|
Dr. André Brie:
„Brüsseler Spitzen“ für Neues Deutschland, 24. November 2004
Kampfgruppen der Europäischen Klasse
Die Bundeswehr in
der Côte d'Ivoire, polnische Kampfeinheiten im Kongo, finnische Soldaten
in Tschetschenien: Geht es nach den EU-Verteidigungsministern, sollen
schon im kommenden Jahr europäische Truppen weltweit Krisenherde
befrieden. Am Montag einigte sich die Runde in Brüssel darauf, insgesamt
13 so genannte Battle Groups, die auch parallel in den Kampf ziehen
können, einzurichten. Die jeweils etwa 1.500 Mann starken Trupps sollen
innerhalb von fünf bis zehn Tagen im wahrsten Sinne des Wortes Gewehr bei
Fuß stehen. Dass in solch kurzer Zeit ein UN-Mandat als deklarierte
Einsatzgrundlage vorliegen wird, darf getrost bezweifelt und als
Beschwichtigung der Öffentlichkeit betrachtet werden.
Deutschland will
sich an gleich vier Battle Groups beteiligen. Überraschend ist das nicht,
war doch Berlin neben Paris und London deren Vorreiter. Im November 2003
hatten Großbritannien und Frankreich die Bildung flexibler Kampfeinheiten
angeregt; im Februar diesen Jahres wurde das Konzept unter deutscher
Beteiligung offiziell in Brüssel vorgelegt. Offensichtlich ging den drei
Staaten die Militarisierung Westeuropas zu schleppend voran. Weil die
ersten Einheiten nun bereits 2005 ausrücken sollen, muss man sich sogar
die Transportflugzeuge für die Einsätze leihen – von der Ukraine. Dass die
frühere Sowjetrepublik derzeit von vielen im Westen als undemokratisch
gescholten wird, spielt dabei keine Rolle.
Ebenso wenig
übrigens die Frage, welchen Sinn militärische Eingreiftruppen machen.
Natürlich ist es wichtig, regionale Konflikte zu entschärfen – um eine
internationale Destabilisierung zu verhindern und nicht zuletzt, um
humanitäre Katastrophen, wie gegenwärtig in der sudanesischen
Darfur-Region, zu verhindern. Aber erstens versagen die internationale
Gemeinschaft, die EU und die westlichen Staaten nahezu vollständig bei
einer Politik, solche Krisen gar nicht erst entstehen oder frühzeitig und
zivil einzudämmen, während sie immer häufiger und an immer mehr Orten ihr
Heil in Militärinterventionen suchen. Im Gegenteil, korrupte oder
diktatorische Regimes sind privilegierte Partner des Westens, wenn sie
über Erdöl verfügen oder als militärisch gebraucht werden. Und zweitens:
Wo hat der Truppeneinsatz tatsächlich geholfen? In Afghanistan, das nicht
nur vom Krieg der Warlords gezeichnet wird, sondern laut jüngsten
UNO-Angaben auch zum Drogenstaat verkommen könnte? Im Irak, der mit der
Einbindung der „Partner“ Washingtons nach dem angloamerikanischen Überfall
befriedet werden sollte, aber keinen Tag ohne Anschläge und Gewalt erlebt?
Im Kongo, in der Elfenbeinküste, in Kolumbien? Oder im Kosovo, wo nun
nicht mehr die Albaner diskriminiert werden, aber die Serben um ihr Leben
fürchten müssen?
Nein, es geht nicht
um nationale Verteidigung, internationale Stabilität und Sicherheit, es
geht nicht um den Kampf gegen Terror – der ist mit Krieg nur zu
rekrutieren, aber nicht zu gewinnen. Es geht um Großmachtsambitionen, um
Weltbeherrschung an der Seite der USA oder auch im partiellen Wettbewerb
mit ihr, um Aufteilung lukrativer Märkte und Rohstoffquellen, um die
Durchsetzung eigener, europäischer Interessen. Bestätigt wird dies auch
dadurch, dass für die zivile Konfliktprävention und Krisenbeilegung –
beispielsweise durch Polizei und Justizkräfte, durch Katastrophenschutz,
Hilfsdienste und administrative Unterstützung – nur wenige hundert
Experten bereit gestellt werden sollen.
Auch wenn es auf den
ersten Blick anders aussieht: Mit den Battle Groups gibt Europa nicht
zuletzt ein weiteres – vielleicht das letzte – Stück eigenständiger
Sicherheitspolitik auf. Denn der Aufbau europäischer Kampfverbände ist
nicht die Abnabelung von Washington und NATO, sondern faktisch die
Unterordnung unter deren Vorgaben. Wie erklärte der niederländische
Verteidigungsminister Henk Kamp nach der Brüssler Entscheidung über die
Battle Groups ungewollt offen: „Das Konzept ist vollständig vereinbar mit
der Schnellen Eingreiftruppe der NATO.“ |
|