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Dossier
von Dr.
André Brie, 24. April 2003:
Von
Maastricht bis Brüssel: Die Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen
Union vor dem Verteidigungsgipfel
Am
29. April werden Regierungsvertreter Frankreichs, Deutschlands, Belgiens
und Luxemburgs in Brüssel zu einem „Verteidigungsgipfel“
zusammentreffen. Die Gespräche, die auch anderen EU-Staaten offen stehen
sollen, waren vor dem Hintergrund des US-geführten Irak-Krieges Ende März
anberaumt worden. Offizielles Anliegen der Begegnung ist es, die Europäische
Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) „voran zubringen“.
Eine
emanzipierte Außen- und Sicherheitspolitik der EU, die sich an der
UN-Charta und einem objektiven europäischen Interesse an internationaler
Stabilität und friedlicher sowie ursachenorientierter Konfliktprävention
und –beilegung orientiert, könnte tatsächlich Regulativ zum
US-amerikanischen Unilateralismus und der Bush-Doktrin „präventiver“
Kriege (einschließlich präventiver Nuklearschläge) sein. Auch wenn die
Initiatoren des Brüsseler Treffens erklärte Kritiker des gegenwärtigen
US-Kurses in der Golfregion sind, steht zu befürchten, dass nicht Europas
sicherheitspolitische Rolle gestärkt, sondern die Militarisierung der
Europäischen Union fortgesetzt werden soll. Die Weichen dafür sind
bereits gestellt. Persönlich halte ich eine europäische Alternative
(oder eine Alternative durch einige Mitgliedsländer der EU) zur Politik
der US-Administration für dringend notwendig und realistisch. Der Versuch
jedoch, sie durch einen militärischen Kurs in der EU zu realisieren, ist
nach meiner Überzeugung aussichtslos, falsch und sicherheitspolitisch wie
gesellschaftspolitisch (wirtschaftlich, sozial, beschäftigungs- und
umweltpolitisch) gefährlich.
Die
Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU (GASP)
„Geburtsurkunde“
der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU (GASP) war der im
Februar 1992 unterzeichnete Vertrag von Maastricht. Die darin noch sehr
allgemein gehaltenen Festlegungen zur GASP, wie die Zusammenführung von
Außen- und Sicherheitspolitik, wurden später durch den Amsterdamer
Vertrag (1997) präzisiert. In dem Abkommen hieß es ausdrücklich, dass
die „schrittweise Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik“
zu einer „gemeinsamen Verteidigung führen könnte“. Kernpunkte der künftigen
Verteidigungspolitik sollten die sogenannten „Petersberg-Aufgaben“
sein:
-
humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze;
-
friedenserhaltende Aufgaben sowie Kampfeinsätze bei der Krisenbewältigung;
-
friedensschaffende Maßnahmen.
Als
weiteres Ziel wurde die Förderung „engerer institutioneller Beziehungen
zur Westeuropäischen Union (WEU) im Hinblick auf die Möglichkeit einer
Integration der WEU in die Union“ definiert. Die WEU war 1954 aus der
sechs Jahre zuvor gegründeten Westunion hervorgegangen, jedoch rasch in
den Schatten der NATO geraten.
Beschleunigte
Militarisierung der EU
Mit
den Beschlüssen des EU-Gipfels in Helsinki im Dezember 1999 wurde die
militärische Orientierung der EU fortgesetzt und konkretisiert. So wurde
insbesondere beschlossen
-
die EU „in die Lage (zu) versetzen, autonom Beschlüsse zu fassen und in
Fällen, in denen die NATO als Ganzes nicht einbezogen ist, als Reaktion
auf internationale Krisen EU-geführte militärische Operationen
einzuleiten und durchzuführen“ sowie bis Ende 2003 die Voraussetzungen
dafür zu schaffen;
-
eine weltweit einsetzbare Truppe von bis zu 60.000 Soldaten mit einer
Einsatzbereitschaft innerhalb von 60 Tagen bereit zu stellen;
-
ein Ständiges Sicherheitspolitisches Komitee auf Botschafterebene, einen
Militärausschuss sowie einen Militärischen Arbeitsstab einzurichten.
