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André Brie, Beitrag für den
„Freitag“ vom 29. Juli 2005
Blutige Ignoranz
Auf dem
Gasali-Friedhof in Neu-Bagdad, nicht weit vom Zentrum der Stadt, singt der
Imman an diesem Dienstagmorgen den Grabgesang an einem frischen Grab. Hier
liegt eines der Kinder, die Mitte Juli mit 98 anderen Menschen beim
Selbstmordattentat mit einem Tanklastzug in Mussajib umgekommen sind. Die
Gewalt im Irak hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die US-Streitkräfte,
deren Oberbefehlshaber George W. Bush vor zwei Jahren das Ende des Krieges
verkündet hatte, haben in diesen Tagen ein bezeichnendes neues Ziel: Die
Zahl der täglichen Anschläge auf die Besatzungstruppen soll von 80 auf 45
(wie vor den Januarwahlen) verringert werden. Ziele für die Reduzierung
des Terrors gegen die Irakerinnen und Iraker gibt es nicht.
Von Bürgerkrieg
sprechen die einen, von „Massenvernichtung“ Großajatollah Ali al-Sistani,
von einer Strategie sunnitischer Aufständischer gegen die schiitische
Bevölkerungsmehrheit der „Spiegel“ (25. Juli 2005). Führende und durchaus
gemäßigte sunnitische Politiker werfen dem Iran vor, die zweite
Besatzungsmacht geworden zu sein und einen vom Iran abhängigen
islamistischen Gottesstaat errichten zu wollen. Es gibt weitere
Beschreibungen, und die USA halten in den Sonntagsreden ihres Präsidenten
und der Außenministerin an der leeren Vision eines demokratischen Irak
fest. Mehr ist es nicht. Das Scheitern der Vereinigten Staaten ist
offenkundig. Sie hatten für die Zeit nach dem Einmarsch kein Konzept, sie
haben auch heute nur eines für die Kontrolle des Erdöls, die
Milliarden-Geschäfte der Konzerne aus dem Bush-Umfeld und ihre
Militärpräsenz in der Region. Die Europäer, ohnehin hoffnungslos
gespalten, sind nicht besser. Das Bild, das die westlichen Medien
vermitteln, ist einseitig (es dominiert die Darstellung, wie im erwähnten
„Spiegel“). Die offizielle Politik im gesamten „Westen“ ist weder bereit
noch fähig, die explosive Widersprüchlichkeit der Situation zur Kenntnis
zu nehmen. Es darf nicht eingestanden werden, dass sowohl die
militärischen Konzepte als erstrecht die Demokratisierungsvorstellungen
fehlgeschlagen sind.
Es gibt fast
alles, nur keinen Frieden, keine Sicherheit, keine wirtschaftliche und
soziale Gesundung des Landes. Einige Dutzend Mal am Tag bricht die
Stromversorgung zusammen. Viele Geräte und selbst die Leitungen halten das
nicht lange aus. Trinkwasser ist knapp und ungenießbar. Opfer sind zumeist
die Kinder. An den Tankstellen stehen die Autofahrer in glühender Hitze in
tausend Meter langen Schlangen stundenlang nach Benzin an. Bagdad, so
jedenfalls mein Eindruck, ist in dem einen Jahr, das ich nicht mehr da
war, vermüllt und verslumt. Die großen Werbetafeln von Coca Cola, Samsung
oder Siemens machen die Verwahrlosung bunt.
Die Märkte in
Bagdad oder im etwas nördlicher gelegenen Khalis allerdings sind voller
Leben, und auf den Straßen in und zwischen den Städten stauen sich PKW und
Lastkraftwagen auch ohne die Behinderungen an den zahllosen Checkpoints.
Für den Gelegenheitsbesucher des Landes oder europäische Zeitungsleser ist
es kaum vorstellbar, wie die Menschen sich mit der alltäglichen Gewalt
eingerichtet haben, einrichten müssen. Eine Lehrerin aus Khalis aber
beginnt zu weinen, als sie mir von der Situation erzählt. In der kleinen
Stadt sind in der vergangenen Woche ein Dutzend Polizisten in die Luft
gesprengt worden, ein Sprengsatz in der Polizeikaserne ist noch
rechtzeitig entdeckt worden, und am Dienstag, kurz nachdem wir die Stadt
verlassen hatten, wurden dreizehn Arbeiter erschossen, als sie den
amerikanischen Stützpunkt verließen.
Es gibt den
gewaltsamen Widerstand gegen die Besatzung, sunnitische Extremisten und
Anhänger des alten Regimes, die sich mit dem Verlust ihrer Privilegien
nicht abfinden, die Terrornetzwerke von Sarkawi, schiitische
Todesschwadronen, die gezielt gemäßigte Politikerinnen und Politiker, aber
auch Offiziere der alten Armee ermorden (160, vor allem ehemalige Piloten
sollen inzwischen aus Rache für ihre Rolle im irakisch-iranischen Krieg
umgebracht worden sein), kurdische Extremisten, die für die Unabhängigkeit
und die Ausdehnung Kurdistans kämpfen, die vom Iran unterstützten, zum
Teil initiierten Qods Force und das Badr Corps, die das irakische Militär
und die Polizei im Süden unterwandert haben und weite Teile der
schiitischen Großstädte kontrollieren. Der Süden gilt in den europäischen
und amerikanischen Medien als relativ stabil. Dass diese Stabilität der um
sich greifenden Macht fundamentalistischer Milizen und ihrer Mordkommandos
geschuldet ist, wird nicht vermeldet, ebenso kaum wie ein reaktionärer
Fundamentalismus sich gegen die gesellschaftliche Rolle der Frauen
richtet. In der Verfassungskommission, die bis Mitte August ihren Entwurf
vorlegen soll, wird vor allem über die föderalen Strukturen des Landes
gestritten, also vor allem über das Ausmaß schiitischer Macht und
kurdischer Autonomie. Dr. Suha Al-Azaye, Mitglied der Kommission,
Vorsitzende einer nationalen Frauenorganisation und stellvertretende
Generalsekretärin der Irakischen Demokratischen Vereinigung, forderte
kürzlich in einer Sitzung die Aufnahme von Frauenrechten in die
Verfassung. Die Antwort ihrer Kollegen war eindeutig: Die Frauenrechte
seien bereits ausreichend in der Scharia geregelt. „Das war das erste Mal,
dass Sie dazu gesprochen haben. Ein zweites Mal wird es nicht geben“,
sagte ihr unwidersprochen ein islamistisches Mitglied der
Verfassungskommission. Sie hat ihren Optimismus und ihren Kampfeswillen
jedoch nicht verloren. Für den 30. Juli hat sie gemeinsam mit Anderen
einen Frauenprotest in Bagdad organisiert.
So widersprüchlich
die verschiedenen Gewaltgruppen und politischen und ideologischen
Extremisten sind, das Ergebnis ist das gleiche: Der Irak steht akut vor
dem blutigen Auseinanderfallen und erlebt den Vormarsch eines
mittelalterlichen Fundamentalismus. Die internationale Gemeinschaft
gesteht das Fiasko der amerikanisch-britischen Politik nicht ein. Sie baut
weiterhin nur auf die großen politisch-militärischen Machtgruppen, die auf
unterschiedliche Weise in den Terror und Bürgerkrieg verstrickt sind,
während die gemäßigten Kräfte, Stammesführer und Geistlichen und die
durchaus vorhandenen demokratischen und zivilgesellschaftlichen
Organisationen keine wirkliche Förderung erhalten, meist sogar völlig
ignoriert werden. Die Irakerinnen und Irakern baden diese Ignoranz blutig
aus.
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