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André Brie, 20. September 2005, Beitrag für den
„Freitag“ zum UN-Gipfel
Der UN-Gipfel in New York
Was der damalige Präsident Clinton vor dem US-Senat
auf den Punkt gebracht hatte („Die UN sind dort für uns wichtig, wo wir
keine Interessen haben.“), war schon zuvor Politik der US-amerikanischen
Administrationen. Mit dem Irak-Krieg stürzten die USA die Organisation der
Vereinten Nationen 2003 in eine existenzielle Krise. Ohnehin war die
Aufgabe ungelöst, die UNO 60 Jahre nach ihrer Gründung fit zu machen für
die Herausforderungen nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, vor allem
für die großen, globalen Entwicklungserfordernisse, Hunger, Armut,
Massenkrankheiten, Umweltzerstörung effektiv zu bekämpfen, Frieden,
Abrüstung und Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen zu
gewährleisten. Mit ambitiösen Vorstellungen gerade in diesen Fragen sowie
für eine innere Reform der UN waren Generalsekretär Kofi Annan und eine
von ihm eingesetzte Expertengruppe hervorgetreten. Die Erwartungen waren
groß, die Reformnotwendigkeiten noch größer, die Bereitschaft vieler
Regierungen, sie konstruktiv zu beantworten, war jedoch erbärmlich gering.
140 Staats- und Regierungschefs der inzwischen 1991 Mitgliedsländer
versammelten sich unter dem Schutz Zehntausender Polizistinnen und
Polizisten in der vergangenen Woche in New York zum größten Gipfeltreffen
in der Geschichte der Organisation der Vereinten Nationen. Das sie
überhaupt ein Abschlussdokument verabschiedeten, war nach der
Frontalattacke des US-Botschafters Bolton im Sommer vielleicht ein Wunder.
Mit Hunderten kurzfristigen Änderungsanträgen hatten die USA dem
ursprünglichen Entwurf fast seine gesamte Substanz nehmen wollen. Und
auch, wenn sie in zahlreichen Fragen einen Rückzieher machen mussten,
Bolton hat seine Aufgabe erfüllt. Die Messlatte wurde so tief gehängt,
dass man sie kaum noch reißen konnte. Der Gipfel gebar ein Mäuschen.
Diese skeptische Einschätzung kann man relativieren.
Erstens bleibt die alles andere als selbstverständliche und bei weitem
nicht realisierte Chance bestehen, dass die UNO ihre Rolle als universelle
und wirkungsvolle Staatenorganisation wahrnehmen kann. ihre Charta
weiterhin die Grundlage des Völkerrechts bildet. Die UN kann noch immer,
aber sie muss nicht das Schicksal des Völkerbundes erleiden. Das
Abschlussdokument bekennt sich zu den Verpflichtungen und Prinzipien der
Charta, insbesondere zur souveränen Gleichheit der Staaten, der Ächtung
von Gewalt und Gewaltandrohung, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, der
universellen Gültigkeit der Menschenrechte. Zweitens sind die Millenium
Development Goals, die strategischen Entwicklungsziele des
Milleniumgipfels aus dem Jahr 2000 wenigstens grundsätzlich bekräftigt
worden.
Aber eben in dieser Hinsicht sind die Probleme und
die anhaltende Krise und Schwäche der UN offenkundig. Obwohl Armut und
Hunger, Unterentwicklung, zerstörerische soziale, ökologische, kulturelle
und wirtschaftliche Fehlentwicklung, Kriege und andere Konflikte ein
katastrophales Ausmaß besitzen, steht schon fünf Jahre nach der
Verabschiedung der Milleniumsziele fest, dass die meisten von ihnen bis
zum Zieljahr 2015 nicht erreicht werden. Nicht die Halbierung von Armut,
nicht die Halbierung von Hunger und Verhungern, nicht die Versorgung aller
Menschen mit sauberem Trinkwasser, aller Mädchen und Jungen mit
Schulbildung, kaum auch die Bekämpfung von HIV/AIDS. Das Abschlussdokument
hat in zahlreichen Fällen bisherige konkrete Festlegungen und
Verpflichtungen abgeschwächt. Eine globale Umweltorganisation ist nicht
zustande gekommen, die spezifischen Ziele für die Bildung von Mädchen und
Frauen werden nicht mehr erwähnt, von Abrüstung und Nichtweiterverbreitung
ist nicht einmal mit einem einzigen Wort die Rede.
Die europäischen Regierungsvertreter äußern darüber
Enttäuschung, aber auch in den „EU-Prioritäten für die 60. Sitzung der
UN-Generalversammlung“ vom 22. Juli 2005 finden sich diese Aufgaben nur in
metaphysischer Verallgemeinerung. Der Streit um die ebenfalls gescheiterte
Reform und Erweiterung des Sicherheitsrates hatte für die meisten
europäischen Regierungen weitaus größere Bedeutung. Die europäische
Sprachregelung für die Einschätzung des Gipfels scheint allerdings Konsens
zwischen den Regierungen zu sein. Mehr sei angesichts der USA-Politik und
anderer Widerstände nicht möglich gewesen. Im Gegenteil. „Das Glas sei
halbvoll, nicht halbleer.“ Angesichts der anhaltenden Gefährdung der UNO
und ihrer einzigartigen Bedeutung, auch als Alternative zum hegemonialen
Unilateralismus und Militarismus der Bush-Politik, kann man auch
Hoffnungen mit dem Abschlussdokument verbinden, aber ob da überhaupt ein,
wie auch immer gefülltes, Glas zu finden ist, bleibt offen. |
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