|
Artikel für das
Neue Deutschland vom 27. November 2000
Auf
dem Weg zur Europäischen Militärunion
Der Aufbau einer „europäischen“ Interventionstruppe wird
in einem Tempo umgesetzt, dass angesichts der sprichwörtlichen
Langsamkeit sonstiger EU-Politik erstaunt. Offensichtlich sind das
Interesse der westeuropäischen Großmächte an einer eigenen Streitmacht
und an einer militärischen Dimension der europäischen Integration
ausgesprochen groß, die Widersprüche ihrer jeweiligen damit verfolgten
Ambitionen in diesem Stadium gering, der Widerstand kritischer Kräfte
schwach. Letzteres mag auch daran liegen, dass es die Regierungen sorgfältig
vermeiden, die Öffentlichkeit und die Parlamente zu informieren und in
die Diskussion und Entscheidung einzubeziehen.
Bis 2003 soll die Truppe Gewehr bei Fuß, Rakete an Bord,
stehen. Die politischen und militärischen Strukturen arbeiten bereits (Ständiger
Ausschuss für politische und Sicherheitsfragen; Militärausschuss; Militärischer
Stab). Die anderen beiden von den Regierungen propagierten und
beschlossenen „Pfeiler“ der Gemeinsamen Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungspolitik (eine präventive Sicherheitspolitik mit
menschenrechtlicher und entwicklungspolitischer Orientierung sowie die
zivile Konfliktbearbeitung) sind dagegen weit zurückgeblieben oder werden
lediglich dann verfolgt, wenn keine wirtschaftlichen und strategischen
Interessen des Westens ihnen entgegenstehen.
Die Aufstellung der Interventionstruppe geht auf den
Amsterdamer Vertrag zurück, eigene Möglichkeiten für ein autonomes militärisches
Handeln der EU-Staaten – gegebenenfalls auch unter Verletzung der
UNO-Charta – zu schaffen, dafür auf die WEU zurückzugreifen und sie
schrittweise in die EU zu integrieren, die automatische Beistandsklausel
des WEU-Vertrages (die es im NATO-Vertrag nicht gibt) eingeschlossen. Erklärtes Ziel der Aufstellung
einer ca. 60 000 Soldaten starken „europäischen“ Eingreiftruppe (zu
der auch Einheiten aus Ländern gehören werden, die nicht oder noch nicht
Mitglied der EU sind) ist die militärische und politische Fähigkeit,
international, auch außereuropäisch, in Konflikten
„friedenserhaltend“ und „friedenerzwingend“, zusätzlich und mehr
oder minder unabhängig von der NATO eingreifen zu können (als „Fach“begriff
dafür wird von den „Petersberg“- Aufgaben gesprochen – Petersberger Erklärung der WEU vom 19. Juni 1992,
die eigenständige militärische Aktionen außerhalb der NATO vorsah). Militärisches
Kriterium ist zynischerweise eine Kapazität, die „anderthalb“
Kosovo-Kriegen entsprechen soll. Die
Verlegung dieser Streitmacht soll im vollen Umfang innerhalb von 60 Tagen
und für mindestens ein Jahr möglich sein. Da mit einer Ablösung der Truppen
im Halbjahresrhythmus gerechnet wird und sich etwa ein Drittel der
gesamten Streitmacht jeweils in der Ausbildung befinden wird, werden
insgesamt 180 000 bis 200 000 Soldaten benötigt.
Es gilt als verpönt und als Übertreibung von einer „europäischen
Armee“ zu sprechen. Angesichts dieser Zahlen und Absichten ist es aber
durchaus angebracht. Schließlich geht es den EU-Regierungen um eine
hochmoderne, hochmobile, hochoffensive Streitmacht mit strategischen
Lufttransportkapazitäten, hochtechnologischen Luft- und Seestreitkräften.
In Toulouse wird auf der Basis des „Airbus“ ein militärisches
Transportflugzeug gebaut, das die für die westeuropäischen Militärs demütigende
Abhängigkeit von amerikanischen und russischen Transportern beenden soll.
Dann werden aber auch die derzeitigen Grenzen des „europäischen“
Ehrgeizes schnell sichtbar: Die strategische Aufklärung und elektronische
Führung der EU-Streitmacht wird in absehbarer Zukunft von den USA
bereitgestellt werden müssen, auch wenn Frankreich und Deutschland aktiv
die Entwicklung eigener Spionage- und Navigationssatelliten betreiben.
Ohnehin spricht fast alles dafür, dass das von einigen Staaten und
politischen Kräften ernsthaft verfolgte Ziel einer größeren
sicherheitspolitischen Unabhängigkeit von den USA zum einen illusionär,
zum anderen zugunsten einer engen Anbindung an die NATO zumindest gegenwärtig
aufgegeben worden ist.
Obwohl die Widersprüche und die unterschiedlichen
rechtlichen und politischen Bedingungen der beteiligten Staaten bislang
sekundär scheinen und die allgemeine Entwicklungsrichtung nicht in Frage
gestellt wird, sind grundlegende Fragen ungelöst und werden Gegenstand künftiger
Auseinandersetzungen sein. Dazu gehören die institutionellen Fragen
(formelle Übernahme des WEU-Vertrages; juristische und politische
Grundlagen des Zusammenwirkens zwischen den 15 EU-Mitgliedern und den
weiteren in der einen oder anderen Form beteiligten 15 Staaten;
parlamentarische Kontrolle; die Respektierung des nichtpaktgebunden bzw.
neutralen Status einiger Teilnehmerländer; Verhältnis zur NATO), vor
allem aber auch entscheidende politische Perspektiven: die Rolle der UNO
und ihrer Charta, der OSZE, die Beziehungen mit Russland, das Verhältnis
zwischen präventiver und ziviler Sicherheitspolitik und militärischer.
Bleibt es beim Desinteresse der Öffentlichkeit droht aber wohl endgültig
eine Militarisierungstendenz europäischer Außen- und Sicherheitspolitik,
denn die Widerstände sind erschreckend schwach geworden. Auch im Europäischen Parlament finden die eigentlich selbstverständlichen
Anträge, der EU-Politik die UN-Charta zugrunde zu legen, nur noch die
Zustimmung von 10 bis 15 % der Abgeordneten.
|
|