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Interview
der Zeitung "Freitag", 26. Juni 2003 zur Afghanistanreise:
Im
Gespräch: Der Europaabgeordnete André Brié
Als
einziges deutsches Mitglied einer Delegation des Europa-Parlaments hat
André Brie in der vergangenen Woche Afghanistan bereist. Er hatte dabei
nicht nur Gelegenheit, in Kabul mit Präsident Hamid Karzai und anderen
Regierungsmitgliedern zu sprechen, sondern auch das US-Hauptquartier in
Bagram sowie verschiedene Regionen des Landes zu besuchen. Eine Station
war die nordafghanische Stadt Mazar-I-Sharif.
Wer
hat zur Zeit die Macht in Afghanistan?
Eindeutig
die Amerikaner, während die Zentralregierung nach meinem Eindruck völlig
zerrissen ist. Am stärksten sind dort die Gruppe um Verteidigungsminister
Mohammed Fahim sowie die Tadschiken und Usbeken, besonders General Dostum.
Außerhalb Kabuls haben die Warlords und einzelne Gouverneure das Sagen.
Die
NATO will in Afghanistan mehr Präsenz zeigen, wie man hört. Wenn man
sich vor Augen hält, was Sie gerade beschrieben haben - in welche
Richtung könnte das gehen?
Die
NATO will die Leitung von ISAF übernehmen und damit die Diskontinuität
in der Führung überwinden, die nach den Türken, Deutschen und Niederländern
demnächst die Kanadier ausüben sollen. Vor allem aber wird der
Aktionsradius der in Afghanistan stationierten Streitkräfte erweitert,
zum Beispiel durch die sogenannten Provincial Reconstruction Teams, die
PRT, wie die der Briten im Raum von Mazar-I-Sharif oder der Amerikaner in
anderen Regionen. Ich sehe das alles mit großer Skepsis, weil es
eigentlich notwendig wäre, ein Gewaltmonopol des afghanischen Staates -
eine nationale Polizei und Armee aufzubauen -, aber das gerät völlig in
den Hintergrund.
Wie
stark ist der islamistische Widerstand?
Der
ist militärisch marginal, aber in terroristischer Hinsicht handlungsfähig.
Militärisch wirklich gefährlich sind die Warlords mit ihren lokalen
Armeen. Eine ganz große Rolle spielt der pakistanische Geheimdienst.
Inwiefern?
Er
nutzt nach wie vor die vielen Camps mit afghanischen Flüchtlinge in
Pakistan, um beispielsweise im Kaschmir zu operieren. Diese Camps kommen
auch in Betracht als Rekrutierungsbasen für terroristische Aktionen in
Afghanistan.
Das
müsste sich ja in erster Linie gegen die Autorität der Regierung von Präsident
Karzai richten.
Ja,
natürlich. Aber betroffen sind vor allem die Menschen in den
Grenzregionen, dort gibt es ständig Tote - während man in den Städten
vor einer relativen Sicherheit sprechen kann. Es sollen andererseits
inzwischen 80 Prozent der Taleban, das haben uns Stammesälteste in
Kandahar gesagt, bereit sein, die Waffen niederzulegen, wenn sie in das
afghanische Leben re-integriert werden.
Wie
reagiert die Zentralregierung darauf?
Die
ist dazu weder bereit, noch in der Lage. Sie will jetzt - bezogen auf die
eigenen Soldaten - das Programm »Disarmament Demobilisation Reintegration«
beginnen, aber schon das funktioniert nicht, weil man demobilisierten
Soldaten in diesem zerstörten Land keine soziale Perspektive bieten kann.
Außerdem werden die Warlords durch die Amerikaner geschützt - selbst
gegen die von Karzai eingesetzten Gouverneure. Und das, obwohl der Präsident,
der - das muss man wirklich sagen - eine Marionette der Amerikaner ist,
dadurch einen Bedeutungsverlust innerhalb Afghanistans und der vorhandenen
Machtsstruktur erleidet. Man sieht das ganz deutlich, wenn man in seinen
Präsidentenpalast kommt - er wird von Amerikanern bewacht und ist völlig
von ihnen abhängig.
Das
klingt so, als würde Karzai durch die Amerikaner demontiert und hofiert
zugleich.
