karzai und kein Parlament. Das könnte
allerdings auch zur Spielwiese der Warlords werden. Wenn also die
internationale Gemeinschaft in Afghanistan demokratische Verhältnisse
will, dann muss sie sich für einen Präsidenten einsetzen, der durch
Checks und Balances unter demokratischer Kontrolle steht. Dazu müssten
2004 zeitgleich Präsidentschafts- und Parlamentswahlen stattfinden. Das
ist jedoch – und damit schließt sich der Kreis – ohne vorherige oder
parallele Abrüstung der Warlords kaum denkbar.
Gibt es denn überhaupt Parteien, die zu
Parlamentswahlen antreten würden?
Ich habe zu meinem Erstaunen demokratische
Kräfte kennen gelernt, von denen man normalerweise gar nicht annimmt,
dass sie existieren. Sie haben teilweise landesweite Strukturen, was mich
positiv überrascht hat. Die brauchten gerade jetzt eine Chance.
Um noch einmal auf das erweiterte
ISAF-Mandat zurückzukommen, Sie waren im Norden, vor allem im Raum von
Mazar-I-Sharif und haben dort direkt mit dem Usbeken-General Dostum
gesprochen, einem der mächtigsten Warlords.
Wie sieht er die PRTs?
In Mazar-I-Sharif liegt bereits ein
britisches PRT, über das sich Dostum öffentlich positiv äußert. Er
beteuert ständig, kooperieren zu wollen. Praktisch ist es aber so, dass
er neue Waffen beziehen kann und ihn dabei niemand stört. Jüngst sind
auf Weisung von Präsident Karzai der Gouverneur und der Polizeichef der
Provinz ausgetauscht wurden, was Dostum gewiss unangenehm war, zumindest,
was den Polizeichef anging – das war ein Mann von ihm. Gravierende
Konsequenzen hat das nicht, da Dostums Spielraum davon unberührt bleibt.
Diese Machtfülle offenbart sich dann auch
in einer Art Selbstjustiz.
Es ist tatsächlich so, dass der General
etwa 100 Kilometer von Mazar-I-Sharif entfernt eine Art Privatgefängnis
in Sherberghan unterhält. Der Begriff ist allerdings ist nicht ganz
korrekt, weil die USA haben dort die meisten Gefangenen selbst verhört
haben. Sie hätten auch jetzt alle Möglichkeiten, dort einzugreifen.
Stattdessen haben sie mehr als 120 Häftlinge nach Guantanamo deportiert.
Ich gehe davon aus, wenn im November 2003 – zwei Jahre nach dem Sturz der
Taleban – weiterhin über 1.000 Gefangene in Sherberghan sitzen, dann
geschieht das, weil die Amerikaner es so wollen. Das ist ein
internationaler Skandal, der zu Lasten der Vereinten Nationen geht, die für
das Protektorat Afghanistan faktisch die Verantwortung tragen, vor allem
aber zu Lasten der USA, die in diesem Protektorat die reale Macht
besitzen, aber keinerlei Anstalten machen, nach rechtsstaatlichen Grundsätzen
zu handeln.
Wird den Sträflingen von Sherberghan
inzwischen der Status von Kriegsgefangenen zugebilligt?
Es gibt lediglich eine Betreuung durch das
Internationale Rote Kreuz, das Kontakte mit den Familien ermöglicht.
Ansonsten werden weder Verfahren eröffnet, noch wird diesen Menschen der
Status von Kriegsgefangenen zuerkannt, wie das nach den Genfer
Konventionen geboten wäre.
Wie sind die Haftbedingungen?
Die gefangenen Afghanen sitzen dort in
einem Block von vielleicht 30 Meter Länge – auf engem Raum leben 450 Häftlinge.
Die Pakistani sind in einem zweiten Block unter etwa gleichen Bedingungen
interniert. Das Hauptproblem für mich ist das Fehlen aller rechtlichen
Standars.
Konnten Sie direkt mit den Gefangenen
sprechen?
Die Afghanen standen alle am Gitter, als
ich kam, haben dann aber jedes Gespräch verweigert. Anders die Pakistani,
die mir erklärt haben, es gäbe jetzt eine weitgehend normale Behandlung,
was vor allem bedeute, dass sie nicht mehr gefoltert würden, wie das nach
ihrer Gefangenennahme der Fall war, und dass sie Kontakt mit ihren
Familien hätten. Aber es werden eben nach wie vor Mindestnormen des Völkerrechts
missachtet, was in Sherberghan besonders für ehemalige Kommandeure gilt,
etwa 45 an der Zahl, von denen mir einer sagte, er fühle sich zwar jetzt
fair behandelt, aber ein Prozess sei nicht in Sicht.
Das bedeutet?
Dieser Mann war darauf eingestellt, bis zu
seinem Lebensende dort interniert zu bleiben. Die Pakistani dagegen waren
optimistischer und hofften, demnächst frei zu kommen. Es handelt sich bei
ihnen fast nur um Leute, die nach dem 11. September 2001 und kurz vor dem
Fall der Taleban nach Afghanistan gingen, als es in den islamischen Ländern
hieß, man müsse das Land gegen die heraufziehende Invasion der
Amerikaner verteidigen. Es spricht einiges dafür, dass man diese
Gefangenen als Faustpfand hält, um Druck auf Pakistan ausüben zu können
– was schändlich wäre, sollte es zutreffen.
Was tut die pakistanische Regierung?
Sie bemüht sich, diese Leute frei zu
bekommen, bisher vergeblich. General Dostum hat mir gesagt – ich weiß
nicht, ob das der Wahrheit entspricht – er sei jederzeit bereit wäre,
die Gefangenen der UNO oder der Zentralregierung zu übergeben.
Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie in
dieses Gefängnis hinein kamen?
In Gegenwart von mehreren
Europa-Parlamentariern und Diplomaten hatte ich Dostum bei meiner letzten
Afghanistan-Reise im Juni direkt auf diese Gefangenen hin angesprochen –
und da bot er an, beim nächsten Mal könnte ich sie sehen. Also habe ich
ihn einfach erinnert und beim Wort genommen.
Das Gespräch führte Lutz Herden
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