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BRIEF DES ISRAELISCHEN RESERVEOFFIZIERS ASAF ORON
Wir
sind wie die Chinesen, die sich vor die Panzer stellten (FREITAG,
08.03.2002)
Die
Katastrophe aufhalten: "Wenn ihr alle nicht seht, dass hier ein großes
Verbrechen stattfindet, dann seid ihr blind, nicht ich ..."
Am
5. Februar 1985 verabschiedete ich mich von meinen Eltern, verließ das
Haus, nahm den Bus ins Militärcamp und verwandelte mich in einen
Soldaten. Genau 17 Jahre später sehe ich mich in einer unerbittlichen
Konfrontation mit der Armee, während die breite Öffentlichkeit mich und
meine Gefährten angreift. Die Rechten bezeichnen mich als Verräter, der
den Heiligen Krieg vor den Toren Israels scheut. Das politische Zentrum
zeigt rechthaberisch mit dem Finger auf mich und hält mir vor, die
Demokratie zu schwächen und die Armee zu politisieren. Und die Linke? Die
moderate, etablierte Linke, die gestern noch um meine Stimme warb, wendet
mir ebenfalls den Rücken zu. Viel wird darüber gesprochen, was legitim
ist und was nicht. Fast niemand stellt die entscheidende Frage: Warum
steht da jemand plötzlich auf und sagt, ich spiele das Spiel nicht mehr
mit? Unsere Eltern stöhnen: Wir haben sie blamiert. Sie haben uns doch
erzogen. Universelle Ethik und Frieden und Freiheit und Gleichheit für
alle auf der einen Seite, und auf der anderen: "Die Araber wollen uns
ins Meer werfen. Sie sind alle gewalttätig und primitiv. Man kann ihnen
nicht vertrauen." Auf der einen Seite die Lieder von John Lennon,
Pete Seeger, Bob Marley und Pink Floyd. Über Frieden und Liebe, gegen
Militarismus und Krieg. Und dann die andere Melodie: Lieder über
freundliche Soldaten, die in der untergehenden Sonne auf dem Panzer
sitzen: "Der Panzer gehört euch und ihr gehört uns." Als ich
eingezogen wurde, war ich kein Enthusiast und freute mich nicht auf einen
Dienst voll von Mut und Opfersinn. Wenn sich ein 19-Jähriger statt in
Heiliger Mission in einer Lage wiederfindet, in der er die Würde von
Menschen mit Füßen treten muss, darf er - so will es doch unsere
Gesellschaft - nicht fragen, ob das verkraftbar ist? Er soll so handeln
wie alle anderen auch und sich auf das Wochenende freuen. Daran gewöhnt
man sich schnell. Manche lernen es sogar, diese Situation auszukosten.
Wie, wenn nicht als Soldat, kann man wie ein König durch die Straßen
gehen, Passanten belästigen und beleidigen und sich zugleich wie ein Held
fühlen, der das Land verteidigt? Die Expeditionen in den Gaza-Streifen
wurden zu Heldengeschichten - eine Quelle des Stolzes für unsere Giv´ati
Brigade, damals noch eine junge Einheit, die kaum beachtet wurde. Lange
konnte ich mit Heroismus nichts anfangen. Aber dann, als ich später
Leutnant wurde - ohne nachzudenken verwandelte ich mich in den perfekten
Besatzungsoffizier. Ich legte mich mit Menschen an, die nicht genug
Respekt zeigten. Ich habe die persönlichen Dokumente von Männern
zerrissen, die so alt waren wie mein Vater. Ich schlug zu. All das
passierte kaum mehr als drei Meilen entfernt vom Haus meiner Großeltern.
Nein, ich war keine Ausnahme, ich war der Regelfall. Nachdem ich meine
Militärzeit beendet hatte, begann die erste Intifada. Ofer, ein Kamerad
aus meiner Brigade, der in der Armee blieb, ist ein Held geworden. Er
kommandierte eine Einheit, die einen palästinensischen Demonstranten in
einen dunklen Orangenhain schleppte und ihn dort zu Tode schlug. Wie sich
später herausstellte, war Ofer der Hauptverantwortliche für diese
grausame Tat. Schließlich musste er zwei Monate ins Gefängnis und wurde
aus der Armee entlassen - die härteste Strafe, die ein israelischer
Soldat während der ersten Intifada zu befürchten hatte, als etwa tausend
Palästinenser getötet wurden. Ofers Kommandeur Efi Itam sagte vor dem
Militärgericht, dass es den Befehl von oben gab - körperliche
Misshandlung galt als legitime Bestrafung. Er hatte bei vielen
Gelegenheiten diese Behandlung von Arabern miterlebt, aber selbst nie den
Befehl dazu gegeben. So wurde er auch nicht bestraft. Im Moment ist er
dabei, sich ein neues Leben in der Politik aufzubauen und der Öffentlichkeit
Lektionen über moralisches Verhalten zu erteilen. Während der jetzigen
Intifada wird die Mehrzahl solcher Vorfälle nicht einmal mehr untersucht.
