ANDRÉ BRIE    
EUROPA | ANFRAGEN, ARTIKEL, BRIEFE, PRESSEMITTEILUNGEN, REDEN
 
André Brie, 27. Januar 2003, Beitrag für das Dresdner Blättl 

„Ich rede mit Ihnen nicht über leukämiekranke Kinder, sondern nur über Saddam Hussein.“

 

Wie soll man umschalten, wenn man eben den Irak verlassen hat, ein Land, das von zwölf Jahren Embargo gebeutelt ist, weit in seiner sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung zurückgeworfen wurde, dessen Menschen oft das Nötigste fehlt und die sich offensichtlich fatalistisch mit den Sanktionen und dem heranrückenden Krieg abgefunden haben?

Aus Bagdad flog ich direkt zum Weltsozialforum nach Porto Alegre (unter den Bedingungen des Embargos allerdings bedeutet „direkt“ über Amman, London, Brüssel, Paris, Sao Paolo). Am Sonntagnachmittag (das war der 19. Januar) war ich noch einmal im Kinderkrankenhaus in Basra. Morgens hatten wir es besichtigt und uns mit den Eltern und Ärzten der krebskranken Kinder unterhalten, denen nur unzureichend geholfen werden kann, weil Geräte und Medikamente für ihre Behandlung auf der Embargoliste der UNO stehen. Ich wurde vor allem das Bild eines neunjährigen Mädchens nicht los, das an Leukämie litt. Ich hatte sie fotografiert und ihr das digitale Bild gezeigt. Darüber hatte sie sich so sehr und so still gefreut. Es tat mir weh, dass ich ihr nicht einmal dieses Foto da lassen konnte, aber sie flirtete noch mir, als wir schon auf dem Korridor standen, so dass sich ihre Mutter liebevoll lustig machte.

Nun trafen wir uns mit Eva-Maria Hobiger, einer österreichischen Ärztin, die unter bewusstem Bruch der Sanktionen ein Blutzentrum für die Krebsbehandlung in Basra aufbaut. Nach Monaten hatte ihr die UNO endlich gestattet, die meisten Ausrüstungen einzuführen: Möbel, Matratzen, Aktenordner. Das eigentlich Wichtige blieb verboten, und sie hatte es nun auf eigene Faust ins Land gebracht und sogar durchgesetzt, dass auch der irakische Zoll keinen Zugriff erhielt: zwei Blutzentrifugen, ein Plasmagefrierschrank, ein Kühlschrank für Blutkonserven, zwei Seperatoren zur Blutkonservenherstellung. Im Oktober 2002 war ihr vom Sanktionsausschuss mitgeteilt worden, dass die USA die Lieferung dieser Güter als militärisch bdeutsam ablehnten. Einer ihrer Mitarbeiter war daraufhin nach New York gereist. Aber der US-amerikanische Vertreter im Ausschuss, Andrew Hillmann, hatte für ihn nur eine Antwort: „Ich rede mit Ihnen nicht über leukämiekranke Kinder, sondern nur über Saddam Hussein!“

Beinahe noch aufgebrachter erzählte Eva-Maria Hobiger davon, dass auch die bereits bezahlten Medikamente (Pentustan) für die Behandlung der Tropenkrankheit Kalah Azar in London blockiert wurden, obwohl die österreichische Regierung ihre Ausfuhr genehmigt hatte. Allein in der Vorwoche waren 20 Kinder mit dieser Krankheit diagnostiziert und nach Haus geschickt worden. Kalah Azar ist ohne Behandlung 100prozentig tödlich, mit Therapie 100prozentig heilbar! Auch in diesem Fall behaupten die USA und Großbritannien, die Medikamente seien nicht nur zivil, sondern auch militärisch verwendbar („dual use“).

Der erneute Krieg gegen den Irak mit Raketen, Cruise Missiles, Bomben hat noch nicht begonnen, der Krieg gegen die Kinder des Landes geht schon 12 Jahre. 1,5 Millionen von ihnen sollen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation inzwischen Opfer der Embargopolitik geworden sein.

Nein, ich konnte in Porto Alegre nicht umschalten. Auf dem 3. weltweiten Parlamentariertreffen habe ich die Abgeordneten zum öffentlichen Bruch der Sanktionen aufgefordert. Sie sind unmenschlich und verbrecherisch. Ein Spendenkonto für die Behandlung von Kalah Azar und die Finanzierung der verbotenen Medikamente existiert:

Kinder im Irak, Hypovereinsbank AG München, Konto-Nr.: 665821595, BLZ: 70020270  

 
STARTSEITE
 
 
 
ARTIKEL, BRIEFE, PRESSEMITTEILUNGEN, REDEN
DISPUT-KOLUMNE
externer Link SOZIALISTEN.DE
externer Link PDSMV.DE / LANDESVERBAND
MECKLENBURG VORPOMMERN
externer Link PDS-IM-BUNDESTAG.DE
externer Link ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG
 
 
 
HERE YOU FIND SELECTED TEXTS IN ENGLISH.
 
 

ICI, VOUS TROUVEZ DES
TEXTES CHOISIS EN FRANÇAIS.

SEITENANFANG