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André Brie; 4. Juli 2002, Beitrag für den „Freitag“ vom
12. Juli 2002
Zur vierjährigen Bilanz "rot-grüner" Außenpolitik
„Die im Amsterdamer Vertrag geschaffenen Instrumente und
Mechanismen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik wird die neue
Bundesregierung nutzen, um die EU auf dem Feld der internationalen Politik
handlungsfähig zu machen und die gemeinsame Vertretung europäischer
Interessen voranzutreiben.“ Was in der rot-grünen
Koalitionsvereinbarung von Ende 1998 noch gut klang, ist vier Jahre später
kaum noch das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde. Natürlich war es
nicht die Bundesregierung allein, ihre wichtigsten Partner verhielten sich
kaum anders, doch unter der Schröder-Fischer-Ägide wurde die Chance,
eine eigenständige europäische – und deutsche – Außenpolitik zu
betreiben, vertan. Da gleichzeitig auch ihre Notwendigkeit wesentlich größer
geworden ist, ist der Schaden bedrohlich, den abzuwenden, die Amtseide von
Bundeskanzler und Außenminister verlangt hätten.
Nahezu
kritiklos werden die Leitlinien der Weltpolitik aus Washington übernommen.
Schlimmer noch: Spätestens seit dem 11. September ist es in Brüssel wie
Berlin offenbar sogar obsolet, eigene Interessen auch nur zu definieren,
geschweige denn, sie öffentlich zu artikulieren.
Die Entwicklung ist durchaus bemerkenswert. Hatte man doch
gerade bei einer aus SPD und Grünen gebildeten Bundesregierung eine größere
Distanz zur westlichen Führungsmacht vermutet. Obgleich nie offen
ausgesprochen, ließ der Wahlkampf von Sozialdemokraten und deren grünen
Wunschpartnern im Jahre 1998 ein selbstbewussteres Verhältnis gegenüber
Washington erwarten. In der Rückblende erscheint Helmut Kohl nun gar als
konsequenterer Vertreter europäischer Interessen.
In der Jugoslawien-Krise wenige Monate nach Amtsantritt der
Schröder-Regierung wurde die weitgehende Übernahme der Vorgaben aus den
USA bereits offensichtlich. Die von Washington nicht ganz zu Unrecht
erhobene Forderung, Europa müsse sich der Konflikte auf dem alten
Kontinent selbst annehmen, führte in Berlin zu fatalen Konsequenzen.
Statt in der politisch-diplomatisch Prävention tätig zu werden, wie dies
die Koalitionsvereinbarung explizit verlangte, folgte die Bundesregierung
im Frühjahr 1999 dem von Washington vorgegebenen militärischen Kurs
gegenüber Belgrad – nicht ohne dabei die NATO noch propagandistisch,
wie mit der Mär vom „Hufeisenplan“, aufzumunitionieren. Nebenbei
bemerkt fiel der Luftkrieg gegen Jugoslawien ebenso in die Zeit der
deutschen EU-Ratspräsidentschaft wie die Weichenstellung für eine europäische
Eingreiftruppe. Zum gleichen Zeitpunkt wurde in Ottawa die neue Militär-
und Nuklearstrategie der NATO abgenickt, deren negative Konsequenzen sich
inzwischen dramatisch in der Bush-Doktrin und der Nuclear Posture Review
zeigen, auch wenn 1999 noch festgestellt wurde, dass "die Umstände,
unter denen ein Einsatz von Kernwaffen in Betracht zu ziehen wäre, in äußerste
Ferne gerückt sind." Der präventive Interventionismus der neuen
US-Konzeptionen wird durch die Bundesregierung nicht einmal mit Verweis
auf solche Aspekte der gültigen NATO-Strategie kritisiert. Kein Wunder,
dass inzwischen selbst die NATO für die USA nur noch Instrument der
Einbindung der westeuropäischen Mächte in den eigenen Vorherrschaftskurs
ist.
