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Interview von Salah Rashid,
Menschenrechtsminister der Kurdischen Regionalregierung im Irak, mit Dr.
André Brie für die irakisch-kurdische Zeitung "Chawdre", 15. Februar 2005
S.R.: Warum Sind Sie als Wahlbeobachter
nach Kurdistan gekommen?
Erstens wollte ich mir ein eigenes Bild
von der politischen Situation und den Wahlen im Irak und in Kurdistan
machen. Selbst Sehen und Hören, Menschen vor Ort treffen, ist unersetzbar.
Das habe ich im übrigen auch diesmal wieder erlebt. Zweitens wusste ich,
dass viele Menschen im Irak, insbesondere auch die Kurdinnen und Kurden
mit diesen Wahlen große Hoffnungen auf eine freie und demokratische
Zukunft verbinden. Meiner Meinung nach muss die internationale
Gemeinschaft, müssen vor allem die Parlamentarier zeigen, dass sie diese
Erwartungen unterstützen. Ich war deshalb enttäuscht, dass das Europäische
Parlament und viele andere Parlamente eine offizielle Wahlbeobachtung mit
dem Sicherheitsargument abgelehnt haben. Ich halte das für falsch.
Drittens: Ich war bereits dreimal zuvor im Irak, in Bagdad, Basra, Bakuba
zum Beispiel, aber noch nie im kurdischen Norden. Die Entwicklung im Irak
ist für die gesamte Welt von größter Bedeutung. Ich wollte wenigstens
einen ersten Eindruck auch aus der kurdischen Region gewinnen.
S.R.: Was haben Sie am Wahltag erlebt?
Ich weiß, dass es in anderen Regionen
auch Probleme gegeben hat. Ich war in Sulaimanya und habe mich keine
Sekunde unsicher gefühlt. Ich bin am Vormittag gemeinsam mit dem
australischen Senator Ross Lightfood und mit offizieller Begleitung in
einigen Wahllokalen gewesen. Am Nachmittag bin ich mit meiner
Mitarbeiterin völlig allein durch die Stadt gelaufen, unter anderem auch
unangemeldet zur Stimmauszählung in einem Wahllokal gewesen. Dort war man
überrascht, hat uns aber den gesamten Prozess beobachten lassen. Natürlich
habe ich vor Wahllokalen viele Sicherheitskräfte und Straßensperren
gesehen, aber ich hatte nie das Gefühl, dass das Militär und die Polizei
die Wähler beeinflussten. In diesem Punkt bin ich sehr kritisch. Sie waren
eindeutig nur da, um die Sicherheit für die Wähler zu garantieren. Ich
habe den Wahlablauf in den verschiedenen Wahllokalen als absolut fair
erlebt, perfekt organisiert, sehr ruhig und freundlich. Die Bedingungen
waren frei und fair, die geheime Stimmabgabe in Kabinen war gewährleistet.
Ich habe Beobachter unterschiedlicher Parteien in den Wahllokalen
getroffen. Die Auszählung am Abend war akribisch genau. Der Wahlvorstand
war sehr gut vorbereitet. Das Ergebnis für jede Partei und jede Liste
wurde mehrfach kontrolliert und protokolliert. Schwierige Fragen (zum
Beispiel unklare oder doppelte Kreuze) wurden so entschieden wie bei allen
demokratischen Wahlen. Aber etwas anderes hat mich viel, viel mehr
beeindruckt: Vom Morgen bis zum Abend habe ich erleben können, dass es für
die Menschen ein wirklicher Feiertag war, nicht von oben organisiert,
sondern von den Menschen selbst gemacht. Sie kamen in Festtagskleidung,
stolz, mit ihren Kindern, allein oder mit allen Generationen der Familie.
Diese Stimmung war ehrlich und sie war schön.
S.R.: Haben Sie irgendeine
Wahlmanipulation beobachtet?
