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André
Brie, 25. April 2002, Artikel für „Neues Deutschland“
„Lieber
die Schmerzen eines Friedens“
Ein
Pazifismus, der den kapitalistischen Völkerkrieg verhindern sollte, gehörte
zu den wesentlichen Motiven der entstehenden internationalen
Arbeiterbewegung. Noch am 1. Mai 1914 mobilisierte er europaweit Millionen
Menschen. Es war ein konkreter Pazifismus, der Einschränkungen und
Widersprüche kannte. Die bewaffnete Revolution galt damals als eine
selbstverständliche und wahrscheinliche Möglichkeit. Die Verantwortung,
die Revolutionäre in solchem Fall übernehmen, schilderte Marx nicht nur
einmal mit eindringlichen, von seinen Erben kaum beachteten Worten. Im
deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wechselten Bebel und Wilhelm
Liebknecht ihre Haltung mit dem sich verändernden Charakter des Krieges völlig
– von Unterstützung des deutschen Vorgehens zu scharfer Ablehnung. Wer
die Argumente nachliest, wird ihre Überzeugungskraft vielleicht noch
heute spüren. Der Pazifismus der Arbeiterbewegung war konkret politisch.
Aber daran lag es nicht, dass ein Vierteljahr nach dem 1. Mai 1914
vom antinationalistischen und antikapitalistischen Pazifismus der europäischen
Arbeiterbewegung nur ein Trümmerhaufen übrig war. Selbst Karl Liebknecht
wagte bei der ersten Bewilligung der Kriegskredite im Reichstag nicht,
dagegen zu stimmen. Chauvinistische Hysterie herrschte auch in den
Arbeitervierteln von Berlin, Paris, Wien. Wohlfeile Begründungen für
ihren Verrat an der eben noch verkündeten Antikriegspolitik hatten sie
alle parat. Leidenschaftliches Engagement für Frieden, gegen Völkerhass
und militärisches Morden gab es seitdem innerhalb und außerhalb der
Linken in allen Fällen, wenn das Nein zur Barbarei des Krieges hörbar
werden musste. Manchmal und unter konkreten Bedingungen vermochten
politisch vielgestaltige Bewegungen Hunderttausender Menschen, sogar
Frieden zu erzwingen. In Algerien. In Vietnam. Vor zwei Jahren im kleinen,
so viele Jahrzehnte geschundenen Osttimor. Aber eine dauerhaft machtvolle,
politisch durchsetzungsfähige Antikriegsbewegung hat es seit 1914 nicht
mehr gegeben. 4000 Jahre Kriege auf diesem Erdball mit immer furchtbareren
Waffen und alter Barbarei, mit immer moderneren Rüstungen und immer den
gleichen, archaischen Legitimierungen – sie wurden im zwanzigsten
Jahrhundert nicht gestoppt. Auch nicht von jener Roten Armee, die sich als
Friedenskraft sah und den Schauplatz der Geschichte kurz nach ihrem
blutigen, völkerrechtswidrigen und erfolglosen Krieg in Afghanistan
verließ.
Frieden bleibt das Wichtigste, Existenziellste, Menschlichste. Viel
mehr als zuvor. Die zerstobenen Hoffnungen des 20. werden nach meiner Überzeugung
im 22. Jahrhundert nicht mehr eingelöst werden können. Jetzt oder nicht
mehr. Das klingt nach diesen 4000 Jahren illusionär. Aber außerhalb
dieser Utopie wird in absehbarer Zeit für jene biologische Gattung, die
als einzige Krieg zu führen vermag, kein Ort bleiben. Den Satz „Lieber
die Schmerzen eines Friedens als die Agonie des Krieges“ sah ich beim
Besuch des zerschossenen, gesprengten und niedergewalzten palästinensischen
Flüchtlingslagers Dschenin am 23. April. Der beiderseitige Hass, der
offenkundige gegenseitige Rassismus, die nüchterne Irrationalität und
das irrationale Kalkül der herrschenden Politiken, die Spirale von Gewalt
und Gegengewalt, bei der längst niemand mehr zu sagen vermag, was gerade
die Aktion, was die Reaktion ist, kann keinen schmerzlosen, idealen
Frieden im Nahen Osten verheißen. Klar ist den Vernünftigen im Nahen
Osten und anderswo, dass es keine Lösung geben kann, ohne die eigentliche
Wurzel dieses entsetzlichen Konfliktes zu beseitigen: die Okkupation Palästinas
durch Israel. Letztlich wird Israel selbst als demokratischer Staat nicht
fortexistieren können, wenn es diesen Schritt nicht geht. Dschenin führte
mit grauenhaften Bildern und Geschehnissen vor Augen, dass Okkupations-
und Kriegspolitik selbst Gesellschaften verrohen lassen, die mit
demokratischem Anspruch entstanden sind und sich entwickelt haben. Aber
einen Ausweg aus dieser extremen Situation werden nicht kluge Konzepte
bringen, sondern eine Antikriegshaltung, die konkret ist, diese
verworrenen Widersprüche realistisch aufnimmt, ein Frieden, der
schmerzlich sein wird, weil er auch im unerlässlichen Fall des vollständigen
Rückzugs Israels beiden Seiten abverlangt, die blutenden Wunden von
Unterdrückung und Terroranschlägen zurückzulassen. Er wird auch
schmerzlich für jene sein, die glauben, dass Pazifismus nicht konkret
sein muss, dass Frieden im Nahen Osten möglich sein wird ohne Beteiligung
internationaler Truppen. Es wird bitter. Alles andere jedoch, ich hab es
vor Ort gesehen, wird entsetzlich. Und selbst von dieser Lösung kann noch
lange nicht die Rede sein.
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