Auch bei
anderen internationalen Krisenherden ist das Fehlen deutscher und europäischer
Initiativen und Taten eklatant. „Dauerbrenner“ in dieser Hinsicht ist
der Nahostkonflikt, in dem Europa seit Jahren allein die selbst auferlegte
Rolle eines mahnenden Zuschauers zukommt. Dabei verfügen die EU-Staaten
gerade in dieser Region über gute Beziehungen zu beiden Konfliktparteien,
die zu nutzen wären, um auf dem Verhandlungsweg ein Ende der Gewalt zu
forcieren. Fischer selbst war ja auf einem guten Weg, doch nie bereit, ihn
auszuschreiten. Besonders gefährlich ist die europäische Zurückhaltung
hinsichtlich der US-amerikanischen Vorbereitung eines Krieges gegen den
Irak, mit dem die Pulverschnur zu den vielfältigen Konfliktherden in der
gesamten ararbischen und islamischen Welt, im Nahen und Mittleren Osten,
im Kaukasus und Zentralasien entzündet werden könnte. Wurde das Schüren
der Spannungen in den vergangenen Jahren mehr oder weniger ignoriert,
machen sich einzelne Regierungen in der EU inzwischen bereits zum
Handlanger US-amerikanischer Interventionspolitik. Die Drohungen vom März
diesen Jahres aus London, gegen den Golfstaat „im Falle eines
Angriffs“ auch Atomwaffen einzusetzen, blieben in Brüssel wie den
Hauptstädten der Europäischen Union unkommentiert.
Die Erklärung
der „uneingeschränkten Solidarität“ mit den USA nach den
Terroranschlägen in New York und Washington, was zugleich das kritiklose
Mittragen militärischer Aktionen bedeutete, war angesichts dieser
Entwicklung nur folgerichtig. Zumindest in Europa hätte es nicht des
Verweises aus dem Weißen Haus „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“
bedurft, um sich die Zustimmung zum „Anti-Terror-Krieg“ zu sichern.
Der Unilaterismus der US-amerikanischen Politik stellt jedoch eine
Bedrohung für die Stabilität der internationalen Beziehungen und für
die Existenz von Völkerrecht dar. Er gefährdet akut die wesentlichen
Spielräume der europäischen Staaten, ihre internationalen Interessen zu
realisieren, die ganz und gar nicht identisch sind mit jenen der USA,
sondern die Entwicklung einer Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik
verlangen, die diesen Namen verdient und die anders als die Politik der
USA an der UNO-Charta, der Stärkung der Vereinten Nationen und an einem
kooperativen Multilateralismus in den internationalen Beziehungen
orientiert ist.
Die Frage
bleibt, weshalb sich Deutschland und die EU ohne wirklichen Zwang und ohne
zu erwartende „Gegenleistungen“ ins Fahrwasser der US-Politik begaben
und begeben. Weder bei der von den Europäern gewünschten Beibehaltung
des Vertrags über die Begrenzung der Raketenabwehrsysteme (ABM) und den
Warnungen vor der Errichtung eines Raketenabwehrschildes (NMD), noch bei
Ächtung von Massenvernichtungswaffen, Klimaschutz oder Entwicklungshilfe
kam Washington seinen „Partnern“ auch nur einen Schritt entgegen. Im
Gegenteil: In ihrer Ablehnung des Internationalen Strafgerichtshofs gingen
die USA sogar soweit, ein Gesetz zu verabschieden, das de facto eine
Intervention in der Niederlande ermöglicht, um am Gerichtssitz in Den
Haag internierte US-Bürger zu befreien. Die Absicht, Amerikanern
international Immunität selbst bei Verdacht schwerster Rechtsvergehen zu
gewähren, sei „nicht verständlich“, hieß es in EU-Europa lediglich.
Offenbar ist die Europäische Union nicht fähig oder bereit,
die viel gepriesene Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik wirklich in
die Tat umzusetzen. Die sehr unterschiedlichen nationalen Interessen mögen
ein Grund dafür sein, das Wiedererstarken nationalstaatlicher Elemente
ein anderer. Die Ablehnung einer stabilitätsbedrohenden Politik, wie sie
von Washington betrieben wird, muss jedoch der gemeinsame Nenner in der EU
sein. So lange aber die europäischen Regierungen, insbesondere auch die
deutsche, nicht einmal bereit sind, diese Differenz öffentlich zu
benennen, wird eine eigenständigere Politik unmöglich bleiben.
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