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Brüsseler Devise gegenüber EU-Beitrittsländern:
Take it or leave it
In den am Dienstag vorgelegten Fortschrittsberichten zur
EU-Erweiterung hat die Europäische Kommission den Beitrittsstaaten große
Anstrengungen zur Vorbereitung der Mitgliedschaft in der Gemeinschaft
attestiert. Glaubt man den Dokumenten, laufen die
Erweiterungsverhandlungen als fairer Prozess. Die Fakten sprechen aber
eine andere Sprache:
1. Nach wie vor führt die EU die
Beitrittsverhandlungen insbesondere mit den osteuropäischen Kandidatenländern
nach dem Dominanz-Prinzip. Die Ziele, Interessen und Erfahrungen der
Beitrittsländer haben sich den vor allem wirtschaftlich dominierten
Absichten der EU unterzuordnen. „Take it or leave it“ lautet die
Devise aus Brüssel. Sonderbedingungen für neue Mitgliedsstaaten, die bei
früheren Erweiterungsrunden noch an der Tagesordnung waren, werden von
der EU weitgehend abgelehnt. Selbst bei Übergangsfristen, wie bei der
Freizügigkeit für Arbeitnehmer, werden primär die Interessen der EU
oder einzelnen Mitgliedsländer zugrunde gelegt.
2. Nach wie vor werden die
wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die der
Anpassungsprozess an die EU-Standards in den Beitrittsländern hervor
ruft, ignoriert. Die wirtschaftliche und soziale Kluft zwischen alten und
neuen EU-Mitgliedern droht noch tiefer zu werden. Zudem werden sich
soziale Spaltungsprozesse in den Beitrittsländern verstärken. Konzepte,
um diese Entwicklung zu stoppen, liegen bisher nicht auf dem Tisch. Schon
heute ist die Grenze zwischen Deutschland und Polen jene mit dem größten
Wohlstandsgefälle weltweit.
3. Nach wie vor fordert die EU die
Vorbereitung der Beitrittsländer auf die Mitgliedschaft, bleibt ihren
eigenen Beitrag aber schuldig. Die Reform von Institutionen und
Mechanismen blieb auf dem Nizza-Gipfel in den Kinderschuhen stecken, die
Demokratisierung der EU ist weiter nur ein Randthema, die Bürger werden
in den Erweiterungsprozess kaum einbezogen. 71 Prozent der Deutschen fühlen
sich laut einer Eurobarometer-Umfrage schlecht über die Erweiterung
informiert.
4. Nach wie vor fehlen den
Beitrittskandidaten eine klare Perspektive und eine konkrete Zeitschiene für
die Aufnahme. Für den Fortgang des Erweiterungsprozesses ist dies aber
unerlässlich. Schon heute sinkt angesichts des Lavierens in Brüssel die
Zustimmung unter der Bevölkerung in den Beitrittsländern zur
EU-Mitgliedschaft.
Um die EU-Erweiterung zu einem Faktor der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Stabilität in Europa werden zu lassen, müssen
die Interessen und Rechte der Beitrittsländer stärker Eingang in die
Beitrittsverhandlungen finden. Gefordert sind zudem Anstrengungen zur
Schaffung einer europäischen Sozialunion, die auch die osteuropäischen
Staaten einschließt. Nicht zuletzt müssen Demokratie und Bürgerbeteiligung
sowohl in der EU wie in den Aufnahmestaaten gestärkt werden.
Straßburg, den 13. November 2001
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