|
André Brie, Beitrag für die Zeitung
"Freitag", Februar 2004
Bedrohliche
Pläne
Der Zeitpunkt war gut
gewählt: Unmittelbar vor der Münchener Sicherheitskonferenz Anfang
Februar unterbreitete NATO-Generalsekretär De Hoop Scheffer den
Verteidigungsministern der Allianz ganz offiziell seinen Vorschlag, die
beiden derzeitigen militärischen Missionen in Afghanistan zusammen zu führen.
Die knapp 6.000 Soldaten der internationale Schutztruppe ISAF (NATO)
sollten künftig gemeinsam mit den etwa 10.000 GI's der Operation Enduring
Freedom (USA) Jagd auf mutmaßliche Terroristen machen und den
„friedlichen Wiederaufbau“ des asiatischen Landes sichern. Obwohl
insbesondere Berlin sofort mit der Formel „Synergien ohne Fusion“
(Bundeskanzler Schröder) bremste, bekam der Vorstoß des neuen NATO-Chefs
die gewollte Öffentlichkeit.
In wessen Namen De Hoop
Scheffer sprach, war klar. Ganz abgesehen davon, dass der Niederländer
schon vor seiner Wahl auf den Spitzenposten des Nordatlantikpaktes zu
Jahresbeginn als Favorit Washingtons galt, fordert Pentagon-Chef Donald
Rumsfeld bereits seit Monaten ein verstärktes Engagement gerade der europäischen
NATO-Mitglieder am Hindukusch. Wenn sich das „alte Europa“ (mit
einigen Ausnahmen) schon nicht an der „Befriedung“ des Irak beteiligt,
dann soll es wenigstens in Afghanistan einen größeren Beitrag als
bislang leisten. Wenn sich die Europäer schon mehrheitlich gegen die
militärische „Konfliktlösung“ im Mittleren Osten ausgesprochen
haben, sollen sie zumindest in den Afghanistan-Feldzug eingebunden werden.
Nichts anderes wäre die
Verknüpfung von ISAF und Enduring Freedom. Während sich die NATO-geführte
Schutztruppe zumindest partiell einen nichtmilitärischen Anstrich gibt
– wie bei der Dislozierung regionaler Wiederaufbauteams –, geht es bei
dem US-Einsatz ausschließlich um die gewaltsame Bekämpfung verbliebener
Taliban-Kämpfer und anderer mutmaßlicher oder tatsächlicher Gegner der
USA und der neuen Macht in Kabul. Die „Erfolge“ der „Freiheits“-Mission
sind bekannt: In den Südprovinzen reorganisieren sich die Taliban-Milizen,
die Militäroperationen treffen häufig Zivilisten, die Zahl der Überfälle
und Anschläge wächst beständig, die Partner der US-Truppen sind jene
regionalen Warlords, denen tausendfache Menschenrechtsverletzungen, Morde,
Dutzende lokale Überfälle, Drogen- und Waffenhandel nachgesagt und
nachgewiesen wird.
Die Verknüpfung von
ISAF und Enduring Freedom hätte vor allem vier Resultate: Eine weitere
Militarisierung des Konflikts, die Gefährdung ziviler Helfer, die
Verwicklung der internationalen Gemeinschaft (ISAF hat ein UN-Mandat) in
die wuchernde Drogenproblematik und die Schwächung der ohnehin in ihrem
Einfluss beschränkten Regierung von Hamid Karzai. Eine weitere
Militarisierung, weil politische und zivilgesellschaftliche Lösungsansätze
weiter in den Hintergrund gedrängt würden. Schon ist die Rede von einer
Aufstockung der internationalen Truppen um bis zu 14.000 Mann. Die Gefährdung
ziviler Helfer, weil deren Trennung vom Militäreinsatz durch
„Schutzaktionen“ noch schwerer erkennbar wäre als heute schon. Erst
am vergangenen Wochenende wurde der Zivilhubschrauber eines
Wiederaufbauteams bewusst von Taliban abgeschossen. Die Verwicklung in die
Drogenproblematik, weil inzwischen in Afghanistan eine Opiumwirtschaft
droht, die vielfältig mit den Machtpositionen der regionalen und lokalen
feldkommandeure und einiger Gouverneure, dem umsichgreifenden Opium-,
Waffen- und Menschenhandel verknüpft ist und auf die von den USA (als
Machtbasis ihrer verbündeten aus der Norallianz) faktisch geduldet wird.
Eine Schwächung der Karzai-Regierung, weil damit deren Handlungsunfähigkeit
bekräftigt und ihr die Initiative zum Ausbau staatlicher Strukturen und
zur eigenständigen Politik aus der Hand genommen wird.
Nicht zuletzt hätte die
Zusammenlegung Folgen für Europa: Auch in Afghanistan würde der Anspruch
einer eigenständigen Außen- und Sicherheitspolitik der EU aufgegeben,
selbst wenn im August das Eurocorps die ISAF-Führung übernehmen soll.
Ein Oberkommandierender für die vereinte Militärmission ist schon im
Gespräch: US-General James Jones.
Der Vorschlag des
NATO-Generalsekretärs bedeutet nur eins: Die Unterordnung der
internationalen Gemeinschaft, der UNO, unter die Politik der USA. Gerade
im Vergleich zum Irak und dem dort praktizierten unilateralen Militarismus
der USA als angeblicher und offenkundig gründlich scheiternder Problemlösung
könnte Afghanistan mit der neuen Verfassung und demokratischen Wahlen,
der Abrüstung der privaten Armeen und einem umfassenden wirtschaftlichen
und sozialen Aufbauwerk ein Beweis dafür werden, dass auf der Grundlage
des Völkerrechts, mit einer starken und solidarischen Rolle der UNO und
eben vor allem demokratischer Entwicklung in Afghanistan selbst
konstruktive Alternativen realisierbar sind. Das "Langzeitziel"
der USA in Afghanistan ist jedoch ein völlig anderes. Es wurde mir und
anderen EU-Parlamentariern von General Vines, dem damaligen US-Kommandeur,
bei einem Briefing am 13. Juni 2003 im Headquarter der "Coalition
Forces" in Baghram (nördlich von Kabul) in brutaler Offenheit
definiert: "Ein Afghanistan, das keine Bedrohung für seine Nachbarn
darstellt, langfristige Sicherheitsbeziehungen zu den USA garantiert und
das Recht der Vereinigten Staaten anerkennt, jederzeit nach Afghanistan
zurückzukehren, wenn diese Ziele gefährdet sind."
|
|