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Europapolitiker beendete Irak-Reise. Rüstungsunternehmen
besucht
Militärpotenzial
des Irak legitimiert in keiner Weise einen Krieg
Gemeinsam mit acht weiteren Kriegsgegnern aus
unterschiedlichen deutschen Friedensgruppen besuchte Brie Bagdad und Basra.
Der Irak ist nach Einschätzung des Europaabgeordneten André
Brie „militärisch unvergleichlich schwächer als 1990 und der meisten Rüstungsanlagen
beraubt“. Wie der PDS-Politiker nach Abschluss seiner Irak-Reise am
Montag in der jordanischen Hauptstadt Amman berichtete, sei das Land durch
die Sanktionen wirtschaftlich und wissenschaftlich-technisch so weit zurückgeworfen,
dass militärisch relevante Anstrengungen zu offensiver Rüstung unmöglich
geworden seien. Unter den gegenwärtigen Bedingungen hält der Abgeordnete
„alle militärisch relevanten Verstöße“ gegen bestehende UN-Auflagen
für unmöglich. „Das Militärpotenzial des Irak legitimiert in keiner
Weise einen Krieg gegen das Land.“
Brie hatte während seiner mehrtägigen Reise unter anderem
ein Rüstungsunternehmen besucht sowie Gespräche mit Vertretern von
internationalen Hilfsorganisationen, mit Ärzten und Wissenschaftlern geführt.
Zu der Reise erklärte Dr. André Brie:
„Es fällt mir unerhört schwer, rein sachlich zu
informieren und zu urteilen. Auch wenn mein Besuch nur knapp vier Tage währte,
hat er mich aufgewühlt und mir einen Blick auf die Sanktionen und den
drohenden Krieg aus der Sicht der Betroffenen und der internationalen
Hilfsorganisationen im Irak ermöglicht. Mein Ziel, authentischere und
konkretere Einschätzungsmöglichkeiten zu bekommen, mit Menschen auf der
Straße und in Cafés zu sprechen, von Ärztinnen und Ärzten und von
direkt Betroffenen etwas über die Auswirkungen des Embargos zu erfahren,
Vertreter internationaler nichtstaatlicher Organisationen zu treffen, die
in der Hilfe vor Ort engagiert sind, ist vollständig aufgegangen. Zusätzlich
habe ich am Sonnabend mit Journalisten die UN-Inspektoren zum Rüstungsunternehmen
Qaqa Company, 70 Kilometer südwestlich von Bagdad, begleitet und war in
der Lage, nach den Inspektoren auf das weiträumige Gelände der
Sprengstoff- und Chemiefabrik zu kommen, selbst die Anlagen und Lager zu
sehen und zu fotografieren sowie mit Verantwortlichen des Unternehmens zu
sprechen. Ich bin selbstverständlich nicht fähig, Einzelheiten zu
bewerten und Lücken in der irakischen Kooperation auszuschließen. Aber
aus Augenschein und als früherer Abrüstungsexperte glaube ich eindeutig
feststellen zu können:
1. So wie die Qaqa Companie durch die Bombardements 1991 und
1998 flächendeckend zerstört wurde (man sieht dort endlose Trümmerfelder),
ist der Irak militärisch unvergleichlich schwächer als 1990 und der
meisten Rüstungsanlagen beraubt.
2. Zwölf Jahre Sanktionen haben den Irak wirtschaftlich und
wissenschaftlich-technisch weit zurückgeworfen und machen militärisch
relevante Anstrengungen zu offensiver Rüstung unmöglich.
3. Der Irak wurde sicherlich auch mit etlichen Problemen
schon bis 1998 in einer Weise kontrolliert, die geschichtlich nichts
ihresgleichen hat. Seit 2001 ist dies noch qualitativ und quantitativ –
bis in die Privatbereiche von Wissenschaftlern – erweitert worden.
Meiner Meinung nach sind unter diesen Bedingungen alle militärisch
relevanten Verstöße gegen bestehende Auflagen unmöglich. Das Militärpotenzial
des Irak legitimiert in keiner Weise einen Krieg gegen das Land. Wer die
Situation des Landes vor Ort erlebt hat, wird nicht mehr der Meinung sein
können, dass es darum geht, Saddam Hussein den Zugang zu
Massenvernichtungswaffen zu verwehren. Es geht den USA um die
geostrategische Bedeutung des Irak in der explosivsten Großregion der
Welt, und um das Erdöl. Dieser Krieg darf nicht stattfinden!
Ich sage das noch mehr deshalb, weil ich auf bestürzende
Weise die Auswirkungen des Golfkrieges 1990/91 und der Sanktionen kennen
gelernt habe. Ich habe Kinder gesprochen, die an der 100prozentig
heilbaren Krankheit Kalad Azar erkrankt sind. Sie werden, wie mir ihre Ärzte
sagten, jedoch alle sterben, weil das Medikament für ihre Behandlung auf
der Embargoliste steht. Die Sanktionen müssen weg! Auch deren kürzliche
Modifizierung („smarte Sanktionen“) hat den unmenschlichen Charakter
nicht geändert. Ich habe eine österreichische Ärztin getroffen, die
sich offen zur Verletzung der Sanktionen bekennt. Nach diesen Erlebnissen
kann ich nur jeden, der es kann, auffordern, ebenso zu handeln wie sie,
wenn es um Medikamente und medizinische Geräte geht. Gesetzesbruch ist in
diesem Fall ein humanitäres Gebot.
Saddam Hussein ist ohne Zweifel ein Diktator, ich habe
durchaus den Charakter des Regimes erfahren können. Aber erstens kann und
darf dieses Problem nicht durch Krieg, nicht auf Kosten irakischer Kinder,
Frauen, Männer gelöst werden, zumal einige der Verbündeten der USA
nicht besser sind, und der Westen mit der Sanktionspolitik nicht mehr und
nicht weniger selbst tägliche Verbrechen zu verantworten hat. Zweitens
habe ich den Eindruck gewonnen, dass das irakische Volk dieses Problem
selbst lösen wird.
Nach meinem Besuch im Irak habe ich keinen Zweifel: Der Krieg
ist durch nichts, durch gar nichts gerechtfertigt. Die Sanktionen müssen
so schnell wie möglich fallen. Die Bundesregierung muss gegenüber den
USA auf einem klaren „Nein“ zu einem Militärschlag bestehen. Auch die
Europäische Union ist gefordert, geschlossen gegen einen neuen Krieg am
Golf aufzutreten.“
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