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André Brie, 23.
November 2005, Interview für das "Dresdner Blättl"
Europa unter Toni
Blair
Am 10. November war
André Brie in unserer Basisgruppe zu Gast. Unpopuläre Entscheidungen in
den Kommunen werden oft mit Gesetzgebungen der Länder, des Bundes und der
Europäischen Union begründet. Andererseits ist ein vereintest Europa ein
uraltes Ziel linker Bewegungen, weil man damit den Kriegen zwischen den
Völkern den Boden entziehen wollte. Heute sind wir diesem Ziel näher den
je. Trotzdem sieht es aus als würden vor allem die Neoliberalen Europa
ihren Stempel aufdrücken.
André, ist es
tatsächlich so, dass wir selbst in den Kommunen von der Europäischen Union
abhängig sind?
Ja, sehr, positiv
und negativ, vor allem unfangreich. 60 Prozent der Entscheidungen des
Dresdner Stadtrates beruhen auf EU-Verträgen bzw. -Gesetzen oder werden
von ihnen beeinflusst. Dresden erhält zudem auch viele finanziellen Mittel
aus den europäischen Struktur- und Sozialfonds.
Man hört und
liest oft über „Dienstleistungsrichtlinien“. Was muss man sich darunter
vorstellen?
Die haben wir am 22.
November im federführenden Binnenmarkt- und Verbraucherschutzausschuss
abgestimmt. Ich bin dort Obmann unserer Fraktion. Wir haben viele, auch
wichtige positive Veränderungen erreicht. Insgesamt jedoch ist das
Ergebnis niederschmetternd, zumal die sozialdemokratische Fraktion bei der
Schlussabstimmung zugestimmt oder sich enthalten hat. Die
Dienstleistungsrichtlinie, oft auch nach dem früheren EU-Kommissar
Bolkestein-Richtlinie genannt, wird praktisch die Hälfte aller
Wirtschaftsleistungen betreffen. Kommission, Konservative und Liberale
haben dort das Herkunftslandprinzip durchgesetzt. Ob wir es im Plenum
Anfang 2006 noch kippen können ist fraglich. Es bedeutet, dass Unternehmen
nach den Gesetzen und anderen Bestimmungen ihres Heimatlandes überall in
der EU tätig werden können. Höhere Löhne, Sozialstandards, höheres
Verbraucher- und Umweltschutzrecht, höhere Qualitätsanforderungen an
Dienstleistungen, wie es sie beispielsweise in Deutschland teilweise gibt,
werden damit zum Konkurrenznachteil. es droht ein massiver Dumpingprozess
nach unten. Davon abgesehen wird eine Stadt wie Dresden, werden auch
private Kunden und die Gerichte in Zukunft 25 verschiedene Rechtssysteme
kennen müssen. Eine absurde Situation. Ich begreife nicht, dass die
meisten Kommunen und kommunalen Spitzenverbände, die Handwerks- und die
Industrie- und Handeslkammern bei uns - im Gegensatz zu den Gewerkschaften
und Attac - so passiv sind, keinen Widerstand leisten. Noch ist es nicht
zu spät!
Was können
„Linke“ im Europaparlament bewirken?
Manchmal nichts,
aber nicht selten auch viel. Sie sind erstens die gegenwärtig einsame,
aber wichtige Stimme der Alternative zum Marktradikalismus in der EU.
Zweitens haben wir, insbesondere dort, wo wir mit europäischen sozialen
und anderen Bewegungen gemeinsam agiert haben, auch erfolgreich
Liberalisierungsvorhaben der EU-Kommission stoppen können, zum Beispiel
die Hafenrichtlinie, die Tausende Arbeitsplätze in den Häfen bedroht hat
(die Kommission hat sie entgegen allen parlamentarischen Gepflogenheiten
aber wieder eingebracht). Drittens haben wir eine politische Kultur im EP,
die sich deutlich von der im sächsischen Landtag oder im Bundestag
unterscheidet. In Sachfragen kann man sich auch mit den Stimmen anderer
Fraktionen durchsetzen. Nach meiner persönlichen Statistik habe ich 1999
bis 2004 mehr als 500 Änderungsanträge durchbekommen. Das gilt ähnlich für
meine Genossinnen und Genossen in der Fraktion.
Wie stark ist
eigentlich die Fraktion der Europäischen Linken und wer gehört dazu?
Wir sind 41 aus 13
Ländern und 15 verschiedenen Parteien, die fünftstärkste Fraktion, knapp
nach den Grünen (42). Die Fraktion ist politisch heterogen (wie fast alle
Fraktionen im EP), hat daher auch den komplizierten Namen "Konföderale
Fraktion der Vereinten Europäischen Linken/Nordisch Grüne Linke". Aber wir
haben längst gelernt, dass "Einheit, Reinheit und Geschlossenheit" für
gemeinsame Politik nicht erforderlich sind, dass wir im Gegenteil aus
unterschiedlichen Überzeugungen, Bedingungen und Erfahrungen heraus
dennoch in vielen entscheidenden Fragen gemeinsam agieren können.
Und was ist für
uns, für Linke in Europa die Chance, wenn wir uns denn trauen?
Zum einen denke ich,
dass die europäische Linke die europäische Integration zum Gegenstand
ihres Kampfes um eine europäische Sozialunion machen sollte, mit der
zugleich der Sozialstaat in den einzelnen Ländern verteidigt, wieder
gewonnen und weiterentwickelt werden kann. Zum anderen werden wir nur eine
Chance haben, wenn wir mit den alten und neuen sozialen Bewegungen in
Europa und in den Staaten gemeinsam dafür streiten, ohne sie vereinnahmen
zu wollen. Sie dürfen nicht als "Transmissionsriemen" für unsere Politik
angesehen werden (Lenin), umgekehrt: Wir sollten für sie eine
Dienstleistungseinrichtung sein, ohne unser Profil und mögliche
Differenzen zu verleugnen. |
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