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André
Brie; 18. Juni 2002, Beitrag für den „Freitag“ vom 21. Juni 2002
Die
USA, die EU und das Massaker von Mazar
Der
Krieg der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan war bisher ein Krieg
fast ohne Bilder und Namen. Ein blutleerer Krieg, könnte man etwas
zynisch anmerken. Der Öffentlichkeit waren fast ein Dreivierteljahr lang
Computerbilder, Luftaufnahmen, unbekannte Ortschaften, Zahlen oder
allenfalls die Gefangenenbilder von Guantanamo vorbehalten. Wer sich über
die zivilen Opfer dieses "Krieges gegen den Terror" informieren
wollte, stieß auf die peinlich-widerlichen Argumentationen des Pentagon
über unvermeidliche "Kollateralschäden" oder musste sich auf
der homepage des amerikanischen Universitätsprofessors Marc W. Herold
durch fast zweihundertseitige Tabelle lesen, in denen militärische
Aktionen und Akteure sowie Tote und Verwundete aus Dutzenden
internationalen Quellen zusammengestellt worden sind. Der derzeit letzte
Eintrag mit Toten datiert vom 1. Juni und nennt drei von US-Streitkräften
unschuldig Getötete und vier Verwundete im Dorf Kharwar (http://pubpages.unh.edu/~mwherold/).
Dass es Strategie der Propagandisten im Pentagon und in den
US-Geheimdiensten ist, den edlen Krieg gegen den internationalen
Terrorismus nicht mit Bildern von zerfetzten Menschen, Verkrüppelungen,
menschlichem Entsetzen zu beflecken, dürfte klar sein. Warum aber die
internationalen Medien bisher das Kartell des Verschweigens und der
Verschleierung nicht durchbrechen konnten, bleibt trotz des immensen
Drucks aus den USA und der europäischen Schwüre "uneingeschränkter
Unterstützung" rätselhaft. Immerhin gab es von Anfang an beträchtliche
journalistische Kritik am Vorgehen der Bush-Administration, und das nicht
nur im Feuilleton. Folgt man den Meinungsumfragen, so war auch in der
deutschen Bevölkerung die Ablehnung des Afghanistankrieges nicht gering.
Doch ein nahezu virtueller Krieg vermochte offensichtlich auch nicht,
anhaltenden emotionalen Widerstand hervorzurufen.
Der Film des irischen Journalisten Jamie Doran "Das Massaker
von Mazar" mag manches ändern. Man wird sich auseinandersetzen müssen
und können mit den Bildern der Massengräber, der Gefangenen, der
Container, mit denen sie transportiert worden waren, der Zeugen.
Erstens wird zum erstenmal von umfangreichen direkten
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit berichtet. Die
Existenz der Massengräber scheint inzwischen endgültig bewiesen zu sein,
da sie auch von der US-Organisation "Ärzte für Menschenrechte"
bestätigt wird. Deren Untersuchung von drei Leichen hat Tod durch
Ersticken ergeben. Die Übereinstimmung zu Zeugenaussagen in Dorans Film
ist offensichtlich. 150 bis 300 Gefangene sollen jeweils in einen
Metallcontainer gefercht und zum Gefängnis transportiert worden sein, wo
viele tot ankamen. Falls die Beseitigung der Spuren verhindert werden
kann, dürfte eine praktisch lückenlose Aufklärung der Todesursachen und
Geschehnisse möglich sein.
Zweitens: Die Zeugen, die sich zum Teil auch selbst belasten und
alle bereit sind, vor internationalen Gerichten auszusagen, belegen, dass
diese Verbrechen nicht nur von den Verbündeten der USA - der Nordallianz
- begangen wurden, sondern dass auch US-amerikanische Soldaten und
Offiziere an ihnen beteiligt waren. Jamie Doran, dessen Filmografie einen
engagierten und international anerkannten Professionalismus bestätigt,
ist Gewähr dafür, dass diese Zeugen nicht für einen billigen
Propagandafilm "gekauft" wurden. Alle Zweifel können und müssen
von Strafverfolgungsbehörden und Gerichten der USA oder anderer Staaten
ausgeräumt werden. Dass die USA die Operationen in und um Mazar-e Sharif
militärisch geleitet haben und mit Spezialkräften vor Ort gewesen sind,
ist ohnehin offiziell bekannt. Auch, wenn es weiterhin geboten ist,
vorsichtig mit endgültigen Schlussfolgerungen zu sein, werden die Zweifel
an "sauberen" Kriegen nicht mehr verstummen.
Drittens: Natürlich wird die unabhängige internationale
Untersuchung der Massaker und der Massengräber gefordert und durchgestzt
werden müssen. Insbesondere das IKRK, aber auch die UNO müssen aktiv
werden. Im Europäischen Parlament sind solche Forderungen bereits erhoben
worden. Der Menschenrechtsausschuss des Bundestages hat den deutschen Außenminister
um Auskunft gebeten. Die Aussagen des Filmes gebieten meiner Meinung nach
jedoch auch, eine prinzipielle Veränderung der deutschen und europäischen
Politik gegenüber dem Kurs der USA und der Bush-Doktrin einzuleiten. Die
Gründe dafür sind jedoch wesentlich umfassender. Jamie Dorans Film kann
der Katalysator sein, der sie endlich zur Geltung bringt.
Der Unilaterismus der US-amerikanischen Politik stellt nicht nur
eine bedrohliche Gefahr für die Stabilität der internationalen
Beziehungen und geradezu für die Existenz von Völkerrecht dar, sondern
gefährdet auch zunehmend die Möglichkeiten der Europäischen Union und
ihrer Mitgliedstaaten, ihre internationalen Interessen zu wahren. Es geht
nicht darum, Solidarität und Gemeinsamkeit im Kampf gegen den
internationalen Terrorismus zu schwächen. Aber zum einen dürfte noch
klarer werden, dass Krieg Terrorismus nicht nachhaltig besiegen kann,
sondern Verrohung, Militarisierung und letztlich selbst Terror
hervorbringt. Zum anderen verhindert die "uneingeschränkte Unterstützung
der USA" die dringend notwendige Bestimmung und Realisierung
differenter Auffassungen und Interessen. Auch, wenn ich nicht übersehe,
dass einige Politiker in Europa allzu gern bereit sind, sich als
Juniorpartner an der Strategie der USA zu beteiligen, kann ich nur
feststellen, dass "europäische" Interessen damit nicht übereinstimmen
können. So lange aber die europäischen Regierungen, insbesondere auch
die deutsche, nicht einmal bereit sind, diese Interessen öffentlich zu
definieren, wird eine eigenständigere Politik unmöglich bleiben. Die USA
haben in den vergangenen Monaten einen beträchtlichen Teil des
inetrnationalen Rüstungskontrollsystems zerstört oder untergraben,
andere völkerrechtliche Vereinbarungen aus dem (eigenen) Wege geräumt.
Fast zeitgleich mit Jamie Dorans Film hat der USA-Senat beschlossen,
amerikanische Bürger gegebenfalls weltweit (auch in Den Haag!) mit militärischer
Gewalt vor einer Strafverfolgung zu bewahren. Was muss eigentlich noch
geschehen, bevor die deutsche und europäische Außenpolitik zu einer
Emanzipation von den USA bereit sind? Die Kritik an amerikanischen
Vorgehen ist von Colin Powell als "das Gewinsel der Gerechten"
denunziert worden. Es wäre dringend erforderlich, dass diese Kritik die
selbstbewusste Diplomatie und Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik
der Europäischen Union würde.
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