|
Interview
des "FREITAG" Juni 2004
Im
Gespräch: Der Europaabgeordnete André Brie (PDS) über den Irak eine
Woche vor Antritt der neuen Regierung
FREITAG:
Sie waren mit dem Auto von Amman nach Bagdad unterwegs, auf einer Route
also, auf der Anfang April zwei deutsche Sicherheitsbeamte ums Leben
kamen. Was hat Sie bewogen, trotz des Risikos diesen Weg zu nehmen?
ANDRE
BRIE: Ich wollte mir einfach ein authentisches Bild machen. Angst kann man
nicht abstrakt haben. Ohnehin sollten wir vor allem nicht vergessen, dass
Millionen Iraker unter diesen Bedingungen leben. Meine Erfahrung ist: man
muss sehen, man muss erleben, um eine Situation beurteilen zu können. Übrigens
war ich nicht nur in Bagdad, sondern auch in der Provinz Diala im
Nordosten und im Süden des Landes.
Ist
der Eindruck richtig, dass sich die Sicherheitslage vor dem 30. Juni –
dem Antritt der
Interimsregierung – extrem
verändert hat?
Extrem
verschlechtert. Auf der Rücktour bin ich 70 Kilometer vor der
jordanischen Grenze zwei Stunden lang von US-Truppen aufgehalten worden.
Als ich bei den Soldaten nachfragte, weshalb die Straße blockiert sei,
hieß es, man habe zwei Bomben gefunden – daher sei alles gesperrt. Ich
hörte in Bagdad mehrfach Explosionen und sah die Folgen. Dennoch waren
das für mich sehr widerspruchsvolle Beobachtungen. Einerseits konnte ich
alles, was jetzt im Irak geschieht, mit einer ungeheuren Direktheit zur
Kenntnis nehmen und begreifen, wie nah man dem sein kann. Auf der anderen
Seite habe ich immer wieder gesehen, dass die Iraker mit dieser Situation
leben – dass es einen normalen Alltag gibt, mit Familie, Arbeit, Geschäften.
Wer
steht nach Ihrem Eindruck hinter dieser Gewalt?
Eindeutig
fundamentalistische und terroristische Kräften. Aber für die Opfer der
vergangenen Tage – man denke an Falludscha – sind natürlich auch die
US-Truppen verantwortlich. Ich bin an Falludscha vorbeigefahren, dass nach
wie vor von hunderten US-Panzern und Posten eingekreist ist. Es gibt
parallel dazu ein ungemein dramatisches Problem, das von den Medien völlig
ausgeblendet wird. Ich habe darüber mit vielen Scheichs und Stammesältesten
aus dem Süden gesprochen – einer Region, von der es immer heißt, dort
sei vieles entspannter, weil die hier stationierten Briten eine sensiblere
Politik betrieben als die Amerikaner. Gerade im Süden greift der
Fundamentalismus mit einer alltäglichen Gewalt – vor allem gegen Frauen
–um sich. Es gibt ständig Anschläge auf örtliche Autoritäten, wenn
die sich dem islamistischen Diktat verweigern.
Wie
äußerst sich Gewalt gegen Frauen konkret?
In
einer katastrophalen Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse. Sie
werden gedrängt, völlig verschleiert zu sein. Wer dem nicht folgt, kann
auf offener Straße verhaftet werden, ohne dass irgendjemand einschreitet.
Ladeninhaber, die Alkohol verkaufen oder Kosmetika für Frauen, werden
massiv bedroht und gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen. Das ist für
mich ein Alarmsignal, das deutlich über den 30. Juni hinausweist.
Beschreiben
Sie damit einen massiven schiitischen Fundamentalismus oder andere Strömungen?
In
der Tat ist dafür vorzugsweise ein radikales Schiitentum verantwortlich,
das offenbar durch das iranische Regime gefördert wird, aber seinen
Einfluss nicht minder der Inkonsequenz und dem Desinteresse der
Besatzungsmächte verdankt, die sich mit diesen Tendenzen überhaupt nicht
befassen. Man darf zudem nicht übersehen, wie gravierend inzwischen die
soziale Spaltung der irakischen Nachkriegsgesellschaft geworden ist.
Um
noch einmal auf die lokalen Autoritäten zu kommen, von denen Sie
sprachen. Wie reflektieren die ihre prekäre Lage?
Vorrangig
als Erfahrung, allein gelassen zu sein. Ich habe das nicht nur von Leuten
gehört, die in ihrer Stadt Kommunalpolitik machen wollen. Auch von
Geistlichen, die eine differenzierte, antifundamentalistische Position
haben – auch sie fühlen sich zunehmend bedroht.
Gibt
es für diese Einschüchterung so etwas wie ein koordinierendes Zentrum,
das unter Umständen auch den bewaffneten Widerstand zusammenführt?
Man
muss hier sehr verhalten urteilen, aber soviel lässt sich sagen, und das
wurde mir auch in etlichen Gesprächen bestätigt: Es gibt so etwas wie
eine koordinierende Strategie für das Vordringen eines islamischen
Fundamentalismus, der es versteht, die breite Unzufriedenheit und die
Verletzung der nationalen Würde von sehr unterschiedlichen und dezentral
agierenden Kräften zu kanalisieren. Deshalb ist auch die Forderung des
designierten irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi, eine
Sondergerichtsbarkeit nebst Ausnahmerecht zu schaffen, um dem begegnen zu
können, der völlig falsche Weg.