Sie
wissen natürlich, wie schwach er als Präsident ist, so dass es
inzwischen auch eine Orientierung auf die alte Königsfamilie gibt. Das
Entscheidende ist jedoch, dass die Amerikaner ihre Option Karzai dadurch
konterkarieren, indem sie sich die Option Warlords offen halten. Das geht
bis zu der Perversität, in Kauf zu nehmen, dass genau diese lokalen
Regenten die Opiumproduktion in Afghanistan seit Ende 2001 verdoppeln
konnte. Wir waren auch in Bagram im US-Hauptquartier und haben gesehen,
wie die Amerikaner knallhart ihre eigene Strategie durchziehen. Dort
wurden uns Charts gezeigt, unter anderem eines, auf dem die Ziele der USA
in Afghanistan formuliert waren. Der letzte Satz dort lautete:
Installierung eines afghanischen Regimes, das die Amerikaner zurückholen
würde, käme es zu erneuter Instabilität. Das völlig unverhohlen. Da können
die ISAF-Verbände und die erwähnten Provincial Reconstruction Teams (PRT)
zwischen alle Mühlsteine geraten und zerrieben werden, ganz zu schweigen
von der afghanischen Zentralregierung.
Sie
waren auch im Norden, in Mazar-I-Sharif, wo Ende 2001 ein Massaker an
Tausenden von Taleban stattgefunden hat. Mit wem haben Sie dort sprechen können?
Unter
anderem mit General Dostum, der mir immerhin bestätigt hat, dass 170
Kriegsgefangene in den Containern erstickt sind. Alle anderen Toten
- so behauptet er - seien auf die Kämpfe zurückzuführen. Ich
habe Dostum gefragt, ob ich im September zu weiteren Recherchen zurückkehren
könne - er hat mir das zugesagt. Ich habe ihn auch angesprochen auf die
Gefängnisse, in denen noch immer mindestens 1000 Kriegsgefangene
interniert sind - ohne jedes
Gerichtsverfahren, ohne jede Perspektive. Dostum hat die Verantwortung dafür
auf die UNO und die Zentralregierung geschoben, die er gebeten habe, diese
Gefangenen zu übernehmen.
Nicht
die Amerikaner?
Die
haben in Bagram ein eigenes Gefängnis, direkt am Sitz ihres
Hauptquartiers, wo Hunderte unter offenbar unmenschlichen Bedingungen
festgehalten werden. Eine Korrespondentin der New York Times sagte mir,
dort würden die Menschenrechte mit Füßen getreten, es bei Folterungen
auch Tote gegeben habe.
Wer
ist dafür verantwortlich?
Ausschließlich
die USA.
Wie
steht es um die internationale Untersuchung des Massakers von
Mazar-I-Sharif?
Da
gibt es insofern einen Fortschritt, als sich Lakhdar Brahimi, der
Stellvertreter des UN-Generalsekretärs für Afghanistan, jetzt vier
Staaten um Unterstützung ersucht hat - die USA, Großbritannien, die
Niederlande und Deutschland sind von ihm um finanzielle Hilfe gebeten
worden, aber auch darum, die Sicherheit bei möglichen Recherchen am Ort
des Geschehens zu gewährleisten. Brahimi hat erzählt, er habe mit Zeugen
gesprochen, die den Massenmord von 2001 bestätigt hätten, denen man aber
bisher keinen Zeugenschutz geben könne.
Was
sagt General Dostum als Betroffener dazu?
Er
hat auf Nachfrage erklärt, er sei dazu bereit, Zeugen zu schützen, aber
einen solchen Gangster habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.
Gibt
es Reaktionen der angesprochenen Staaten?
Noch
keine. Aber ich glaube, dass die Bundesregierung hier wirklich in der
Pflicht steht, schnell zu reagieren.
Wäre
Mazar-I-Sharif auch einen Fall für den Internationalen Gerichtshof?
Juristisch
ist das nicht möglich, da es sich um eine rückwirkende Untersuchung
handeln würde. Außerdem sind weder die USA noch Afghanistan dem Vertrag
über den Gerichtshof beigetreten. Mir haben Leute von der Welthungerhilfe
und anderer NGOs, die in Mazar-I-Sharif arbeiten, die Existenz der
Massengräber bestätigt und sogar von 8.000 Toten gesprochen - während
der Dokumentarist Jamie Doran in seinem Film über dieses Verbrechen noch
von etwa 3.000 Opfern ausging.
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