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André
Brie, Beitrag für den „Freitag“ August 2003
Amerikanische
„Befriedung“
Ein
„Klima der Angst“ herrscht in Afghanistan. Die
Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zeichnete in ihrem jüngsten
Report ein düsteres Bild der Lage in dem Land am Hindukusch.
Erpressungen, willkürliche Verhaftungen und Überfälle seien an der
Tagesordnung, die Gewalt gegen Frauen nehme zu. Die Sicherheitslage gefährde
die Arbeit an einer neuen Verfassung und die anstehenden Wahlen. Offen
benannte die Organisation auch die Verantwortlichen für diese
Entwicklung: „Nach dem Sturz der Taliban haben die USA und ihre
Koalitionspartner den Warlords zur Macht verholfen." Nicht selten
seien Sicherheitskräfte und Politiker direkt und indirekt an
Menschenrechtsverstößen beteiligt.
Überraschen
kann diese Entwicklung nicht. Denn die Afghanistan-Strategie Washingtons
ist gründlich gescheitert. Allerdings: Ein tatsächlich strategisches
Herangehen hat es nie gegeben. Schon vor den US-Krieg gegen Afghanistan
hatten Kritiker darauf verwiesen, dass mit Militärschlägen weder eine
Demokratisierung des Landes erreicht, noch die Wurzeln des internationalen
Terrorismus beseitigt werden können. (Nebenbei: Stichhaltigen Beweise,
dass tatsächlich die Taliban oder El Kaida hinter den Anschlägen vom 11.
September 2001 steckten, sind die USA bis heute schuldig geblieben.)
Trotzdem starteten die US-Bomber im Oktober 2001 ihre massiven Angriffe
auf Afghanistan.
Die
militärische „Befriedung“ führte zwar zur Entmachtung der Taliban in
Kabul. An der wirtschaftlichen und sozialen Realität im Land hat sich
jedoch nichts geändert. Washington hat stets Konzepte für das Führen
von Kriegen, jedoch nie zur Lösung der ursächlichen Probleme. Nach wie
vor gehört Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt, immer noch
werden Frauen und Mädchen diskriminiert (nur 30 Prozent der Mädchen können
außerhalb der Hauptstadt eine Schule besuchen!). Völlig ungelöst ist
die Sicherheitsproblematik; die Drogenproduktion nimmt – toleriert von
den US-Truppen – wieder rapide zu und lässt die Kassen der Warlords
klingeln. Tragfähige Programme, gerade zur Verbesserung der
katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Situation, fehlen bis zum
heutigen Tag. Die zugesagten finanziellen Hilfen der internationalen
Gemeinschaft sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Finanzbedarf
Afghanistans in den nächsten zehn Jahren wird von den UN auf mindestens
15 Milliarden Dollar geschätzt. Die Geberkonferenz im März hat für die
kommenden zwölf Monate aber gerade einmal 1,8 Milliarden Dollar zugesagt.
Hinzu
kommt, dass die Handlungsfähigkeit des afghanischen Präsidenten Hamid
Karsai auf die Hauptstadt beschränkt bleibt und sich Spannungen innerhalb
der Regierung, geschürt durch verschiedene Stammesinteressen, mehren. Große
Bevölkerungsgruppen, wie die Paschtunen, werden mit amerikanischer
Unterstützung von der Macht fern gehalten. Bestehende Konflikte werden
damit verschärft, neue angefacht.
Daran
wird sich auch nichts ändern, wenn am 11. August die NATO das Kommando über
die internationale Afghanistan-Schutztruppe ISAF übernimmt. Auch die
Entsendung von regionalen „Wiederaufbauteams“, die derzeit in
Deutschland diskutiert wird, ist wohl eher symbolisch und als Anbiederung
an Washington zu verstehen. Die Warlords, von den USA im Kampf gegen die
Taliban hofiert und unterstützt, lassen sich ihren Einfluss nicht nehmen.
Dass sie vor schwersten Menschenrechtsverbrechen, wie der Ermordung
Hunderter Gefangener in Mazar-i-Sharif, nicht zurück schrecken, ist
bekannt. Dabei können sie durchaus auf ihren „Verbündeten“ USA
verweisen: Die Missachtung des Völkerrechts, die Nichtanerkennung des
Internationalen Strafgerichtshofs oder die menschenunwürdige Behandlung
und Entrechtung von Häftlingen auf Guantanamo und dem US-Stützpunkt
Bagram bei Kabul scheinen legitim, wenn sie der Durchsetzung eigener
Interessen dienen.
Eine
wirkliche Befriedung Afghanistans wird Jahre brauchen. Statt eines
erweiterten Mandats für NATO und ISAF ist der Aufbau einer handlungsfähigen
nationalen afghanischen Polizei und von nationalen Sicherheitskräften
notwendig. Parallel dazu muss die internationale Hilfe verstärkt und auf
alle Landesteile ausgeweitet werden. Die Geberkonferenz, die im September
erneut zusammen treten wird, muss in dieser Hinsicht Zeichen setzen.
(Der
Autor, PDS-Europaabgeordneter, informierte sich im Juni in Afghanistan über
die politische, wirtschaftliche und soziale Situation.)
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