Welche
Politik könnte hilfreich sein?
Der
Irak braucht die volle Souveranität. Außerdem muss man dem Land
helfen, sich wirtschaftlich aus eigenen Kräften wieder
aufzurichten. In dieser Hinsicht bestehen die krassesten Defizite, weil
alle diesbezüglichen Versprechen der USA nicht eingehalten wurden. Und
man muss auf die demokratischen Kräfte setzen, da bin ich sehr ermutigt,
weil es die tatsächlich gibt.
Um
wen handelt es sich genau?
Ich
rechne dazu auf jeden Fall die Stammeskräfte, die einen stabilen und
demokratischen Staat wollen. Dazu gehört ein nicht unbeträchtlicher Teil
der Geistlichkeit, nicht nur des sunnitischen, durchaus auch des
schiitischen Klerus. Es gibt starke Frauenorganisationen, ein sich
herausbildendes Parteiensystem mit liberalen oder
demokratisch-monarchistischen Gruppierungen. So widerspruchsvoll das
vielleicht für europäische Ohren klingen mag, es gibt auch linke
Parteien im Irak, die sich durchaus landesweit etablieren. Gerade die
demokratischen politischen Organisationen sind in der neuen Regierung
unterrepräsentiert und werden nicht gefördert.
Wie
sind die Reaktionen aus diesem Teil des politischen Spektrums auf die am
30. Juni antretende Interimsregierung?
Mir
haben eigentlich alle gesagt, dass sie diese Regierung als Fortschritt
gegenüber dem bisherigen Provisorischen Regierungsrat betrachten.
Zugleich wurden die Defizite genannt: Es gibt keine wirkliche Souveränität
– die USA haben weiter das Sagen, was diese neue Regierung nicht nur
schwächt, sondern diskreditiert. Aber ich hörte immer wieder, die
jetzige Regierung sei besser zusammengesetzt als der bisherige
Regierungsrat ...
...inwiefern?
Weil
es sich alles in allem um ein repräsentativeres Gremium handeln würde,
das mehr Politiker aus dem Lande selbst einbezieht und nicht nur Leute,
die den USA genehm sind, weil sie mit dem amerikanischen oder britischen
Geheimdiensten schon in der Zeit der Emigration kooperiert haben, aber den
Irak gar nicht mehr kennen. Positiv sehen alle – auch schiitische
Geistliche, die ich traf –, dass der Anteil von Frauen in der kommenden
Regierung höher ist.
Dennoch
folgt sie in ihrer Zusammensetzung insgesamt offenbar viel zu sehr
formalen Kriterien, indem auf den Proporz zwischen sunnitischen,
schiitischen, arabischen und kurdischen Vertreter geachtet wurde. Nur
birgt dieser Formalismus eben auch die Gefahr des Separatismus, weil jene
gesamtirakischen demokratischen Kräfte unterrepräsentiert sind, die eine
Garantie dafür böten, das Land zusammenzuhalten.
In
einer Erklärung zur Bildung dieser Regierung sagt nun aber die Irakische
KP, dies sei ein historischer Wendepunkt und ein wichtiges Signal für ein
Ende der Besatzung. Nachdem, was Sie bisher sagen, scheint das viel zu
euphorisch.
Ob
ich nun mit Gouverneuren, Bürgermeistern oder Stammesführern gesprochen
habe – die waren in ihrem Urteil wesentlich skeptischer.
Woher
resultiert nach Ihrem Eindruck die Bewertung der KP?
Da
fällt gewiss das Prinzip Hoffnung stark ins Gewicht.
Sind
allgemeine Wahlen Ende 2005 realistisch?
Man
kann und muss sie abhalten, aber ob sie die Probleme des Landes lösen,
ist sehr zweifelhaft. Auch das wurde mit von Politikern aus sehr
unterschiedlichen Lagern erklärt: Der Fundamentalismus ist eindeutig auf
dem Vormarsch. Er könnte aus möglichen Wahlen deutlich gestärkt
hervorgehen. Da ist keine Absage an Wahlen, aber man braucht dafür ein
ganz anderes Klima und demokratische Verhältnisse, die erst einmal
geschaffen werden müssen. Das ist eine völlig ungelöste Frage. Sie zu lösen,
wird derzeit auch nicht angestrebt.
Wie
dachten die Iraker, die Sie treffen konnten, über den bewaffneten
Widerstand, der Anschläge verübt, denen mehrheitlich Iraker zum Opfer
fallen?
Es
gibt sehr viel Unzufriedenheit mit der Besatzung, aber bei allen, mit
denen ich sprach, war niemand, der dem Terrorismus mit Verständnis
begegnete oder ihn gar gerechtfertigt hätte. Im Gegenteil, ich bin auf
große Ablehnung gestoßen. Ich habe in Ahsraf, nordöstlich von Bagdad,
vor fast 50.000 Menschen gesprochen. Und die Betonung von Menschenrechten,
Demokratie und Zivilität in meiner Rede fand ein enormes Echo.
Das
Gespräch führte Lutz Herden
|