Auf
dem EU-Gipfel in Nizza im Dezember 2000 einigte man sich auf zwei wichtige
Änderungen im Vertrag über die Europäische Union:
Den
Rückbau der operativen Fähigkeiten der Westeuropäischen Union. Damit
kann die EU autonom über künftige humanitäre bzw. friedenserhaltende
Interventionen, wie sie im Petersberger Abkommen definiert wurden,
entscheiden. Solche Interventionen sollen durchgeführt werden, wenn sich
die NATO nach gemeinsamer Konsultation gegen eine eigene Intervention
entscheidet.
Die
Übertragung der Vollmacht zur Bestimmung von Strategie und Formen des
Krisenmanagements an das Politische und Sicherheitspolitische Komitee.
EU
in außen- und sicherheitspolitischer Sackgasse
Insbesondere
nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und nach der
pauschal abgegebenen „Erklärung der uneingeschränkten Solidarität“
mit Washington sind die Bemühungen um ein gemeinsames außen- und
sicherheitspolitisches Agieren der EU-Staaten in eine tiefe Krise geraten.
Weder im Nahen noch im Mittleren Osten oder hinsichtlich aktueller bzw.
potenzieller Konfliktherde in Afrika und Asien hat die Europäische Union
zu einer gemeinsamen Strategie und Politik gefunden. Aktuellstes – und
eklatantestes – Beispiel ist die Haltung gegenüber dem von den USA vom
Zaum gebrochenen Aggressionskrieg gegen Irak. Papiere von EU-Gipfeln, die
eine friedliche Konfliktbeilegung forderten, erwiesen sich nach der von
einigen Staaten erklärten Kriegsunterstützung über Nacht als wertlos.
Damit wurden die großen Widersprüche in Europa hinsichtlich des
Unilateralismus und der Dominanzpolitik der USA offensichtlich.
Erste
militärische Mission
Ungeachtet
des Versagens in dieser zentralen Frage startete die EU am 1. April 2003
ihren ersten militärischen Einsatz. In Mazedonien löste die „Mission
Concordia“ die bisherige NATO-Überwachung ab. Beteiligt sind an dem
vorerst auf sechs Monate befristeten Einsatz rund 320 Soldaten aus 27
europäischen Ländern (EU-Mitglieder und Kandidatenstaaten). Weitere Einsätze,
unter anderem in Bosnien, sind geplant.
Weiterentwickelt
wird auch das Projekt einer europäischen Rüstungsagentur. Damit soll
Europa im Rüstungssektor effektiver und unabhängiger von den USA werden.
Erklärtes Ziel dabei ist laut Frankreichs Präsidenten Chirac die
Schaffung „einer echten europäischen Rüstungspolitik und die
Entwicklung gemeinschaftlicher militärischer Fähigkeiten“.
Paris
und Berlin hatten den Vorschlag Ende November letzten Jahres im derzeit
laufenden Konvent zur Zukunft Europas eingebracht. Angeregt wurde zugleich
die Schaffung einer „Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsunion“, die sich auch als zentrales Element in einer künftigen
europäischen Verfassung finden soll. Offensichtlich geht es dabei darum,
zum einen die militärische Seite der "Gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik der Europäischen Union" prinzipiell zu verstärken,
zum anderen eine größere Autonomie gegenüber den USA zu ermöglichen.
Europäisches
Parlament ohne Mitsprache
Bezeichnend
ist, dass sich die ESVP und der Aufbau einer EU-Eingreiftruppe der
demokratisch-parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzieht. Das Europäische
Parlament spielt in dem Prozeß bislang kaum eine Rolle, es wird über
Vorgänge im Zusammenhang mit der GASP/ESVP lediglich informiert. Auch die
nationalen Parlamente wurden faktisch ignoriert.
