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Dr.
André Brie am 3. Dezember 2002, Beitrag für Europa Rot
Konvoi
des Todes
Im
Juni 2002 stellte der britische Dokumentarfilmer Jamie Doran einen Film
"Konvoi des Todes" vor, der erschütternde Bilder und
Zeugenaussagen über die Ermordung von tausenden gefangenen Talibankämpfern
im Herrschaftsbereich des tadschikischen Warlords Dostum und unter
Beteiligung US-amerikanischer Soldaten zeigte. Doran schlug eine Bresche
in die Mauer des Schweigens, mit der die USA und ihre Verbündeten den
Krieg in Afghanistan umgeben wollen. Große Fernsehstationen aus vielen Ländern,
darunter die ARD, und fast alle großen Zeitungen kamen nicht umhin,
prominent über den Film zu berichten. In der "Frankfurter
Allgemeinen Zeitung" hieß es beispielsweise: "Den Angaben
zufolge wurden die Männer nach der Kapitulation der Stadt Kundus zunächst
in Container gepfercht in ein Gefängnis im Norden des Landes gebracht.
Dort hätten amerikanische Offiziere angeordnet, die Gefangenen
'loszuwerden'. Die Taliban seien anschließend in den Containern - die
jeweils mit bis zu 300 Gefangenen besetzt gewesen seien - mit Lastwagen in
eine Wüste gefahren worden. Viele Gefangene seien bereits in den
metallenen Behältern erstickt; die übrigen seien in der Wüste
erschossen und in einem Massengrab beerdigt worden, berichtete einer der
Fahrer. Dabei hätten über 30 amerikanische Soldaten zugesehen."
Wer den Film gesehen hat, wird anders als die FAZ auf den
Konjunktiv verzichten. Einer der Zeugen erzählt: "Ich habe gesehen,
wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick gebrochen
hat", ein anderer belastet sich selbst mit der Aussage, Löcher in
Container geschossen zu haben, obwohl sie voller Gefangener waren. Einige
seien dabei getötet worden. Alle im Film auftretenden Augenzeugen,
Lastwagen- und Taxifahrer, Soldaten der Nordallianz, waren und sind
bereit, ihre Aussagen vor unabhängigen Gerichten zu wiederholen. Die
Massengräber sind im Film zu sehen. Ihre Existenz ist inzwischen auch
durch Untersuchungen der amerikanischen Organisation Ärzte für
Menschenrechte bestätigt worden. Eine von der UNO vorgenommene
Exhumierung von 15 Toten ergab, dass mindestens drei von ihnen erstickt
waren. Die UNO war jedoch weder bereit, eine Erklärung zu ihren
Untersuchungsergebnissen abzugeben, noch in der Lage, eine umfassende
Aufklärung durchzuführen.
Die Lage in Afghanistan ist nach wie vor desolat. Das ohne Zweifel
reaktionäre Regime der Taliban ist gestürzt, aber der von den USA
durchgesetzte Präsident Karsai ist nicht mehr als der Bürgermeister von
Kabul. Ansonsten herrschen die lokalen Kriegsherren, oft genug mit Mord,
Terror und mit allgegenwärtiger Korruption, die auch einen Großteil der
internationalen Finanzhilfen verschlingt. Die Situation von Frauen (die -
anders als das Schicksal der Buddhastatuen - den Westen bis zum 11.
September nicht interssiert hatte) hat sich in Kabul verbessert, aber die
Menschenrechte werden in Afghanistan auch heute oft mit Füßen getreten.
Sich selbst und die eigenen Streitkräfte nehmen die USA ohnehin von den
Bindungen an internationales Recht aus. Das State Department (das
US-amerikanische Außenministerium) wies alle Forderungen nach einer
Untersuchung der Ereignisse zurück, unter anderem mit dem "überzeugenden"
Hinweis, Jamie Doran sei vom SED-Nachfolger PDS und mir unterstützt
worden (die linke Fraktion im Europäischen Parlament hat lediglich die
Veröffentlichung gefördert). Es ehrt meiner Meinung nach die PDS und vor
allem ihr konkretes Antikriegsengagement jedoch, Gegenstand offizieller
Washingtoner Verlautbarungen geworden zu sein. Im Norden, wo die Massaker
verübt worden waren, herrscht unumschränkt der enge Verbündete der USA
Dostum. Offensichtlich hauptverantwortlich für den Massenmord, lässt er
eine unabhängige Untersuchung nicht zu. Zwei der Zeugen in Dorans Film
sind in den letzten Wochen ermordet worden, andere werden gefangen
gehalten und gefoltert. Ihr Leben ist akut gefährdet. Unsere Versuche, im
Europäischen Parlament breiten Druck zu entwickeln, insbesondere um die
Zeugen zu schützen und die Beseitigung der Massengräber zu verhindern,
hat bisher leider keinen ausreichenden Erfolg gehabt, obwohl sie von
einigen sozialdemokratischen und grünen Abgeordneten (leider nicht aus
Deutschland) unterstützt wurde.
Sicherlich ist es notwendig, mit Aussagen zu den konkreten
Verantwortlichkeiten und dem Ausmaß US-amerikanischer Verstrickung zurückhaltend
zu sein. Umso wichtiger bleibt die Forderung nach einer unabhängigen
Untersuchung. Jamie Doran hat inzwischen weitere Aufnahmen in Afghanistan
gemacht. Der international bekannte Menschenrechtsanwalt Andy McEntee hat
ihn dabei begleitet und die Massengräber inspiziert. Die Beweiskraft des
Filmes ist noch größer geworden. Es liegt jetzt eine neue, wesentlich
erweiterte Fassung vor. Selbst Richard Pearle, einer der Hardliner aus der
Bush-Administration, meinte in einem Interview, das Doran mit ihm führte
und das den Film nunmehr ergänzt, dass die USA ein Interesse an lückenloser
Aufklärung haben müssten. Doch ohne wirkungsvollen Widerstand gegen den
amerikanischen Kriegskurs und die Missachtung der Menschenrechte durch die
US-Adiministration wird sich nichts tun. Die PDS im Europäischen
Parlament wird zu ihm beitragen, nicht nur verbal, sondern mit sehr
praktischer, sehr konkreter Politik. Insbesondere werden wir das Schweigen
der Bundesregierung zu den Verbrechen in Nordafghanistan nicht
akzeptieren.
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