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André Brie, Beitrag für die Zeitung
"Freitag", 8. Januar 2004
Afghanistan, die Verfassung und der Westen - Gedrosseltes
Engagement
Die Einschätzungen nach der Annahme der
afghanischen Verfassung waren überschwänglich. Von „ermutigendem
Erfolg“ (Bundesaußenminister Fischer) bis zu „Grundlage für
demokratische Institutionen“ (US-Präsident Bush) reichten die
Bewertungen. Abgesehen davon, dass die Konstitution kaum demokratisch
legitimiert ist – eine öffentliche Debatte fand nicht statt – war
ihre Verabschiedung längst überfällig. Dies weist auf die
Schwierigkeiten bei der Umsetzung des vor zwei Jahren in Bonn
beschlossenen Demokratisierungsfahrplans hin. Abgesehen davon, dass der
Entwurf nur unter Druck von außen – die Vertreter der UNO und USA
hatten persönlich interveniert – zum Gesetz wurde, bleibt er doch
weitgehend eine - zudem extrem zugespitzte - Kopie des US-amerikanischen
Präsidialsystems. Die Wahl eines Parlaments als Korrektiv zum Präsidenten
wird wohl verschoben. Abgesehen davon, dass allein schon bei der Bestätigung
der Verfassung elementare Grundregeln verletzt wurden – eine Abstimmung
fand praktisch nicht statt – hat das neue Grundgesetz aber vor allem ein
großes Manko: Die Realitäten in Afghanistan sind ganz andere.
Die Demokratisierung Afghanistans findet vorerst nur
auf dem Papier statt. Was nützt die neue Verfassung, wenn ihr
Geltungsbereich faktisch auf die Hauptstadt Kabul beschränkt bleibt? In
den Provinzen haben nach wie vor Warlords und Gouverneure, ausgestattet
mit westlicher Finanzhilfe und dem Geld aus dem Heroinhandel, das Sagen.
Was bringt das das juristische Diskriminierungsverbot, wenn in der Realität
Mädchen nach wie vor der Zugang zu Bildung verwehrt wird und Frauen
zehntausendfach Gefangene ihrer Männer sind? Wie relevant ist das
allgemeine Wahlrecht, wenn Männer ihre Frauen hindern können, sich in
die Stimmlisten einzutragen?
Vielleicht sind die Lobeshymnen westlicher Politiker
auf die afghanische Verfassung aber ja vor allem dazu bestimmt, ihr
schlechtes Gewissen zu beruhigen. Denn Afghanistan ist nicht nur aus dem
Blickwinkel der internationalen Öffentlichkeit gerückt. Teilweise
klammheimlich und teilweise offen wurde das Engagement in dem Land am
Hindukusch reduziert. So wurden für den Wiederaufbau des zerstörten
Landes nur 4,5 Milliarden Dollar für fünf Jahre bereit gestellt – die
tatsächlichen Kosten werden jedoch auf mindestens 30 Milliarden Dollar
geschätzt. Trotzdem hat auch der Rat der Europäischen Union die geplante
Afghanistan-Hilfe 2003 von 184 auf 175 Millionen Euro gesenkt und weitere
Kürzungen angekündigt. Mit dem gedrosselten Finanzfluss ist nicht
zuletzt die planmäßige Durchführung der Wahlen gefährdet.
Natürlich darf es nicht darum gehen, Afghanistan
westliche Demokratiemodelle überzustülpen. Solche Vorhaben haben
wiederholt Konflikte verschärft statt entspannt. Es geht um effiziente
und zielgerichtete internationale Hilfe, um reale Abrüstung der
Privatarmeen und Milizen, um die Festigung nationalstaatlicher Strukturen
bei Berücksichtigung kultureller und religiöser Traditionen und die
Schaffung handlungsfähiger Sicherheitskräfte, um den Ausbau
zivilgesellschaftlichen Strukturen und deren Unterstützung auch von außen.
Sonst würde die Warnung von UN-Generalsekretär Kofi Annan bittere Realität:
„Wir könnten Afghanistan verlieren.“
André Brie, PDS-Europaabgeordneter und
Afghanistan-Berichterstatter des Europäischen Parlaments
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