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André
Brie, 1. März 2001, Beitrag für das „Neue Deutschland“
Deutsch-französische Beziehungen: Ein Motor mit Fehlzündungen
Die
deutsch-französischen Beziehungen hatten in der Vergangenheit für beide
Staaten eine herausragende Bedeutung und galten zugleich als „Motor“
der westeuropäischen Integration. Die Europäische Gemeinschaft für
Kohle und Stahl stand am Beginn des westeuropäischen
Integrationsprozesses. Frankreich war damals – wenige Jahre nach dem
zweiten Weltkrieg – bestrebt, (West-) Deutschland dauerhaft in
Strukturen einzubinden, die eine erneuerte expansive deutsche Großmachtpolitik
und ihre traditionelle antifranzösische Tendenz ausschließen sollten.
Adenauer wiederum versprach sich von derartigen Integrationsschritten vor
allem eine Widergewinnung politischer Handlungsmöglichkeiten und eine
wirksame Begrenzung des sowjetischen Einflusses in Europa. In beiden Ländern,
das sollte berücksichtigt werden, gab es aber auch den starke Interessen,
eine dauerhafte positive Veränderung des deutsch-französischen Verhältnisses
zu erreichen. Nach dem Scheitern des Projektes einer Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft an der Ablehnung der französischen
Nationalversammlung waren es die EWG (Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft) und die Euratom mit der beide Staaten sowie die
Beneluxländer und Italien den Integrationsprozess weiter ausgestalteten,
der schließlich zu den wesentlich von der französischen und der
Bundesregierung bestimmten Verträgen von Maastricht und Amsterdam in den
neunziger Jahren und zur heutigen Europäischen Union führte.
Mit
dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des gesamt osteuropäischen
Staatssozialismus war aber auch für das deutsch-französische Verhältnis
und die Entwicklung der Europäischen Union eine völlig neue Situation
entstanden. Die Bundesrepublik gewann mit dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag nicht
nur volle völkerrechtliche Souveränität und mit der Vereinigung an
wirtschaftlicher und anderer Macht, sondern rückte politisch wieder in
das Zentrum des Kontinents, während zuvor die BRD den östlichen Rand des
westlichen, die DDR an den westlichen des östlichen Blocks gebildet
hatten. Kohl und Mitterand setzten mit dem Euro noch einmal einen tiefen
(sozial, wirtschaftlich und politisch allerdings auch sehr
problematischen) Integrationsfortschafritt durch. Deutschland zeigte dabei
aber auch zum erstenmal in strategischer Hinsicht, dass es nicht mehr
bereit war, die machtpolitische Zurückhaltung der früheren Jahrzehnte
fortzusetzen. Kohl und Waigel zwangen Frankreich, das Bundesbankmodell und
die deutsche Währungspolitik als Grundlage der Europäischen Zentralbank
und des Euro zu akzeptieren und setzten mit aller symbolischen Klarheit
Franfurt am Main als Sitz der EZB durch und verhinderten schließlich auch
noch den französischen Kandidaten für deren Vorsitz.
Wie
immer man die Gestaltung der Europäischen Union in den neunziger Jahren
bewerten mag, der Integrationsgewinn war noch einmal groß. Er verdeckte
jedoch, dass der europäischen Integration und dem deutsch-französischen
Verhältnis mit dem Ende der Blockkonfrontation die zentrale Idee abhanden
und eine neue nicht gefunden worden war. Dass die die „europäische
Einigung“ sei, gehört in das Reich der Mythen und der Lebenslügen
einiger Politiker. Politik ist profan. Sie braucht handfeste Interessen.
Die Einbindung und Zähmung Deutschlands war ein so elementares französisches
Anliegen, das sich darauf politische Strategien gründen ließen. Gleiches
galt für den Antikommunismus und für das westdeutsche Ziel, souveräne
Macht durch die Integration und durch Frankreichs Unterstützung zurückzugewinnen.
Die als endgültige Überwindung europäischer Spaltung ausgegebene
„Osterweiterung“ der EU kommt dagegen nicht als Integrationsprojekt
oder (was ja eine große Chance und eine wahrhaft historische Aufgabe sein
könnte) als soziale, beschäftigungspolitische und demokratische
Alternative zur neoliberalen Globalisierung und als Beitrag zu einem
gesamteuropäischen kooperativen Sicherheitssystem daher, sondern als
geografische Ausdehnung der EU und ihrer Entwicklung zu einem zweiten
westlichen Militärpakt daher.