Trotzdem
beschäftigt sich das Europaparlament intensiv mit den Fragen der europäischen
Außen- und Sicherheitspolitik. So nahm das Parlament Anfang April dieses
Jahres – gegen die Stimmen u.a. der Fraktion der Vereinten Europäischen
Linken / Nordisch Grünen Linken – den sogenannten „Bericht
Morillon“ über eine „neue europäische Sicherheits- und
Verteidigungsarchitektur“ an. Neben der Einrichtung der bereits erwähnten
europäischen Rüstungsagentur und einer Militärakademie plädierte das
EP auch für die Einfügung einer „kollektiven Verteidigungsklausel“
und einer „Solidaritätsklausel“ in den EU-Vertrag. Sie sollen „die
Mobilisierung ziviler und militärischer Instrumente zur Bekämpfung des
Terrorismus“ ermöglichen. Das Parlament sprach sich für die Schaffung
einer Militärmacht aus, die fähig sein müsse, „Einsätze von Niveau
und Intensität des Kosovo-Konflikts“ zu führen. Der Änderungsantrag
der Fraktion der Vereinten Europäischen Linken (der auch die
PDS-Abgeordneten im EP angehören), dass die „EU Kriege als Instrument
zur Beilegung internationaler Meinungsverschiedenheiten ablehnen“ müsse,
wurde dagegen abgewiesen.
Alternativen
für eine ESVP
Unter
den gegenwärtigen Bedingungen existieren faktisch nur zwei Möglichkeiten
für die EU und ihre Mitgliedsländer: Die militärische Vorherrschaft der
USA, ihren Unilaterlismus und imperialen Interventionismus hinzunehmen
oder diesem Kurs aktiv entgegen zu treten. Das soll, kann und darf keine
Konfrontation gegenüber Washington bedeuten (Konfrontationen gibt es in
dieser Welt wahrlich zu viel), aber es verlangte zum einen kritische
Distanz zu und aktive Auseinandersetzung mit der aktuellen Außen-, Militär-
und Wirtschaftspolitik der USA, zum anderen eine europäische Emanzipation
und größere Eigenständigkeit sowie nicht zuletzt die Rückbindung der
USA selbst an das internationale Recht. Zweifellos müsste dazu eine tatsächlich
gemeinsame und unabhängige Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen
Union entwickelt und realisiert werden. Diese muss, wenn sie eine Lösung
von der Vorherrschaft der USA bedeuten sollte, auch wirklich alternativ
sein und auf folgenden Punkten basieren:
-
energische Stärkung der UNO statt ihrer Schwächung,
-
Multilateralismus und Achtung des Völkerrechts statt Unilateralismus,
-
Priorität ökonomischer, sozialer, entwicklungspolitischer, ökologischer,
kultureller Kooperation statt Orientierung auf militärische
Vorherrschaft,
-
ursachenorientierte, präventive Konfliktbearbeitung statt militärischer
Präventivstrategien,
-
eine konsistente und konsequente Menschenrechtspolitik statt "Antiterror"-Allianzen
mit Militärdiktatoren,
-
Abrüstung und Rüstungskontrolle statt neuer Hochrüstung und Rüstungsexporten,
-
strategisches Beziehungsgeflecht mit Russland und China als Ergänzung zum
atlantischen Verhältnis statt konjunktureller und
kurzfristig-pragmatischer Gestaltung dieser Verhältnisse.
In
solchen und ähnlichen Richtungen wäre die EU wahrscheinlich in der Lage,
eine größere Autonomie gegenüber den USA und eine Relatvierung der
geschichtlich beispiellosen militärischen US-amerikanischen Dominanz zu
erreichen. Immerhin gab es in den vergangenen 12 Jahren nicht nur das
oftmalige Versagen von Politik und den Ausbruch zahlreicher blutiger
Kriege, sondern auch - öffentlich leider wenig beachtete - Fälle, in
denen Konflikte durch internationale Moderatoren, den Aufbau
rechtstaatlicher Strukturen und effektiver Polizeikräfte sowie
wirtschaftliche und soziale Maßnahmen frühzeitig eingedämmt wurden. Vor
allem die skandinavischen Staaten können positive Erfahrungen vermitteln.
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