Ich kann keine Einschätzung über die
Wahlen im gesamten Irak oder im kurdischen Norden abgeben. Ich kann nur
über Sulaimanya urteilen: Ich habe bereits an einigen Wahlbeobachtungen in
der Welt teilgenommen. In Sulaimanya habe ich keinerlei Manipulationen
feststellen können. Das betrifft nicht nur den Wahlablauf und die
Auszählung, sondern auch das, was ich in der Stadt sehen konnte: Überall
hingen Transparente und Plakate der unterschiedlichen Parteien, überall
(wie es auch in Europa der Fall ist) habe ich auch einzelne zerrissene
Plakate gesehen, aber auch von allen Parteien. Das ist unschön, aber so
sind Wahlkämpfe überall in der Welt.
S.R.: Wie sahen Sie die Motivation bei
der Kurden für die Wahlen?
Ich habe mit kurdischen Politikern
gesprochen, mit Menschen in den wahllokalen und mit Kurden, die mich
einfach auf der Straße angesprochen haben. Ich kann es nur wiederholen:
Sie waren ausgesprochen stolz und froh über diese Wahlen. Es war ein
großer Tag für sie. Ich glaube das auch gut verstehen zu können. Die
Kurdinnen und Kurden wurden jahrhundertelang von allen Mächten
unterdrückt, ganz besonders brutal in den vergangenen Jahrzehnten unter
Saddam Hussein. Es gibt eine große Hoffnung bei den Kurden auf Freiheit
und Demokratie. Suran, beispielsweise, ein Medizinstudent, den ich
getroffen habe, hat sogar gesagt, dass er glücklich sei an diesem Tag.
S.R.: Wie sehen Sie die Zukunft der
Demokratie in Kurdistan und im Irak?
Die Wahlen waren ein ganz wichtiger, aber
erst ein erster Schritt. Die Probleme sind durch die immer noch
existierende faktische Besatzung, durch den Terrorismus extremistischer
Gruppen, aber natürlich auch durch die Heterogenität des Landes und durch
die Folgen der Geschichte sehr, sehr groß. Kurden und arabische Schiiten
waren doppelt unterdrückt. Auch in Kurdistan hat es ja Bruderkämpfe
gegeben. Ich muss mit meinem Urteil sehr vorsichtig sein. Ich kann erstens
nur meine Hoffnung ausdrücken, dass alle politischen Kräfte sehr
verantwortungsvoll mit dem Wahlergebnis umgehen werden. Frieden,
Stabilität, die Sicherheit der Menschen und wirtschaftliche Entwicklung
müssen Priorität gegenüber allen anderen Interessen haben. Ohne Demokratie
wird das nicht gehen, auch wenn ihre umfassende Verwirklichung Zeit
benötigt. Was Kurdistan betrifft, bin ich optimistischer. Dort gibt es
einen Vorsprung, aber natürlich auch viele offene Fragen. Kurdistan muss
auf jeden Fall eine echte, starke Autonomie erhalten, die Kurdinnen und
Kurden müssen ihre Angelegenheiten selbst bestimmen können. In Sulaimanya
habe ich bei führenden Politikern der PUK ein großes, sehr ernstes
Verantwortungsgefühl dafür gehört.
S.R.: Was können das Europaparlament, die
europäischen Länder und vor allem die Bundesrepublik Deutschland für
Kurdistan und für Irak tun?
In erster Linie geht es darum, die
demokratischen Kräfte im Irak und in Kurdistan umfassend zu unterstützen.
Zweitens müssen die Europäische Union und ihre Mitgliedsländern, natürlich
auch Deutschland, die Gewährleistung von Sicherheit für die Menschen sowie
die Wiederherstellung stabiler staatlicher Strukturen mit finanziellen
Mitteln und Ausbildung fördern. Drittens muss die europäische Solidarität
für einen unabhängigen und freien Irak gestärkt werden. Eine
selbstbestimmte Entwicklungsmöglichkeit für die kurdische Region gehört
dazu. Das bedeutet größere und langfristigere finanzielle Mittel für den
Wiederaufbau, mehr direkte Zusammenarbeit, mehr direkte, auch mehr
persönliche Kontakte, zum Beispiel der Parlamentarier. Da wäre noch viel
mehr zu sagen. Ich persönlich werbe jetzt erst einmal dafür, dass eine
Delegation von Abgeordneten unterschiedlicher Fraktionen des
Europaparlaments möglichst bald nach Kurdistan kommen wird. |
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