Die
Achse Berlin-Paris läuft derweilen in ausgeschlagenen Lagern, der
deutsch-französische Motor der europäischen Integration stottert mit
einer Fehlzündung nach der anderen. Auf dem Gipfel in Nizza drohte der
Motor ganz auszusetzen, und es wird sich wohl erst noch erweisen müssen,
ob die dann doch wieder zu hörenden Motorengeräusche nicht eher
Propagandagetöse waren. Dass beide Regierungen sich weniger darum bemühen,
dem bi- und multilateralen Verhältnis einen wirklich neuen Inhalt zu
geben, sondern ihre Energie darauf verwenden, die Probleme und Differenzen
vor der Öffentlichkeit zu verschleiern, macht das Ganze nur noch
schlimmer. Denn niemand kann ein Interesse daran haben, dass das
deutsch-französische Verhältnis Schaden nimmt. Widersprüche und
Unterschiede sind etwas Normales. Wenn sie so sorgsam geleugnet werden,
muss man misstrauisch sein. Das eigentliche Problem ist die deutsche
Politik. Schröder und Fischer ist es ernst damit, zur „Normalität“
überzugehen, die (teilweise) machtpolitische Zurückhaltung der
Vergangenheit aufzugeben und die wirtschaftlichen und politischen
Interessen Deutschlands direkt und massiv zur Geltung zu bringen. Die
„Osterweiterung“ der EU wird damit in ganz besonderem Maße ein
Projekt Deutschlands, der Realisierung der ökonomischen Interessen
deutscher Unternehmen und Banken in Osteuropa (Deutschland ist mit Abstand
der größte Handelspartner dieser Länder und erzielt dort gewaltige Überschüsse).
Statt dem Prinzip repräsentativer Demokratie durch die Stärkung des
Europäischen Parlaments (der einzigen demokratisch legitimierten und repräsentativ
zusammengesetzten Institution der EU) Geltung zu verschaffen, haben Schröder
und Fischer versucht, Deutschland im Europäischen Rat quantitativ größeres
Gewicht (als Frankreich) zu verschaffen und letztlich (gemeinsam mit
Frankreich) bürokratische Abstimmungsregeln im Rat durchgesetzt, die die
Verwirklichung spezifischer nationaler Interessen gewährleisten. Fischers
Vorschlag, ein zweites europäisches Parlament aus nationalen Abgeordneten
zu installieren (offenkundig lässt ihn seine gleichzeitige Wahrnehmung
eines Minister- und eines Bundestagsmandats glauben, dass
Abgeordnetenaufgaben nebenher zu erledigen wären), deutet zusätzlich
darauf hin, das die Bundesregierung an einer bestimmten Renationalisierung
der Europäischen Union interessiert ist. Frankreich bleibt dabei nur der
Part eines Juniorpartners, die EU läuft Gefahr aus einem zentralen Ziel
der Politik zu einem Vehikel nationaler Interessen zu werden. Die
Fortsetzung (Vertiefung) der Integration und die Demokratisierung der EU
sind bereits jetzt auf das Ernsteste gefährdet. Dass Schröder in dieser
Woche den französischen Präsidenten Chirac dazu gebracht hat, die
deutsche Kehrtwende von der Kritik am amerikanischen Rüstungsvorhaben zur
Raketenabwehr hin zu deren Tolerierung und wohl sogar Befürwortung
mitzumachen, verheißt nichts Gutes. Zum einen wird damit eine neue gefährliche
Rüstungsrunde in Gang gesetzt und in Kauf genommen, dass wirksame Rüstungskontrollverträge
zerstört werden, zum anderen zeigt sich, dass nun auch in
sicherheitspolitischen Fragen Deutschland den europäischen Ton angibt.
Frankreich fehlt die Kraft, das deutsch-französische Verhältnis auf
gleicher Grundlage mit einer erneuerten politischen Vision zu gestalten,
und Deutschland fehlt inzwischen die machtpolitische Zurückhaltung, ohne
die die enorme wirtschaftliche und finanzielle Macht dieses Landes und
seine europäischen Zentrallage zu einer ernsten Belastung für die zivile
Fortsetzung und Neugestaltung der europäischen Integration werden.
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