Das interessiert niemanden. Während meiner ersten Dienstzeit hatte ich
geglaubt, dass es jemanden gibt, der sich um die Dinge kümmert. Jemand,
der mehr weiß als ein unbedarfter Junge wie ich. Ich hatte geglaubt,
selbst wenn uns Politiker manchmal nicht gefallen, so ist doch die Armee
stets da, uns Tag und Nacht zu beschützen - jede Entscheidung Resultat
heiliger Notwendigkeit. Doch ich musste allmählich begreifen, dass meine
beiden Wertesysteme nicht mehr ineinander greifen. Aus heiterem Himmel
wurde ich dann zum ersten Mal als Reservist für die besetzten Gebiete
eingezogen. Der Kommandeur meiner Einheit beruhigte mich: Wir würden
einen Außenposten oberhalb des Jordan beziehen. Kontakt mit der Bevölkerung
sei nicht zu erwarten. Und so fügte ich mich, während einige meiner
Freunde am Grenzübergang an der Damia Bridge ihren Dienst taten. Das war
zu jener Zeit, als 1990 kurz vor dem Golfkrieg viele Palästinenser aus
Kuwait in die besetzten Gebiete flohen. Die Reservisten amüsierten sich,
wenn die weiblichen Rekruten, die am Grenzübergang stationiert waren,
Unterwäsche und Babykleidung der Palästinenserinnen durchwühlten, um
nach Sprengstoffen zu suchen. Ich dachte damals, Reservesoldaten sind
gelassener, humaner, nicht aggressiv. Solche Eindrücke wurden Jahre später
erschüttert, als ich drei Wochen mit einer berühmten Aufklärungseinheit
verbrachte. Da wurde mir klar, dass sich ein Reservist durchaus in einen hässlichen
Macho verwandeln kann. Während der Busfahrt zum Gaza-Streifen
wetteiferten die Soldaten um die beste, also für einen betroffenen Palästinenser
tödliche Heldengeschichte. Wachdienst zu tun, war das Einzige, was ich
ertragen konnte. Und so fragte ich den zuständigen Offizier, ob er mich
allein dafür einsetzen könne. So begann eine Routine, an der sich
wochenlang nichts änderte. Ich habe mich verschanzt. Ich habe versucht,
meine Seele zu retten und war an abscheulichen Taten nicht direkt
beteiligt, doch ich ermöglichte sie, weil ich für andere Wache schob.
Warum habe ich mich damals nicht schon komplett geweigert? Ich weiß es
nicht. Es war wohl der Druck, sich konform verhalten zu wollen. Die Armee
hat stets behauptet: "Während der ersten Intifada waren wir zu nett.
Hätten wir damals in den ersten Tagen Hundert getötet, wäre es anders
gekommen." Heute ist es den Kommandeuren erlaubt, so zu handeln, wie
sie es für richtig halten. Schon Ehud Barak hatte ihnen freie Hand
gelassen. Shaul Mofaz, der heutige Generalstabschef, nutzt diesen
Blankoscheck, um das Blutvergießen auf die Spitze zu treiben.
Mittlerweile habe ich zwei Söhne, und ich weiß, niemand wird dafür
sorgen, dass sie nicht auch in den besetzten Gebieten Dienst tun müssen.
Ich werde ihnen in die Augen sehen und erklären müssen, was ich getan
habe. Als die jetzige Intifada vor anderthalb Jahren begann, war mir klar,
dieses Mal gehe ich nicht. Das war zunächst eine Entscheidung im
Verborgenen. Aber dann, als der Wahnsinn, der Hass, die Zahl der Toten
wuchsen, als Generäle die israelische Armee in eine Terrororganisation
verwandelten, musste meine stille Entscheidung öffentlich werden:
"Wenn ihr alle nicht seht, dass hier ein großes Verbrechen
stattfindet, dann seid ihr blind, nicht ich!" Und dann entdeckte ich
so etwas wie das Leben auf einem anderen Planeten: Ich war nicht allein!
Dennoch verstehe ich, weshalb die meisten über uns verärgert sind. Wir
haben die schöne Ordnung der Dinge durcheinander gebracht. In Israel hat
man sich daran gewöhnt, dass die Rechte exklusiv über Fragen von Leben
und Tod entscheiden kann. Rolle der Linken dagegen ist es: Im Lehnstuhl zu
sitzen, Wein zu trinken und auf den Messias zu warten - auf dass er mit
seiner Zauberkraft all die Bösen, die Rechten, die Siedler, die Araber,
das Wetter, den ganzen Mittleren Osten verschwinden lassen möge. So
sollte die Welt funktionieren. Warum bringst du sie durcheinander, du
dummer Junge? Aber ihr habt alle nicht aufgepasst. Der Messias war schon
da. Mitten in der Schlacht hat man ihn fallen lassen. Er ist ermordet
worden. Zusammen mit uns allen - mich eingeschlossen -, die wir in unseren
Lehnstühlen bequem saßen. Also lasst das dumme Spiel. Der Messias kommt
nicht zweimal. Wir sind wie die jungen Chinesen, die sich vor die Panzer
stellten.
Übersetzung aus dem Englischen von Hans Thie
Asaf
Oron, Oberleutnant in der Giv´ati Brigade, gehört zu den inzwischen 256
israelischen Soldaten, die den Dienst in den besetzten Gebieten
verweigern. Oron war einer der ersten, die ihre Aktion explizit begründeten.
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